In Spielberg soll Anfang Juli die erste Zieldurchfahrt der Formel-1-Saison stattfinden.
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SpielbergUnd sie fahren doch. Die Woche, in der die Formel 1 ins niederländische Zandvoort zurückkehren wollte, wäre da nicht Corona, beginnt mit einer weiteren Absage. Der für Ende Juni vorgesehene Große Preis von Frankreich ist damit schon das zehnte der 22 vorgesehenen Rennen, das ausfällt. Gegen die rasende Depression wirkt der unerschütterliche Optimismus der Königsklasse. Wenig später erklärt Formel-1-Chef Chase Carey, dass die Saison am 5. Juli in Österreich beginnen soll. Bis zu 17 Rennen sollen dem Auftakt folgen, gefahren würde dann bis weit in den Dezember hinein. Falls überall gefahren werden kann oder darf. Das Rennen gegen die Unwahrscheinlichkeit hat begonnen, es beginnt mit einem Geister-Grand-Prix.

Beschränkte Reisen im Schengen-Raum, die Absage der Tour de France und von Wimbledon, kaum Hoffnung der Menschen auf Ferien von Corona. Trotzdem soll das Rennen, das in der Formel 1 gern „der Urlaubs-Grand-Prix“ genannt wird, durchgeführt werden. Spielberg in der Steiermark ist in der Tat ein Ort, an dem das scheinbar Unmögliche möglich gemacht werden kann: ein Rennen mit 22 Fahrern und ein paar Hundert Teammitgliedern aus aller Welt. Dazu ein Fernsehteam und das Sicherheitspersonal an der Strecke. Der Große Preis von Österreich ist auch der Grand Prix in der Heimat von Dietrich Mateschitz und Red Bull. Direkt neben der Strecke befindet sich ein Flugplatz, die Formel 1 müsste kaum mit der Bevölkerung in Kontakt treten – obwohl das Rennen seinen Charme auch daraus bezieht, dass die Weltreisenden genau das tun, in einfachen Pensionen und auf Bauernhöfen wohnen. Aber Publikum, das ist die schlechte Nachricht für die Motorsport-Fans, soll es nicht geben. Vielleicht aber gleich einen zweiten WM-Lauf hinterher.

Doch es geht nicht ums Idyll, sondern ums nackte Überleben. Vier von zehn Formel-1-Teams kämpfen ums Überleben, die kleineren Rennställe natürlich. Aber auch die Konzernabteilungen bangen um die Finanzierung. Die Budgetdeckelung soll noch mal niedriger ausfallen, der Bau neuer Rennwagen ist bis Ende 2021 abgeblasen. Für die Formel 1 gilt das Prinzip aus dem Flugzeuggeschäft: Ist sie nicht unterwegs, verdient sie kein Geld. Zwischen 15 und 40 Millionen Dollar Antrittsgelder winken bei jedem Grand Prix, diese Prämie ist weit wichtiger als die Fernsehhonorare im Fußball. Aber auch die TV-Einnahmen sind in Gefahr, falls weniger als 15 Rennen ausgetragen werden. In Vietnam und Aserbaidschan, wo besonders viel Geld und Prestige auf dem Spiel steht, sollen die abgesagten Rennen unbedingt zu einem späteren Zeitpunkt ausgetragen werden.

Deshalb drängt Chase Carey, der Statthalter von Formel-1-Besitzer Liberty Media, so sehr auf einen Neu-Start. Kurz nach Absage des Frankreich-Rennens teilte der US-Amerikaner seine „wachsende Zuversicht“ auf eine Rückkehr noch in diesem Sommer mit: „Unser Ziel ist es, im Juli, August und September in Europa zu beginnen, dann im September, Oktober und November in Asien und Amerika zu fahren und die Saison im Dezember in Bahrain und Abu Dhabi zu beenden.“ So schnell wie möglich werde ein Kalender mit 15 bis 18 Rennen veröffentlicht. Carey erwartet, „dass die frühen Rennen alle ohne Zuschauer ablaufen. Aber ich hoffe, dass die Fans im Laufe der Saison dann irgendwann wieder ein Teil der Veranstaltungen werden."

Als globale Sportart, die permanent die Kontinente wechselt, ist die Formel 1 für die Pandemie besonders anfällig – der Auftakt in Melbourne wurde nach mehreren Corona-Erkrankungen im Fahrerlager drei Stunden vor dem ersten Training abgesagt. Die Logistik ist nicht nur wegen möglicher Einreisebeschränkungen (zwei Teams sitzen in Italien, sieben in Großbritannien) enorm schwierig. Vor allem die Frachtkapazitäten, die weltweit derzeit äußerst knapp sind, machen den Planern Sorge. Einmal gebucht, ist man wenig flexibel – und es sind bis zu zwei Handvoll Jumbo-Jets, die für Fahrzeuge, Material und Fernsehausrüstung benötigt werden.

Um möglichst viele Rennen in die verbleibenden 160 Tage zu packen, wird eine Verkürzung der Rennveranstaltungen auf Sonnabend/Sonntag in Betracht gezogen. Möglich auch, dass an drei Wochenenden hintereinander gefahren wird.

Für das Rennen nach Spielberg, geplant am 19. Juli in Silverstone, wurden alle 100.000 Ticketinhaber bereits informiert, dass sie zuhause bleiben müssen: „Wir haben die schwierige Entscheidung so lange wie möglich aufgeschoben. Doch bei den aktuellen Vorgaben der Regierung kann der Grand Prix nicht unter normalen Bedingungen stattfinden.“ An ihrem Geburtsort in Mittelengland wollte die Formel 1 ihr 70. Jubiläum groß feiern. Es wird ein vergleichsweise stiller Ehrentag werden. Aber immerhin: Die (Renn-)Welt dreht sich weiter.