Singapur - Auf diesen Moment hatte Sebastian Vettel 392 Tage lang und einen Abend warten müssen: Der Pilot aus Heppenheim feierte in einem von der Taktik bestimmten Großen Preis von Singapur mit drei Safety-Car-Phasen seinen ersten Saisonsieg im Ferrari. Die Italiener schafften sogar als erster Rennstall überhaupt einen Doppelerfolg an der Marina Bay, denn Charles Leclerc raste 2,6 Sekunden später über die Ziellinie. Kein Triumph ohne Tragik: Der Monegasse fühlte sich von den Strategen um seinen Sieg-Hattrick betrogen. Aber auch Mercedes-Pilot Lewis Hamilton wurde durch einen Strategiefehler bloß Vierter hinter Max Verstappen. Es war eine Nacht der Dramen. 

Vettels Comeback trug dazu bei, dass Hamilton sein Polster an der WM-Spitze ausbauen konnte, er führt mit 296 Zählern vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas (231). Dann folgen Leclerc und Verstappen punktgleich (200) vor Vettel (194). Nach seinem großen Comeback mit seinem 53. Formel-1-Erfolg kostete der Hesse den Jubel voll aus: „Ich bin etwas verschwitzt, aber sehr glücklich. Es waren nicht meine leichtesten Wochen, aber ich habe so viel Rückhalt bekommen, die Leute haben mir ihre eigenen Geschichten erzählt, um mir Mut zu machen. All das habe ich in dieses Rennen gesteckt.“  Der Händedruck und das Schulterklopfen mit Kollege Leclerc fiel pflichtschuldig aus, der klagte unterschwellig über die Benachteiligung durch das eigene Team: „Es ist immer schwierig, ein Rennen auf diese Art zu verlieren.“ Irgendwie merkwürdig alles.

Wunderknabe fährt Wunderrunde

Drei Pole-Positionen innerhalb von drei Wochen, das zeigt ungefähr das Tempo, mit dem Charles Leclerc gewillt ist, die Formel-1-Spitze anzugreifen. Das jüngste Meisterstück des Ferrari-Lehrlings in der Qualifikation beim Nacht-Grand-Prix hatte nicht nur Mercedes, sondern die ganze Rennwelt geschockt: Der rote Rennwagen kann plötzlich wieder langsame Kurven. Und Leclerc legte eine Wunderrunde hin und schnappte Vettel die Pole-Position weg. Damit schien ihm der nächste Triumph und die Oberhand in der Scuderia sicher zu sein – tatsächlich aber legte es den Grundstein für einen richtigen Zwist. Erst im 15. WM-Lauf, vor allem aber für die Zukunft.

Beim Start in das entscheidende Drittel der Saison ging es zunächst noch souverän so weiter. Der Monegasse reagierte am schnellsten auf die rapide erlöschende Startampel, Hamilton rollte mit der bei ihm schon gewohnten Verzögerung an und geriet sofort unter Druck des nach vorn schnellenden Vettel. Vier, fünf Kurven lang ging das Gerangel. Dann verfestigten sich die Verhältnisse, der Silberpfeil steckte im roten Sandwich.

Hamilton meldete nach einem Viertel der Distanz, dass seine Gummis schlechter werden, auch Vettel verlor. Sollte er  wieder wie in Spa den Puffer für den neuen Helden  in Maranello spielen? Leclerc hatte sich nämlich von der Box die Erlaubnis geholt, schneller fahren zu dürfen. In der 20. Runde wurde Vettel reingeholt, aber die Italiener verbummelten den Stopp. Auf dem Fuß folgte die nächste Überraschung: Einen Umlauf später wurde auch Spitzenreiter Leclerc reingeholt – und kam knapp hinter Vettel wieder auf die Piste.  

Leclerc mosert

Leclerc machte seinem Unmut über Boxenfunk Luft, als ihn sein Ingenieur aufforderte, so viel Druck zu machen wie möglich: „Was zum Teufel!?“ Für Teamchef Mattia Binotto wurde der Drehsessel am Kommandostand zum heißen Stuhl – er rang mit sich, einen Platztausch anzuordnen. Den Roten half, dass Mercedes das eigene Taktikspielchen so richtig verbockte und Hamilton durch einen Rechenfehler beim Boxenstopp zwischenzeitlich zwei Plätze verlor.

Es war ein wunderbares Chaos, das da mitten aus der Nacht angerichtet wurde. Als der Franzose Romain Grosjean den Briten George Russell in die Mauern drängte, musste das Safety-Car ausrücken, wie jedes Jahr im Stadtstaat. Vettels Vorsprung von 4,3 Sekunden auf Leclerc und der von fast 20 Sekunden auf Hamilton war dahin. Beim Neustart in der 41. Runde gab Vettel das Tempo vor, alle waren jetzt für die letzten 20 Runden näher beieinander, aber auf dem überholunfreundlichen Straßenkurs blieb es bei den Positionen. 

Leclerc forderte zwar noch mal Zusatzpower, um Vettel anzugreifen und bekam den Hinweis zurück: „Bring das Auto heil nach Hause!“ Das stachelte den 21-Jährigen noch mehr an: „Ich werde nichts Dummes tun. Aber das ist alles nicht fair, was ihr hier macht!“