Montreal - Die rechte Hand, die scheinbar wichtigster, manchmal sogar ausschließlicher Bestandteil aller Betrachtungen über den Formel-1-Rennfahrer Robert Kubica ist, hat er vor den Körper und auf den Tisch gelegt. Sie dient am Vorabend des Großen Preises von Kanada als Sonnenbrillenhalter. Daran ist vermeintlich nichts Besonderes, auch wenn sie selbst im Ruhezustand seltsam steif wirkt. Und das ist sie auch, jedenfalls für die Ansprüche, die für gewöhnlich ans Rennfahren gestellt werden.

Aber dieser Kubica, der mit seinem unterlegenen Williams-Auto in der laufenden Saison stets nur hinterherfahren konnte, hat zumindest über alle Zweifler gesiegt, die nicht glauben wollten, dass man mit links Formel 1 fahren könne. Man kann, sogar in Monte Carlo. Und dass seine Behinderung kein wirkliches Handicap ist, will er jetzt in Montreal beweisen, auf seiner Schicksalsstrecke.

Im Jahr 2007, als er noch Werkspilot bei BMW-Sauber war, überlebte er auf dem Circuit de Gilles Villeneuve einen der spektakulärsten Unfälle der jüngeren Renngeschichte, mit seitlichem Salto und ein paar Schrauben in der Luft. Das Auto war ein Wrack, ihm hingegen, bis auf eine leichte Gehirnerschütterung, einiger Prellungen und einem verstauchten Fuß, nichts passiert. Weil die Ärzte Kubica im nächstfolgenden Rennen dennoch nicht fahren lassen wollte, ermöglichte der Unfall wiederum einem gewissen Sebastian Vettel, damals noch BMW-Testpilot, das Formel-1-Debüt.

Ein Jahr später, bei der Rückkehr nach Kanada, feierte Kubica jedoch einen fantastischen Sieg – seinen einzigen in der Formel 1, auch den einzigen für BMW. Doch das Schicksal wendete sich 2011 erneut für den Polen. Bei einem schrecklichen Rallye-Unfall in Italien, entrann er nur um Millimeter dem Tod, als sich eine Leitplanke in sein Cockpit bohrte und dabei seine rechte Körperhälfte, besonders aber seine rechte Hand zerstörte. Sie konnte nur in einer Notoperation gerettet werden.

Doch Kubica hat sich zurückgekämpft, das erscheint rückblickend noch immer unglaublich. Er will keine Sonderbehandlung, sondern einfach nur das tun, für das er immer schon gelebt hat. Was für ein Comeback, mit 34 Jahren und nach 3046 Tagen Formel-1-Pause.

Seine beste Platzierung seither: Zweimal Platz 16. Eine Witzfigur ist er trotzdem nicht, wird er nie sein. Er ist hoch geachtet, auch unter den anderen Fahrern – und das in einer solchen Neidbranche, wie sie die Formel 1 ist. Vor zwei Wochen bezwang Kubica die engen Straßen Monacos, belegte Rang 18 und machte beim Start sogar noch zwei Positionen gut, ehe ihn Rookie Antonio Giovinazzi mit seinem Alfa Romeo rammte. Und doch waren sich alle einig: Für den Rückkehrer ein toller Erfolg.

Für den war das jedoch nichts Besonderes: „Ich glaube, es gab eine Menge Leute, die dachten, ich könnte nicht einmal das Lenkrad drehen. Aber ich wusste, dass ich klarkommen würde.“

Robert Kubica spricht, wie er denkt, wie er lenkt: Immer auf der Ideallinie. Stur. Klare Kante bekommen auch die Frager, die dieser Tage den Unfall von 2007 noch einmal geschildert haben wollen. Was damals war, das zähle doch nicht. Der kanadische Journalist fragt trotzdem noch mal nach, es sei doch ein schlimmer Crash gewesen. Kubica grinst, dann sagt er: „Ich wünschte mir heute, es wäre mein schlimmster Unfall gewesen.“

Ernster wird er erst wieder, als es um Nicholas Latifi geht. Das ist ein kanadischer Millionärs-Zögling, dem er im ersten Training sein Cockpit überlassen musste. Es könnte schon ein Probelauf für die kommende Saison sein. Talent (Latifi) gegen Wille (Kubica) − das strauchelnde Williams-Team hat eigentlich beides nötig.

Den Polen ärgert an dem neuen Konkurrenten bislang nur, dass er wegen ihm wichtige Abstimmungsarbeit und ein paar Sätze Reifen für die Qualifikation und das Rennen einbüßt. So pragmatisch ist er und so wird man wohl, wenn man einen solchen Schicksalsweg hinter sich hat: Er denkt immer nur an den nächsten Moment, das nächste Ziel. Während Weltmeister Lewis Hamilton, der sehr viel von Kubica hält, in Montreal auch davon spricht, dass man nicht weiß, wie viel Zeit man noch habe, um Spaß zu haben, hat der Williams-Pilot diesen Spaß einfach. Sich darüber Gedanken zu machen, ist für ihn Zeitverschwendung. Er will einfach nur fahren.

Auch wenn das mit links natürlich nicht einfach ist. Doch George Russell, seinen von Mercedes geförderten Teamkollegen, endlich mal in der Qualifikation hinter sich zu lassen, das wäre jetzt erst mal am Wichtigsten. Kleine Ziele, aber eben seine.

„Positives Momentum“ nennt er die Energie, die ihn immer wieder antreibt. Die Dinge zu emotional zu betrachten, das hat er während seiner Leidensgeschichte gelernt, bringe nichts. Deshalb regte er sich auch nicht darüber auf, dass der zum Alfa-Werksteam gewordene Sauber-Rennstall in dieser Woche verbreitete, dass Kubica beim Sieg in Montreal 2008 vor lauter Freude vergessen habe, den Champagner zu verspritzen und die volle Flasche noch bei BMW in München stünde...

Kubica konterte, wie es seine Art ist – er schickte einfach ein Foto, dass ihn dabei zeigt, wie er auf dem Podium den BMW-Sportchef Mario Theissen volle Pulle duscht. Und schickte beste Wünsche hinterher, dass Alfa bald mal wieder in den Genuss von Champagner kommen möge. Sie hätten ja – wie er selbst – eine Story voller Aufs und Abs. Seine Botschaft dahinter: Wenn schon Legende, dann will Robert Kubica sie gefälligst selbst sein.