Er habe viele andere Angebote gehabt, habe im Frühjahr als „free agent“, wie er sagt, also als ablösefreier Spieler, eine schwere Entscheidung treffen müssen. Welcher Klub? Welche Liga? Schließlich sei er nach langer Überlegung aber seinem Herzen gefolgt. „Und ich habe das Gefühl, dass ich eine sehr gute Entscheidung getroffen habe.“

Sheraldo Becker sagt das. Und das nicht nur irgendwie so dahin, weil Sheraldo Becker, wie sich im Gespräch mit dem neuen Flügelstürmer des 1. FC Union alsbald zeigt, seine Worte mit Bedacht wählt. Das gilt auch bei seiner Antwort auf die Frage, ob er denn nicht Heimweh verspüre, immerhin hat er sich zum ersten Mal in seinem Leben aus dem Kreis der Familie, aus dem Kreis seiner Freunde in Amsterdam gelöst. Becker sagt: „Die erste Woche hier in Berlin war wirklich nicht einfach, auch wenn mich drei Freunde begleitet haben, die sich um das Drumherum gekümmert haben.“ Hin und wieder habe er auch in den vergangenen Tagen etwas Sehnsucht nach der gewohnten Lebenssituation verspürt. Aber grundsätzlich fühle er sich inzwischen in Köpenick wirklich sehr wohl. Und überhaupt: „Ich wusste, dass es an der Zeit ist, etwas Neues zu wagen. “

Dilrosun als Bezugsperson

24 Jahre ist Sheraldo Becker jung, trägt wie so viele andere Fußballprofis aus seiner Generation Brillanten im Ohr und zahlreiche Tattoos auf der Haut. Letztlich kontert er aber alle Vorurteile, die gern mal mit derartigen Äußerlichkeiten einhergehen, mit großer Leichtigkeit aus. Lieber ein Wort weniger als eine Phrase zu viel. Lieber noch mal überlegen, bevor man sich in so einer Fragerunde im BlaBla verliert. Dass er, der bei ADO Den Haag in der Vorsaison in 35 Pflichtspielen an 19 Toren beteiligt war, sportlich eine Verstärkung für die Eisernen darstellt, das war schon in den zahlreichen Vorbereitungsspielen der Köpenicker zu erahnen, doch Sheraldo Becker ist offensichtlich mehr als ein hervorragender Fußballer: Der Niederländer, der bei Union einen Vierjahresvertrag unterschrieben hat, ist ein richtiger Typ.

Unumwunden spricht er über seine Stärken. „Ich bin schnell, kräftig, liebe diese Eins-gegen-Eins-Situationen, kann ganz passable Flanken schlagen. Und ich kann sowohl Tore erzielen als auch vorbereiten.“ Unumwunden auch über seinen Traum von einer Berufung in die niederländische Nationalmannschaft, immerhin wurde er ja immer wieder als Nachwuchsmann aus der Akademie von Ajax Amsterdam in die Jugendauswahlmannschaften seines Landes berufen. „An meinem Cousin Javairo Dilrosun (Stürmer bei Hertha BSC, d. R.) hat man gesehen, dass das möglich ist, wenn man in der Bundesliga über mehrere Monate seine Leistungen bringt. Ich will hart trainieren und mich in den Spielen zeigen. Wer weiß, was dann passiert.“

Als Rechtsaußen gesetzt

Der drei Jahre jüngere Dilrosun, der schon vor einem Jahr von Manchester City zur Hertha gewechselt war, ist Beckers erste Bezugsperson in Berlin. Jedwede Gelegenheit habe man in den vergangenen Wochen genutzt, um gemeinsam die Stadt zu erkunden. Auch am Sonntag und Montag, den trainingsfreien Tagen bei Union und Hertha, habe man sich zum Essen getroffen, habe einen Einkaufsbummel durch eine Mall am Alexanderplatz unternommen. Berlin, so schlussfolgert Becker, habe ja „doch vieles mit Amsterdam gemeinsam, die Restaurants, die Shops. Berlin ist aber dann doch um ein gutes Stück größer als Amsterdam. Aber es fühlt sich nicht fremd an.“ Nicht für ihn, nicht für seine Patchworkfamilie, die aus seiner Freundin Kelly Loef und aus den Jungs Reign Million Ocean, 2, und Mason, 3, besteht, wobei Letztgenannter aus einer früheren Beziehung von Kelly Loef stammt.

Es wird bei der Eingewöhnung helfen, dass er bei Union unter Trainer Urs Fischer erst mal gesetzt ist. Als Rechtsaußen, wobei er betont, dass er auch auf der linken Außenbahn offensiv eingesetzt werden könnte. Er soll das Spiel der Eisernen beschleunigen, beim Umschaltspiel eine Option für den Pass in die Tiefe sein. Doch hat Becker auch eine Ahnung, dass er sich umstellen muss, mit den gesteigerten Anforderungen in Sachen Handlungsschnelligkeit und Körperlichkeit zurechtkommen muss. „Die Vorbereitung war echt hart, auch weil die Trainingseinheiten hier länger sind“, sagt er, stellt aber für sich fest: „In den letzten Wochen habe ich mich aber daran gewöhnt.“

Wie weit er bei diesem Prozess schon ist, zeigt sich zumindest in Ansätzen wohl schon am kommenden Sonntag, wenn Union in der ersten Runde des DFB-Pokals bei Germania Halberstadt anzutreten hat. „Wir wissen, dass ein Sieg im ersten Pflichtspiel der Saison sehr wichtig für uns ist. Wir müssen also bereit sein“, sagt Becker, macht eine kurze Pause, um wie folgt zu schließen: „Und wir werden bereit sein. “