Flucht nach Nicht-Nominierung für WM: Ex-Herthaner Ben-Hatira verlässt Tunesien

Ein gewisses Sendungsbewusstsein liegt vielen Fußball-Profis irgendwie in der DNA. Nur so konnten sie sich bis ganz oben durchsetzen. Dass Änis Ben-Hatira dabei ganz weit vorn liegt, wissen Berliner am besten, schließlich hat der Deutsch-Tunesier sich erst in der Hauptstadt ausbilden und dann gar von Hertha BSC anstellen lassen.

Wie ausgewachsen allerdings das Selbstbewusstsein des zuletzt im Vereinsfußball eher mäßig überzeugenden Profis ausfällt, hat er nun daheim in Tunesien bewiesen. Folgt man den Kommentaren Ben-Hatiras, dann hat die Nominierung des WM-Aufgebots in seinem Land erdrutschartige Katastrophen ausgelöst und Entrüstung im ganzen Volk. Der Grund: Nationaltrainer Nabil Maaloul hat Änis Ben-Hatira nicht in den Kader berufen. „Das ganze Land ist schockiert. Das ganze Land war froh und stolz, dass es einen Spieler wie mich in die Liga bekommen hat“, sagte Ben-Hatira mit der Überzeugung der wahre Cristiano Ronaldo Tunesiens zu sein.

Wie immer, wenn in seiner Karriere irgendwas schieflief, und es lief viel schief in seiner Karriere, ist der arme Kerl Opfer einer Verschwörung geworden − findet der arme Kerl. „Die Zeit in Tunesien hat sich leider sehr, sehr negativ entwickelt“, sagte er, „dass ich nicht nominiert wurde, hatte andere Gründe. Auf keinen Fall waren es sportliche Gründe, dass ich nicht für die WM nominiert wurde. Ich wünschte, es wäre so.“

Nirgendwo lief es so richtig

Schon in Berlin, wo er geboren wurde, begann die Misere. Mal wurde er bei der Polizei aktenkundig als möglicher Täter, als er im September 2012 an einer Tankstelle in der Westfälischen Straße von der Polizei festgenommen wurde, weil er seiner Ex-Freundin im Streit die Geldbörse entwendet haben und damit verschwunden sein soll. Zwei Jahre später stoppten ihn die Ordnungshüter mit Waffengewalt im weißen Range Rover − weil er am Winterfeldtplatz angeblich Opfer eines Angriffs seiner Zwillingsschwester geworden sein soll.

Ein Missverständnis, wie er behauptete. Und voriges Jahr schließlich wurde seine Wohltätigkeit ins rechte Licht gesetzt: Änis Ben-Hatira unterstützte den Verein Ansaar International. Das war spätestens problematisch, als Ansaar in Verfassungsschutzberichten Erwähnung fand, etwa des Landes Nordrhein-Westfalen aus dem Jahr 2015. Der Vorwurf: Ansaar wäre „fest mit der deutschen Salafisten-Szene verwoben“.

Nun also die Tunesien-Verschwörung des Kickers, der von Berlin nach Frankfurt, nach Darmstadt und zuletzt zu Espérance Tunis zog, um seine WM-Chance zu wahren. Doch nirgendwo lief es so richtig, und in Tunis hat er nach der WM-Ausbootung auch fix den Vertrag aufgelöst und die Koffer gepackt. „Ich bin sofort nach Hause geflogen“, sagte er und meinte Berlin, „ich hatte keine Kraft mehr, mich überhaupt damit auseinanderzusetzen. Die Enttäuschung ist riesig. Ich habe die Quali mitgespielt, ich habe einen großen Namen auch in Tunesien. Die Sehnsucht war stark, dass ich wieder zurückkehre.“ (mit dpa)