Berlin - Nach den Jahren dieser erdrückenden Dominanz stellt sich vor der Olympia-Saison im Bob eine große Frage: Wer soll Francesco Friedrich stoppen, wenn nicht Francesco Friedrich selbst? Der Sachse ist seit fünf Großereignissen unbesiegt, längst zum Rekordweltmeister aufgestiegen und will in diesem Winter nun in Peking doppelt zuschlagen – es wäre ein historischer Coup.

Vor dem Weltcup-Start am Wochenende in Innsbruck scheint es kaum vorstellbar, dass Friedrich nicht an seine Erfolge der vergangenen Jahre anknüpfen kann. „Aber soll ich nur Halbgas fahren?“, fragt der 31-Jährige angesprochen auf die vermeintliche Langeweile in der Eisrinne: „Das hat Lewis Hamilton in der Formel 1 in den vergangenen Jahren auch nicht gemacht, damit es bis zum Ende spannend bleibt.“

Bei den Winterspielen im Februar kann Friedrich in vergleichbare Sphären vordringen, wie auch Hamilton sie in der Königsklasse des Motorsports in den vergangenen Jahren erreichte. Wiederholt der Rekordjäger in China seinen Gold-Triumph im Zweier und Vierer von Pyeongchang 2018, würde er mit André Lange gleichziehen. Die vier Goldmedaillen der deutschen Bob-Ikone sind die einzige und zugleich wichtigste Bestmarke, die Friedrich in seiner Sammlung noch fehlt.

Friedrich überzeugte bei Testfahrten in Peking

Einen Ratschlag des früheren Ausnahmepiloten erwartet er dabei nicht – aus gutem Grund. „Tipps zur Bahn hat er uns als chinesischer Nationaltrainer natürlich nicht gegeben“, berichtet Friedrich. Seit 2018 bereitet Lange die Chinesen auf ihre olympischen Heimspiele vor. Kontakt gibt es zwischen den beiden kaum. Das Verhältnis sei aber gut, versichert Friedrich: „Ich respektiere Andrés Leistungen wahnsinnig.“

Bei den dreiwöchigen Testfahrten im Oktober in Peking war Friedrich schon wieder das Maß aller Dinge. Der Bundestrainer registrierte die ersten Fahrten im neuen, pompösen Yanqing National Sliding Center zufrieden und skeptisch zugleich. „Wir fahren mit keinem Hauch von Arroganz nach Peking“, versichert René Spies. Bei den acht Weltcup-Stationen, mit unter anderem je zwei Rennwochenenden in Winterberg und Altenberg, könne noch viel passieren. Friedrich denkt ähnlich.

Auch wenn der frühere Bob-Weltmeister Johannes Lochner entschlossen ist, die Dominanz von Friedrich im Olympia-Winter zu brechen. Er wolle „natürlich nicht zuschauen“, wie Friedrich „wieder 16 Weltcups gewinnt. Das kratzt am Ego, wenn der dir Woche für Wochen um die Ohren fährt“, sagte der Stuttgarter dem Münchner Merkur und kündigte an: „Außerhalb der Strecke gibt es Gaudi, aber sobald das Visier runtergeklappt ist und die Ampel auf Grün springt, gibt es Krieg. Ich will ihm die Suppe versalzen.“

Friedrich ist als Perfektionist bekannt

Der 13-malige WM-Champion Friedrich hat die Corona-Pandemie als größte Gefahr für seine doppelte Goldmission in Peking ausgemacht, nicht etwa seine Konkurrenten. Den Amerikanern griff er im Sommer wie schon zuvor dem Österreicher Benjamin Maier sogar finanziell unter die Arme. Zudem nimmt das Thema Gesundheit beim Rekordjäger einen riesigen Stellenwert ein. Er achte sehr auf seine Ernährung und auch Hygienemaßnahmen, Nasenduschen zum Beispiel gehören zur Routine.

Es seien Mini-Baustellen wie diese, „die andere Teams vielleicht nicht so beachten“, glaubt Friedrich. Dass der Ausnahmekönner stets einen Schritt weiter denkt und geht, ist sein Erfolgsrezept. Für ihn ist dieses Vorgehen selbstverständlich. Sonst wäre es „eine Verschwendung von Steuergeldern“.

Der für seinen Perfektionismus bekannte Sachse Friedrich und Lochner seien „zwei völlig unterschiedliche Charaktere“, stellte der Herausforderer fest: „Ich bin der lustige Bayer, Francesco ist extrem strukturiert. So könnte ich gar nicht arbeiten, aber der Erfolg gibt ihm ja recht.“

In Peking soll Friedrichs Perfektionismus den Erfolgspiloten endgültig in den Olymp befördern. Lange beobachtet die Rekordjagd seines Kronprinzen übrigens ganz gelassen. „Es ist ganz normal, dass sich Dinge entwickeln“, sagte der 48-Jährige nach der Vorsaison im MDR. „Lewis Hamilton“, ergänzte er, „hat ja auch den göttlichen Michael Schumacher eingeholt.“