Sao Paulo - Sebastian Vettel wusste nicht, wie ihm geschah. Einigermaßen stolz, einen Rennwagen ohne zweiten und dritten Gang über 71 Runden beim Großen Preis von Brasilien geschleppt und dem Teamkollegen Mark Webber den Sieg geschenkt zu haben, ein triumphales Jahr mit einem souveränen Lächeln zu beenden – und dann wird aus dem Siegerpodium ein Verhörraum.

Er möge doch bitte einmal erklären, wie das gehen soll, mit einem zickenden Getriebe noch elf Sekunden Vorsprung auf den Drittplatzierten zu halten und zwischendrin nicht langsamer zu sein als in den ersten fünf Runden des Finales, als die Zahnräder noch wie geschmiert ineinandergriffen.

Staunen leuchtete in den Augen des Titelverteidigers auf, und er schien einen Moment mit seinem inneren Getriebe abzuklären, wie er darauf reagieren sollte. Dann siegte die Cleverness, die er für gewöhnlich auf der Piste an den Tag legt, Vettel schaltete einen Gang tiefer und erklärte ganz simpel, wie er das gemacht habe.

Verschwörungstheorien gehören dazu

Der plastische Vergleich war der mit einem VW-Golf an der Ampel, der im zweiten Gang losfahren müsse und deshalb nicht Erster sein könne, aber trotzdem schnell. Die Inquisition zeigte, wo es hingeht für den erfolgreichen Titelverteidiger: Wer zu erfolgreich ist in der Formel Neid, dem weht ein kräftiger Wind entgegen. Was wäre diese Branche ohne ihre Verschwörungstheorien?

An Vettels Überlegenheit in diesem Rennjahr gibt es kein Vorbeikommen, auch wenn die Tücken der Technik ihm die letzten beiden WM-Läufe ordentlich versaut haben. Die 392 Punkte von Vettel allein hätten in der Konstrukteurs-WM gereicht, um das komplette Ferrari-Team von Rang drei zu verdrängen. Der 24-Jährige wechselt in der Bewertung dieser Saison zwischen zwei Vokabeln: „Phantastisch“ und „phänomenal“.

Das wichtigste nach diesen 19 WM-Läufen, sagt Sebastian Vettel, sei aber das: „Wir alle bei Red Bull lieben, was wir tun, und deshalb tun wir es mit Leidenschaft.“ Das klingt wie eine Liedzeile seiner Lieblingsband The Beatles, aber so sonnig ist es auch gemeint.

Dieses Gemüt wird er sich bewahren müssen, denn die über weite Strecken des Jahres gedemütigte Konkurrenz, die offenbar nicht mal aus einem hakenden Zahnradwerk Kapital schlagen kann, bezieht die erhöhte Aggressivität für 2012 nicht nur auf den anstehenden Rennwagenbau. Der Vorwurf einer Stallregie, damit Adjudant Webber doch noch zum ersten Saisonsieg kommt, ist absurd. Allein schon deshalb, weil deutlich sichtbar war, wie immer wieder Öl aus Vettels Auto tropfte. Aber mit ähnlichen Sticheleien fing das damals auch bei Michael Schumacher an. Zu großer Erfolg macht nicht nur einsam, sondern weckt auch Misstrauen.

Button nimmt Vettel in Schutz

Das ist noch neu für Vettel. Geduldig versuchte der Beschuldigte es immer wieder mit rationalen Erklärungen: „Man gewöhnt sich im Laufe des Rennens ein bisschen an solche Handicaps. Ich kann versichern, dass wir ein Getriebeproblem hatten und dass ich gezwungen war, so zu fahren. Mir hat das auch nicht gefallen, aber ich hatte keine andere Wahl. Entweder du siehst die Zielflagge oder du siehst sie nicht.“

Für einen Angreifer wie ihn ist es eine Leistung, sich so zurückhalten zu müssen. Erst nach einer zweiten Aufforderung von der Box („Es ist wirklich ein ernsthaftes Problem“) steckte er etwas zurück. Die Prognose der Ingenieure war, dass er es vielleicht bis zur Rennhälfte schaffen würde. „Eine ziemlich reife Fahrt, da kann nicht mehr viel Getriebeöl im Tank gewesen sein“, lobte Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Lewis Hamilton, dessen McLaren-Getriebe ebenfalls bockte, kam nur bis Runde 48 durch.

Jenson Button, der sich mit seinem dritten Platz von Interlagos den Image-Titel als Vizeweltmeister sicherte, nahm den Weltmeister in Schutz, und verriet Cockpit-Weisheiten: „Von außen betrachtet, kann man ja denken, was man will. Aber als Rennfahrer lernt man, mit Problemen umzugehen und sich ihnen anzupassen. Man ändert seine Fahrweise und erkennt, was man tun muss, um trotzdem schnell zu fahren. Das ist es, wofür wir bezahlt werden.“