Wuchtiges Tandem: Robert Förstemann (vorne) und Kai Kruse.
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BerlinWie sich die Zeiten ändern: „Früher habe ich mich auf Weltmeisterschaften im Trainingslager in Kapstadt vorbereitet“, erzählt Robert Förstemann, seit mehr als 15 Jahren einer der besten Bahnradsprinter der Welt. Sich schinden im Schatten des berühmten Tafelberges, das hatte was. Und heute? „Heute bereite ich mich in Frankfurt (Oder) auf die Saison-Höhepunkte vor“, sagt der 33-jährige Berliner und kann sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. 

Schließlich hat er es so gewollt. „Nach so vielen Jahren Einzelkämpfer habe ich nach einer neuen Herausforderung gesucht“, sagt er. Er fand sie im Paracycling, als Tandem-Pilot für den sehbehinderten Kai Kruse. Beide kannten sich bereits von gemeinsamen Trainingsstunden. Als Kruse und sein erster Tandem-Partner Stefan Nimke sich im Vorjahr getrennt hatten, suchte Kruse nach einem neuen Partner. Da passte es gut, dass Förstemann sich gerade sportlich verändern wollte. „Ich war sofort begeistert von der Idee, mit Kai ein Team zu bilden.“

Silber im Rudern, Bronze im Zeitfahren

Kruse hatte als dreijähriges Kind bei einem Unfall einen Großteil seiner Sehfähigkeit verloren. Mit neun Jahren begann der sportbegeisterte Junge mit dem Rudern. Im Mixed-Vierer gewann er bei den Paralympics 2012 in London die Silbermedaille. Vier Jahre später gelang ihm ein ähnliches Kunststück, doch diesmal nicht im Wasser sondern auf der Radrennbahn. Gemeinsam mit Stefan Nimke gewann er die Bronzemedaille über 1 000 Meter Zeitfahren auf dem Tandem. „Ich habe nach der Trennung von Stefan lange gesucht, wer zu mir passen könnte. Mit Robert läuft es perfekt.“

Seit einem Jahr fahren die beiden jetzt zusammen. An die urwüchsige Kraft seines neuen Partners musste sich Kruse jedoch erst gewöhnen. „Wenn Robert antritt, dann steckt da unheimlich viel Power hinter“, berichtet Kruse. „Kai hat sich am Anfang immer dermaßen in seinen Lenker verkrampft, dass ich die Spur gar nicht richtig halten konnte“, erinnert sich dagegen Förstemann an ihre ersten Fahrten. „Aber ein schneller Antritt ist eben wichtig, gerade mit dem Tandem“, erklärt er. „Das sind immerhin rund 200 Kilogramm Gewicht zusammen mit uns beiden. Wer die am schnellsten ins Rollen bringt, hat viele Vorteile.“

Die Kette gesprengt

Klar, dass das einer sagt, der über viele Jahre die deutsche Auswahl im Teamsprint anfuhr und mit ihr 2012 bei den Olympischen Spielen in London Bronze gewann. Für Kruse aber war es nicht so leicht, sich daran zu gewöhnen, „zumal es hin und wieder durch die Wucht des Anfahrens mächtig krachte“, wie er berichtet. Mal hatten sie „die Kette gesprengt“, mal knallte es vorn, mal hinten. „Ich musste Kai dann immer beruhigen“, sagt Förstemann. Etwa mit Argumenten wie diesen: „Ein bisschen Wahnsinn gehört eben dazu.“

Das waren die Anfänge.  Inzwischen wurde ihr Tandem unter anderem von den Experten des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) noch einmal auseinandergenommen und überarbeitet. Kette, Ritzel, Speichen und vieles mehr wurden ausgebessert, das ganze Tandem deutlich stabiler gestaltet und speziell an die beiden Radsprinter angepasst.

Rekordversuch im Velodrom

Nun kann die neue Saison starten. Für dieses Jahr hat sich das Duo viel vorgenommen. In einigen Tagen wollen sie bei der Weltmeisterschaft in Kanada zu den Besten gehören, und im August dann möglichst bei den Paralympics über 1 000 Meter Zeitfahren zu den Medaillen greifen. Doch bevor es nach Kanada geht, wollen sie  sich und ihr neues Tandem bei den Berliner Sixdays noch einmal testen. Nicht einfach so. „Wir wollen im Velodrom einen neuen deutschen Rekord mit dem Tandem über 1 000 Meter aufstellen“, sagt Förstemann. Dazu müssten sie die vier Runden am Freitag unter 61,6 Sekunden fahren. „Das ist möglich“, glauben beide.

Es hat den Anschein, dass beide sehr fit sind. „Vom Trainingsaufwand hat sich kaum etwas geändert“, sagt Förstemann. Einziger Unterschied: Er müsse sich jetzt nicht mehr alleine schinden, sondern für ihr gemeinsames Ziel. Förstemann hat in den letzten Monaten noch etwas gelernt, wie er sagt: „Ich nehme die Leistungen von Sportlern mit Handicap heute bewusster wahr. Die trainieren ebenso fleißig und hart, aber stehen selten im Mittelpunkt.“

Für Kai Kruse bedeutet es viel, sich mit dem ehemaligen Top-Sprinter auf die Paralympics in Japan vorbereiten zu können. Der Sport helfe ihm, ein ausgefülltes Leben zu führen. Er schwärmt: „Das ist 100 Prozent Inklusion.“