Bevor sie an diesem Trainingsabend ihre Monoflossen aus Carbon überziehen und ins Schwimmbecken springen, sind Luis Büttner und Johanna Schikora im Sportforum Hohenschönhausen ein Stockwerk weiter oben anzutreffen: beim Krafttraining an den Geräten. Johanna Schikora radelt auf dem Ergometer. Luis Büttner, der in ein paar Tagen 17 Jahre alt wird, sitzt auf der Abduktoren-Adduktoren-Maschine. Aus den Boxen ist Lounge-Musik zu hören, die er zusammengestellt hat. Im Topteam der Flossenschwimmer des TC fez aus Berlin-Friedrichsfelde ist er sowas wie der DJ.

"Ich bin im Groove"

Da passt es ganz gut, wenn er über diese Saison, die vor wenigen Wochen begonnen hat, sagt: „Ich bin einfach im Groove.“ Plötzlich purzeln bei dem 1,93 Meter großen Elftklässler des Gebrüder-Montgolfiere-Gymnasiums in Schöneweide persönliche Bestzeiten. Beim Weltcup in Eger stellte er Ende Februar über 200 und 400 Meter Flossenschwimmen (FS) in 1:26,10 und 3:11,70 Minuten zwei deutsche Jugendrekorde auf. Er kam mit einer Gold- und zwei Silbermedaillen aus Ungarn zurück. Und mit dem Gefühl, das getan zu haben, was seine Teamkollegin Johanna bei internationalen Wettkämpfen schon eine Weile tut: mit schnellen Zeiten auffallen.

Beim Vorstart hatte er wahrgenommen, „wie eine Konzentrationsmaschine auf die andere trifft“. Dieses Mal ließ er sich von den Blicken der Konkurrenten nicht beeindrucken. Stattdessen setzte er seine Kopfhörer auf, hörte AC/DC und aggressiven Techno, spürte die aufgeheizte Stimmung noch im Wasser, schoss mit der typischen wellenförmigen Bewegung dahin, um später, als er aus dem Becken kletterte, von russischen und ukrainischen Konkurrenten zu hören: „Hey, du bist ja ein richtig cooler Typ. Dein Endsprint war stark. Du bist mir vorher noch nie aufgefallen.“

DDR-Meister im Flossenschwimmen

Volko Kucher schmunzelt. Der Trainer der TC fez hat sich im Kraftraum auf einen Turnkasten gesetzt und zeigt mit weit ausgebreiteten Armen an: „Luis ist diese Saison sooo ein Stück im Selbstbewusstsein gewachsen.“ Kucher war DDR-Meister im Flossenschwimmen. Er betreut Luis seit neun Jahren. Der wollte zunächst lieber tauchen, Finswimming eher nicht klassisch betreiben, schon gar nicht als Wettkampfsport, dabei gilt Finswimming, also Flossenschwimmen, als die Formel 1 des Wassers. Bei Sprints kann man bis zu 12 km/h erreichen.

„Er hat sich aber über die Jahre zu jemandem entwickelt, der die Sportart so perfekt beherrscht, dass man ihn als Leitbild für ein Technikvideo nehmen könnte“, sagt Kucher. Lange sei Luis ein typischer Junge gewesen, verspielt, nicht so fokussiert. „Aber jetzt hat er den Ehrgeiz entdeckt.“ Das Selbstbewusstsein kam dazu. Zum ersten Mal hat er in Eger die Jugend bei einem Weltcup dominiert. „Jetzt knallt’s eben richtig“, meint Kucher, „Luis wird in diesem Jahr in die Weltspitze vorstoßen.“

Dort ist Johanna Schikora schon angelangt. „Sie war die erste, die mit den Rekorden angefangen hat. Das hat mich auch motiviert, meinen Beitrag zu leisten“, sagt Luis Büttner. Die Schülerin des Otto-Nagel-Gymnasiums ist Deutschlands schnellste Flossenschwimmerin. Schon mit 15 kam sie in die Nationalmannschaft. Sie hat sich international längst einen Namen gemacht, wurde Jugend-Weltmeisterin über 800 Meter FS, schwamm 2017 Jugend-Weltrekord über 400 Meter FS, aktuell hält sie den Jugend-Weltrekord über 1 500 Meter in 13:27,35 Minuten und etliche deutsche Altersklassenrekorde. „In der Welt haben sie Respekt vor ihr“, sagt Trainer Kucher. Vorigen November wurde die 17-Jährige als Berlins Nachwuchssportlerin des Monats ausgezeichnet. Bald macht Schikora Abitur, sie hat sich für die Sportfördergruppe der Bundeswehr beworben, weil sie den Weg in ihrem Sport weitergehen will, der nicht olympisch ist. Das macht vieles kompliziert.

Faust als Markenzeichen

Obwohl Büttner und Schikora täglich trainieren und oft erst um 22 Uhr die Monoflossen abziehen und aus dem Becken steigen, obwohl sie oft freitags in der Schule wegen Wettkampfreisen fehlen, ist für sie kein Platz auf der Sportschule vorgesehen. Darüber hatte vorige Woche auch Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki den Kopf geschüttelt, als er die Siegerehrung bei den Berliner Meisterschaften vornahm. Johanna Schikora holte dort sechs Titel, Luis Büttner fünf.

Offenbar sind die Strukturen im Verband Deutscher Sporttaucher (VDST) nicht adäquat auf die Förderung ihrer besten Athleten ausgelegt. Vor ein paar Monaten startete Schikora ein Crowdfunding-Projekt, um am Weltcup-Finale in Phuket, Thailand, teilnehmen zu können. Außerdem ist Unsicherheit entstanden, weil Lehrgänge nicht stattfanden und es derzeit keinen verantwortlichen Bundestrainer für die Flossenschwimmer gibt.

Weltcup in Lignano

Luis Büttner und Johanna Schikora lassen sich davon nicht zu sehr beirren. Stattdessen holen sie sich ihre Trainingspläne und wechseln die Kraftgeräte. Die Serien, die Johanna am Beinstrecker absolviert, will sie im zweiten Trainingsteil ein Stockwerk tiefer im Wasser wiederholen. In zwei Wochen steht der nächste Weltcup in Lignano, Italien, an, Mitte Mai die Deutschen Meisterschaften in Dresden. Neben der Jugend-WM in Ägypten im August haben beide die Erwachsenen-EM Anfang Juli als Ziel. Johanna Schikora freut sich über die jüngsten Erfolge ihres Teamkameraden. Beide motivieren sich gegenseitig.

Luis Büttner macht mit beiden Armen eine Jubelpose: „Wenn Johanna aufs Podest kommt, hat sie so eine bestimmte Bewegung, es ist ihr Markenzeichen. Ich habe mir auch eines überlegt: Wenn ich vor dem Start aufgerufen werde, recke ich die Faust.“ Hört sich so an, als hätten die Sportler des TC fez noch einiges vor.