Berlin - Dieser Schuss passt genau. Der Ball fliegt wie an einer Schnur gezogen, fliegt durch einen Spalt im Fangnetz, senkt sich tiefer und tiefer und verschwindet hinter der Dachkante. Was nun? Der Schütze ist ratlos, weil neu bei den Fußballern von Blau-Weiß Friedrichshain.

Dafür weiß Daniel Sporbert, was jetzt zu tun ist, der Vereinsvorsitzende sagt: „Du musst die Treppe runterlaufen und bei der Leergut-Annahme fragen, wo es gerade geklirrt hat. Da liegt der Ball.“ Drüben geht das Training weiter. Sie haben ja noch ein paar Bälle hier oben auf dem Gebäude des Metro-Großmarkts.

Im elften Jahr sind die Leute von Blau-Weiß nun schon über den Dächern von Friedrichshain zu Hause. Sie trainieren und bestreiten ihre Spiele auf einem der höchstgelegenen Fußballplätze Berlins. Sie sind ein Beweis dafür, dass Sport nicht zwangsläufig aus dem Zentrum der Stadt verschwinden muss, nur weil Wohnraum benötigt und Freifläche um Freifläche einem Bauboom geopfert wird. Der Sport sucht sich Nischen. Und wenn die Quartiere schon in die Breite wachsen, kann er ja auch nach oben ausweichen.

Kurz vor der Auflösung

Das mag unpraktisch finden, wer oft den Ball holen muss, weil der in der tiefer gelegenen Nachbarschaft gelandet ist; im Getränkemarkt oder auf dem Kundenparkplatz. Das findet aber traumhaft, wer einmal den Ausblick genossen hat.

Das Training auf dem Dach geht jetzt richtig los, auf das Einschießen folgt ein Warmlaufen. Der Neue kann gleich durchstarten − von der Treppe mit dem Ball unter dem Arm zur Platzrunde. Im Hintergrund ist die Arena am Ostbahnhof zu sehen, daneben das Narva-Hochhaus, die Warschauer Brücke, das Berghain. Kräne drehen sich über einem Rohbau. Ein Einkaufszentrum wächst aus dem Boden.

Als sie 2006 auf das Dach zogen, hatten sie noch einen freien Rundumblick. Damals fasste die Metro den Plan, auf dem Gelände des Wriezener Bahnhofs einen Großmarkt zu errichten. Dort befand sich allerdings ein Fußballplatz. Ersatz musste her, Anwohner kamen auf die Idee mit dem Dach. Der Bezirk stimmte zu, die Stiftung des Metrogründers Otto Beisheim übernahm die Finanzierung und hält den Platz bis heute in Schuss. „Ein Platz, der den Bestimmungen des Weltverbandes Fifa entspricht“, wie Daniel Sporbert präzisiert.

„Wenn zwei Spiele nacheinander stattfinden, wird es eng“

Rund 19.000 Quadratmeter ist die Anlage groß, 8700 Quadratmeter der Platz mit seinem Kunstrasen. Rollrasen wollte damals nicht anwachsen. Die mobile Tribüne fast 300 Besucher. Etwa 600 Menschen dürfen insgesamt auf das statisch verstärkte Dach, das von einem 8,50 Meter hohen Fangzaun umgeben ist, der wiederum nicht mehr ganz so rüstig ist, wie sich jetzt ja herausstellte. „Da müssen wir mal bei der Stiftung anrufen“, sagt Sporbert.

Der Vorsitzende von Blau-Weiß hat sich inzwischen auch umgezogen. In einem Flachbau, in dessen Gängen Graffiti von Fußballern aufgesprüht sind. Zwei Kabinen haben sie hier. „Wenn zwei Spiele nacheinander stattfinden, wird es eng“, sagt Sporbert, der allerdings froh ist, dass der Verein seit neustem wieder eine zweite Mannschaft bei den Männern aufbieten kann. Denn Blau-Weiß stand vor der Auflösung. Dass der Klub überlebte, dass er im kommenden Jahr 50 wird, hat auch mit dem Platz hier oben zu tun.

Eine typische Geschichte, sagt Ole Nowakowski, der damals schon im Verein war: „Der Vorsitzende hörte aus Altersgründen auf. Es stellte sich die Frage: Macht man das alles noch?“ Vor allem: Wer macht es? Mitglieder verließen Blau-Weiß, Teams wurden vom Spielbetrieb abgemeldet. „Wir standen mit fünf Leuten bei den Männern und sieben bei den Frauen da.“