Die Trainer Florian Kohfeldt und Christian Streich erstehen sich auch mit Mundschutz bestens.
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BerlinWas ist eigentlich ein waschechter Bremer? Oberflächlich betrachtet handelt es sich um den Bewohner einer ziemlich nördlich gelegenen Stadt an einem Fluss namens Weser, wo man schon mit 16 Jahren den Landtag wählen darf, gern ausgesuchte lokale Spezialitäten wie Klaben, Kluten, Knipp, Babbler, Braunkohl und Pinkel oder Schnoorkuller vertilgt und große Recken der Vergangenheit wie Roland oder Rehhagel verehrt.

Vor allem aber liebt der Bremer über alle Maßen einen Fußballklub, der im Rest des Landes leidlich, aber nicht rückhaltlos geschätzt wird („Was ist grün und stinkt nach Fisch?“), es sei denn, der Bremer heißt zufällig Ulrich Mäurer und ist Innensenator. Dann hat er eine ganz eigene Strategie zur Vermeidung des Abstiegs von Werder Bremen aus der Bundesliga: einfach verbieten, den Quatsch, dann erledigt sich der böse Spuk von selbst.

Kein echter Bremer ist Florian Kohfeldt. Sagt zumindest Willi Lemke. Der saß schon mit 16 im Bremer Landtag, gefühlt zumindest, in Wahrheit war er damals noch Hamburger, was aber niemand wissen darf. „Total unbremisch“, so der langjährige Werder-Manager, sei die Behauptung von Kohfeldt gewesen, er selbst sei „nach wie vor der Beste auf dieser Position aktuell“.

BLZ/Mike Fröhling
Bundesliga-Kolumnist

Matti Lieske wirft an jedem Wochenende seinen ganz speziellen Blick auf den Spieltag.

Gemeint war die Position des Cheftrainers von Werder Bremen, und zumindest vor dem verblüffenden 1:0-Sieg der Bremer am Sonnabend in Freiburg hatte Kohfeldt besagte Meinung ziemlich exklusiv. Verblüffend nicht, weil der Bremer Abstiegskandidat bei den lethargischen Freiburgern gewann, das haben vorher auch schon Fortuna Düsseldorf und der SC Paderborn geschafft, sondern, weil man kein Gegentor kassierte. Das gab es bisher nur einmal in dieser Saison, weshalb auch in acht Partien eine 1:0-Führung nicht zum Sieg gereicht hatte.

Ein wenig überraschend war das forsche verbale Vorpreschen des Werder-Trainers aber schon, schließlich steht in der Hansestadt spätestens seit den Bremer Stadtmusikanten der Kollektivgedanke hoch im Kurs, es sei denn, es geht um Räuberbanden, zum Beispiel solche im Innensenat. Persönliche Befindlichkeiten sind irrelevant, was zählt, ist ausschließlich das Wohl und Wehe des Vereins, wobei zuletzt eher das Wehe im Vordergrund stand.

Dass Kohfeldt diese Etikette verletzte und plötzlich sich selbst dermaßen in den Vordergrund schob, war daher nur mit besonderen Umständen zu erklären, zum Beispiel den ungeheuerlichen Vorgängen im Umfeld. Ehemalige Klubgrößen wie Rune Bratseth, ein bremischer Trondheimer, Jonny Otten, der einst auch Johnny Rotten genannt wurde und die linke Außenbahn unsicher machte, oder Dieter Burdenski, eine Werder-Legende mit Abstiegserfahrung, hatten doch tatsächlich den Trainer kritisiert und sogar seinen möglichen Rücktritt ins Spiel gebracht. Potztausend! Aber doch nicht in Bremen!

„Es tut weh“, sagte Florian Kohfeldt im Vorfeld der Partie in Freiburg erschüttert, „es tut sehr weh.“ Sein Trotz sei aber geweckt, und er werde es allen zeigen. Was da noch nach purer Verzweiflung klang, wirkte angesichts des wacker erzitterten 1:0-Sieges fast wie eine Prophezeiung. Unterstützung erhielt der Werder-Coach vom guten Gewissen der Bundesliga. „Die, die nicht beurteilen können, wie bei euch gearbeitet wird, sollen mal nachdenken, bevor sie irgendwelche Sachen in die Mikrofone schwätzen“, sagte der Freiburger Kollege Christian Streich, einer von wenigen Bundesliga-Trainern, die einen Abstieg im Amt überstanden haben.

Ein bisschen Luft hat sich Werders Trainer verschafft, doch dummerweise kommen schon am Dienstag gereizte Mönchengladbacher zum heimschwächsten Team der Saison ins Weserstadion. Florian Kohfeldt ist übrigens in Delmenhorst aufgewachsen und damit ein Sogutwiebremer. Deshalb weiß er nur zu genau, was der zugezogene Heimatkundler Willi Lemke meint, wenn er sagt: „Bremen ist nicht Freiburg. Entschuldigung, bitte.“