Berlin - Am Ablauf hatte es nicht gelegen. Rechter Fuß leicht vor dem linken, zwei leichte Dribbelschläge mit der rechten Hand, gefolgt von drei härteren, die Knie leicht gebeugt, das Gesäß unten, der Rücken gerade, bevor der Körper in einer flüssigen Bewegung wieder nach oben geführt und das Handgelenk abgeklappt wird. In der technischen Ausführung war der eigentliche Wurf perfekt, auch die individuellen Abläufe stimmten. Und dennoch verfehlte Niels Giffey seinen Freiwurf bei noch gut zwei Minuten Spielzeit des ersten Playoff-Halbfinals gegen Ulm. In einem knappen Spiel, das am Ende mit 71:73 verloren ging, hätte dieser vergebene Punkt so viel wert sein können. Der vermeintlich einfachste Wurf kann in schwierigen Situationen plötzlich zum schwierigsten werden. „Es geht ja darum, dass du gegen deinen Kopf gewinnst“, sagt Niels Giffey, „am Ende des Tages weiß jeder ungefähr, wieviel Prozent er wirft. Aber in entscheidenden Situationen wirft man dann doch noch mal eine andere Quote.“

Im Pokalendspiel verlieren Marcus Eriksson und Peyton Siva die Nerven

Diesmal hatte Giffey den Kampf gegen den Kopf verloren. Genau wie seine Teamkollegen Peyton Siva und Marcus Eriksson im Endspiel um den BBL-Pokal vor wenigen Wochen. Eriksson traf in der abgelaufenen Bundesliga-Hauptrunde fantastische 93,9 Prozent seiner Freiwürfe, versemmelte aber im Finale gegen Bayern München in der knappen Schlussphase einen Freiwurf und brachte es am Ende nur auf 75 Prozent. Mit 91,2 Prozent war Peyton Siva in der Hauptrunde nur minimal schlechter als sein schwedischer Teamkollege, wackelte im Endspiel aber ebenfalls und traf in der gesamten Partie nur zwei seiner sechs Versuche von der Linie. Momente, die sich im Kopf manifestieren können. Die Spieler von Alba Berlin wollen sie in der am Mittwochabend (20.30 Uhr) in Berlin beginnenden Finalserie um die deutsche Meisterschaft gegen München am liebsten durch Positiverlebnisse austauschen.

Die technischen Fähigkeiten haben sie sich über viele Jahre antrainiert. Ab einem gewissen Alter entscheiden Feinheiten, ob der Wurf reingeht oder nicht. René Grzona legt deshalb den Fokus in seiner Arbeit mit den Spielern des Nachwuchs-Teams von Alba in der NBBL auf die Entspannung. Denn: „Es sind ja meistens Drucksituationen – entweder das Spiel ist knapp, mal ist man schon körperlich erschöpft und muss einen Freiwurf werfen“, sagt der Co-Trainer. Wichtig seien für ihn das tiefe Ein- und Ausatmen vor dem eigentlichen Wurf. „Das hat den Effekt der Entspannung. Da sind die Schultern lockerer, man ist entspannter und dann geht man in seine Bewegung“, so Grzona.

So einheitlich die Tipps der Trainer sind, so individuell gestaltet sich am Ende trotzdem jeder Spieler den kompletten Ablaufrhythmus vor, während und nach seinem Freiwurf. Es hat Profis gegeben, die mit dem Wissen, dass die Kamera vor dem Wurf auf ihr Gesicht hält, noch eine kleine Grußbotschaft an die Familie verschickt, und andere, die sich die Fingerkuppen vor dem Wurf angeleckt haben. Siva schickt nach jedem Freiwurf, egal ob getroffen oder nicht, mit dem rechten Zeigefinger einen Gruß in Richtung Himmel.

Giffey verzichtet auf Botschaften, er dribbelt einfach nur im eingangs beschriebenen Rhythmus – zweimal etwas leichter, dreimal etwas härter. Ein bisschen lockerdribbeln nennt er das. „Für mich ist es derselbe Rhythmus, seit ich 18 oder 19 bin. Es ist immer genau derselbe Rhythmus, der sich irgendwann mal, ich weiß gar nicht warum, mal eingeschlichen hat“, sagt der 30-Jährige. Es ist der Rhythmus, der ihm Sicherheit gibt, ein Ritual, das „einen im Moment hält und einem etwas gibt, auf das man sich konzentrieren kann. Etwas, das man immer wiederholt“, so der Kapitän von Alba Berlin.

Sportpsychologin Renate Eichenberger hilft Spielern von Alba Berlin

Aus sportpsychologischer Sicht „ist das ein unglaublich wichtiges Mittel“, sagt Renate Eichenberger. Sie ist nicht nur Autorin des kürzlich erschienenen Buches „Blind Date Sportpsychologie“, sondern betreut seit einigen Jahren auch die Profi- und Nachwuchsspieler der Berliner. Bei der Arbeit am Freiwurf sind ihr die Fußstellung, die durchgedrückten Knie und der gerade Rücken nicht ganz so wichtig. In der Zusammenarbeit mit dem Spieler geht es für sie um den Kampf der Spieler mit dem eigenen Kopf. Das könne man üben. „Den Ablauf, das Ritual trainieren sich die meisten unbewusst irgendwie an“, sagt Eichenberger, „für die sportpsychologische Komponente ist es eben noch viel mehr, als der reine Wurf. Weil die Halle ruhig ist oder tobt. Kann ich das ausblenden oder kann ich dem eine andere Bedeutung geben? Etwa: Wenn die gegen mich pfeifen, ist das meine Motivation. Das sind Dinge, die ich vorher durchspielen und simulieren kann.“

Am Mittwoch sind immerhin wieder 1450 Zuschauer in der Arena am Ostbahnhof, am Donnerstag sogar 2000, wenn alle im Ticketshop weiter erhältlichen Karten auch weggehen. Die Spieler werden, wenn sie an der Freiwurflinie stehen und sich auf ihr Ritual konzentrieren, die Zahl der Anwesenden im Idealfall ausblenden und nicht mitbekommen. Dafür aber, wenn sie alles so wie immer machen, ihren Wurf treffen und positiven Einfluss auf das Ergebnis nehmen.