New York - Die NFL startet in die Saison. Sie möchte nach dem Skandal um Colin Kaepernick zeigen, dass sie eine soziale Ader hat. Die stärkste Football-Liga der Welt hat eine Initiative für soziale Gerechtigkeit ins Leben gerufen. Und sie kooperiert mit dem schwarzen Rapper Jay-Z.

Die Gruppe Jugendlicher, die am Donnerstagabend am Kabineneingang des Grant Park in Chicago wartete, entsprach nicht eben dem Klischee von Football-Fans aus dem Mittleren Westen der USA. Die Kids waren schwarz, viele trugen das Haar zu Dreads gewoben, und obwohl sie sich Jacken in den Farben der Chicago Bears angezogen hatten, erweckten sie nicht den Eindruck, als seien sie leidenschaftliche Sport-Fans.

In der Tat war die Gruppe auch weniger gekommen, um die Mannschaft rund um Quarterback Mitchell Trubisky in ihrem Saisoneröffnungs-Spiel gegen die Green Bay Packers zu bejubeln. Sie waren in der Hauptsache da, um den Rapper Meek Mills zu sehen, der kurze Zeit später mit einer Stretch Limo vorfuhr und sich geduldig mit seinen Anhängern fotografieren ließ.

Mills war von der National Football League (NFL) auserkoren worden, vor dem Saisoneröffnungs-Spiel, das übrigens Green Bay mit 10:3 für sich entschied, mit Songs wie seinem Hit „Championships“ für das Entertainment zu sorgen. Darin geht es um die Lebenserfahrung der schwarzen Unterschicht im Ghetto – jenem schier unentrinnbaren Kreislauf aus Drogen, Gewalt und Gefängnis, dem er selbst entstammt.

Für die NFL war diese Entertainment-Wahl eher überraschend. Noch in diesem Frühjahr musste die Liga als Headliner für die Halbzeitshow der Superbowl die im doppelten Wortsinn blasse Band Maroon 5 akzeptieren. Kaum ein Künstler war mehr bereit, mit der Liga zu kooperieren, nachdem sie dem öffentlich gegen Rassismus demonstrierenden Quarterback Colin Kaepernick keinen Job mehr geben mochte. Insbesondere schwarze Musiker gaben der NFL einen Korb – darunter auch der Rap-Superstar Jay-Z.

Nun haben sich die Zeiten jedoch verblüffend rasch geändert. Vor wenigen Tagen kündigte Jay-Z eine Kooperation mit der Liga an, er ist neuer Entertainment Direktor und Berater in Sachen der sozialen Gerechtigkeit. Als solcher wählte er Meek Mills als Saisonstarter aus, der selbst ein Opfer des dem US-Strafrechtswesen inhärenten Rassismus wurde, als ein Richter seine Bewährungsauflagen nach einem Bagatelldelikt mit übertriebener Härte durchsetzte.

Sportler wie Kaepernick

Die Liga möchte sich offensichtlich „woke“ geben, wie man hier sagt, man möchte demonstrieren, dass man sich um die sozialen Themen des Landes kümmert, die besorgte Sportler wie Colin Kaepernick anzusprechen versuchen. Deshalb hat die NFL zuletzt auch eine Initiative für soziale Gerechtigkeit ins Leben gerufen, in der man sich um Bildung, Polizeigewalt sowie die Pathologien des Strafrechtssystems kümmern will. Die Initiative wird von vorwiegend schwarzen Spielern getragen, die Projekte fördern oder gründen, um schwarzen Jugendlichen bessere Aussichten im Leben zu schaffen. Ist die NFL, die sich nicht zuletzt wegen der Causa Kaepernick den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen musste, also geläutert? Skeptiker glauben das eher nicht.

Eric Reid, Safety bei den Carolina Panthers etwa, hält das Spiel von Liga-Chef Roger Goodell für eine Charade: „Sie tun so, als würden sie sich für farbige Amerikaner interessieren, indem sie irgendwelche Pseudo-Partnerschaften bilden. In der Zwischenzeit hat Colin Kaepernick, der diese ganzen Diskussionen angezettelt hat, noch immer keinen Job.

In der Tat ist der Quarterback nun seit etwas mehr als drei Jahren arbeitslos, nachdem die San Francisco 49ers ihn aus fadenscheinigen Gründen vor die Tür gesetzt haben. Zum Saisonstart postete Kaepernick auf Instagram ein Video von sich selbst beim Training. „888 Tage ohne Anstellung“, hieß es in dem Clip. „Und ich bin noch immer bereit.“

Nur drei schwarze Trainer

Auch sonst ist die Bilanz der Liga, wenn es um Rassismus geht, weniger als beeindruckend. Nachdem im vorigen Jahr fünf schwarze Trainer gefeuert wurden, hat die NFL nur noch drei schwarze Trainer – in einem Sport, der zu 70 Prozent von schwarzen Spielern betrieben wird. Auf den ersten schwarzen Teameigner wartet man noch immer vergeblich.

Das könnte nun pikanterweise Jay-Z werden. Kurz nachdem Jay-Z und die NFL ihre Partnerschaft bekannt gaben, berichtete das Portal JMZ, dass der Unterhaltungs-Milliardär seit einiger Zeit mit Nachdruck das Ziel verfolgt, eine Football-Mannschaft zu erwerben. „Er spielt eine Art dreidimensionales Schach“, kommentierte der Journalist Dave Zirin, Sportkommentator der politischen Wochenschrift The Nation. „Er benutzt seine Allianz für soziale Gerechtigkeit, um das historische Ziel zu erreichen, als erster Afro-Amerikaner in den hyperexklusiven Kreis der NFL-Eigner aufzusteigen.“ Dafür, so Zirin, sei Jay-Z sogar bereit, Colin Kaepernick in den Rücken zu fallen.

„Die Sache mit dem Kniefall ist durch“, sagte Jay-Z bei einer Pressekonferenz zu der Partnerschaft. „Wir müssen jetzt gemeinsam schauen, was wir bewegen können, anstatt ewig darüber zu jammern, dass Colin keinen Job findet.“

Jay-Z, so folgert Zirin aus solchen Äußerungen, ist kein Aktivist, sondern zuvorderst ein Kapitalist, der seine Finanzinteressen wahrnimmt. Ob die NFL rassistisch ist oder nicht, sei ihm letztlich gleichgültig.

In der Zwischenzeit wird den Spielern, die noch immer Kaepernicks Kampf weiterführen, das Leben schwergemacht. Kevin Stills etwa, der weiterhin bei jedem Spiel kniet und der Jay-Z massiv für seine Kooperation mit der NFL kritisiert, wurde beim Training von seinem Coach mit einer Dauerberieselung von Jay-Z-Titeln begrüßt. Der Besitzer von Stills’ Team, den Miami Dolphins, ist Steve Ross, ein glühender Anhänger und enger Freund von Donald Trump.

Das jemand wie Ross nun Jay-Z als politische Waffe gebraucht, ist auf den ersten Blick befremdlich. Doch so sind nun einmal die Realitäten im amerikanischen Sport des Jahres 2019.