Frankfurt/London - Eintracht Frankfurt boomt. Der hessische Traditionsverein ist der am rasantesten wachsende Klub der Bundesliga. Kürzlich erst wurde die Mitgliedermarke von 70.000 geknackt, mit mehr als 160 Millionen Euro wird am Ende des Geschäftsjahres ein neuer Rekordumsatz zu Buche stehen. Mitverantwortlich dafür ist Axel Hellmann, 47. Der gelernte Jurist verantwortet im Vorstand unter anderem die Bereiche Sales und Marketing. Das Halbfinalrückspiel in der Europa League (Donnerstag, 21 Uhr/RTL) beim FC Chelsea (Hinspiel 1:1) ist für ihn und die Eintracht auch mit Blick auf den Brexit ein ganz besonderes.

Herr Hellmann, das 1:6 in Leverkusen am Sonntag kam zur Unzeit. Vier Tage später spielt die Eintracht im größten Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte um den Einzug ins Finale der Europa League. Was macht Sie zuversichtlich?

Sechs Tore in 36 Minuten – das war eine neue Erfahrung für uns alle. Ich messe dem aber keine große Bedeutung bei. Leverkusen war ein singuläres Ereignis. Spiele in Europa haben einen besonderen Zauber für Eintracht Frankfurt, das macht mich zuversichtlich.

Sie standen schon als Jugendlicher in der Eintracht-Fankurve. Welche Bedeutung hat für Sie der Aufschwung?

Ein Spiel im Halbfinale eines internationalen Wettbewerbs an der Stamford Bridge gehört zu meinen persönlichen Jugendträumen. Ich habe jahrelang neidisch nach Dortmund oder München geguckt, wo man solche Spiele schon oft erleben durfte. Wir haben in den letzten drei Jahren eine Leistungsfähigkeit entwickelt, die uns berechtigterweise in Europa anklopfen lässt. Auch durch den Pokalsieg hat sich unsere Selbstwahrnehmung verändert.

Was genau meinen Sie damit?

Wir wollen Erfolg. Wir wollen nach vorne. Seit anderthalb Jahren erlebt die Eintracht einen Boom. Die ganze Region will daran teilhaben. Durch die Spiele in Europa sind wir attraktiver geworden. Aber klar ist auch: Wir wissen, wo wir herkommen! 

Die Eintracht ist mittlerweile in der Stadtgesellschaft voll verankert. Das war nicht immer so. Lange gab es eine Distanz zwischen Stadt und Verein. Wie hat sich das verändert?

Es gibt drei wesentliche Gründe. Zum einen ist mit unserem damaligen Trainer Niko Kovac und mit Fredi Bobic seit 2016 eine neue Arbeits- und Leistungsbereitschaft entstanden. Dafür steht auch Adi Hütter. Das überträgt sich auch auf die Mannschaft, die eine gewisse Siegermentalität entwickelt hat. Zum anderen haben wir uns im Umgang mit Partnern und Sponsoren viel dienstleistungsorientierter aufgestellt. Wir wissen, dass auch die Banken in den letzten zehn Jahren aufgrund der Digitalisierung und Globalisierung durch eine schwierige Phase gehen. Durch den zu erwartenden Brexit kommen viele Menschen nach Frankfurt. Es gibt dahingehend auch eine kulturelle Veränderung – und hier kommt der Fußball ins Spiel. Der dritte Punkt ist, dass wir eine klare Haltung zu gesellschaftspolitischen Themen einnehmen: Wir stehen für Weltoffenheit, sind klar gegen Diskriminierung, bekennen uns offen zum Wachstum in der Region. Bestes Beispiel hierfür ist unsere Stimme für den Flughafenausbau.

Sie sprechen den Brexit an. Wir erleben eine Kapitalflucht aus London. 40 Finanzdienstleister haben ihr EU-Geschäft kürzlich nach Frankfurt gesiedelt. Für die Stadt ist das Spiel der Eintracht in London mit Blick auf einen britischen EU-Austritt auch eine Art Bewerbungsschreiben. Sehen Sie sich mit Eintracht Frankfurt als Türöffner für Politik und Wirtschaft?

Frankfurt tritt mit Paris und Dublin in Konkurrenz. Stellen Sie sich vor, dass allein durch eine größere Bank 200 bis 300 Familien nach Frankfurt kommen. Für viele steht Frankfurt für Geld und Macht. Die Stadt hat aber sehr viele lebenswerte und sympathische Seiten: Kurze Wege zum Flughafen, gute Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder, internationale Schulen und mit der Eintracht einen familienfreundlichen Verein, der in 52 Sportarten viel bietet. Wir können die Entscheidungen am Finanzplatz in geschäftspolitischer Sicht sicher nicht beeinflussen, aber mit unserer Emotionalität dazu beitragen, dass sich zugezogene Familien wohlfühlen. Genauso spielen wir auch eine Rolle für Einheimische, die Angst vor Veränderungen haben. Wir sind eine Plattform, über die sich Argumente stärker in die Öffentlichkeit tragen lassen. Wir sind wahrlich keine Befürworter des Brexit, aber wenn er kommt, dann werden Eintracht Frankfurt und der Finanzplatz Frankfurt davon profitieren.

Eintracht gegen Chelsea – das bedeutet auch Bundesliga vs. Premier League. Sind die Engländer uns nicht längst meilenweit voraus?

In wirtschaftlicher Hinsicht ist der Unterschied schon immens. Mit Blick auf den Etat der englischen Top Sechs ist sicher auch die Frage beantwortet, warum die spielerische Qualität eine andere ist als in der Bundesliga. Die ökonomischen Voraussetzungen sind andere. Die Premier League ist der Bundesliga in vielen Punkten voraus, auch im Internationalisierungsgrad.

Stichwort Internationalisierung: Eintracht Frankfurt ist in diesem Bereich auf dem Vormarsch. Sie haben Kooperationen in den USA und in Asien, haben vor wenigen Wochen erst ein Büro in Peking eröffnet.

Richtig. Natürlich hat Frankfurt dank der Banken, der Messe und des Flughafens gewachsene internationale Verbindungen. Frankfurt ist ein Tor zur Welt. Es liegt daher nahe, dass wir als Eintracht Frankfurt gewisse Vorteile im Brückenbilden haben. Wir setzen sehr stark auf Nachhaltigkeit und investieren vor allem in Fußball und Bildung im Ausland.

Der FC Bayern erntet viel Kritik für seine Geschäfte mit Katar. Gibt es für Sie moralische Grenzen?

Sicherlich hat die arabische Welt nicht die Tradition der freiheitlichen, demokratischen Grundordnung wie wir. Aber auch wir mussten uns diese erst erkämpfen. Diese Länder befinden sich in einem Entwicklungsprozess. Das müssen wir akzeptieren. Es gibt aber auch moralische Grenzen. Wir hatten mal ein Angebot aus Saudi-Arabien für ein Testspiel in Höhe von 1,5 Millionen Euro – netto! Das haben wir nicht gemacht. Die Annahme des Angebots erschien uns mit Blick auf die Menschenrechtslage als unangemessen.

Wie gehen die Fans mit modernen Veränderungen um? Bei Hertha BSC beispielsweise gab es große Proteste gegen die neue Digitalisierungsstrategie.

Jeder Klub hat seine eigene Philosophie. Unsere ist, dass wir Zukunftsthemen sehr offen mit der aktiven Fanszene besprechen. Es muss den direkten Austausch und auch kritische Nachfragen geben. Wir haben die Fanvertreter in einer Versammlung vor ein paar Jahren mal gefragt, wo sie die Eintracht sportlich sehen. Schnell haben sie uns klargemacht, dass sie mit der Eintracht am liebsten international spielen wollen. Die Sehnsucht danach ist bei uns riesig, wie man in dieser Saison ja auch sieht. Wir haben ihnen dann klargemacht, dass wir dafür eine gewisse wirtschaftliche Basis brauchen. Wenn wir uns nicht von einem Oligarchen oder Mäzen abhängig machen wollen, dann ist klar, dass wir den Klub aus eigener Kraft vermarkten müssen. Dazu gehören natürlich auch Punkte wie Digitalisierung und Internationalisierung. Das haben die Fans verstanden. Unsere Aufgabe ist es aber, alles in einer gesunden Balance zu halten.

Aufgrund der Negativserie in der Bundesliga droht in den letzten beiden Spielen in Mainz und gegen Bayern sogar der Absturz auf Platz acht. Wie wichtig wäre eine erneute Europa-Qualifikation für die Entwicklung des Klubs?

Natürlich würde das unser Wachstum beschleunigen. Über die Europa League konnten Klub und Fans Duftmarken in Europa setzen. Die Mannschaft hat durch kraftvollen Fußball begeistert. Eine Teilnahme am europäischen Wettbewerb wäre für uns aber kein Muss. Selbst wenn wir am Ende alles Verfehlen sollten, würde das die weitere Entwicklung des Klubs nicht bremsen. Aber da bin ich auch sorgenfrei: Unsere Mannschaft wird das schon richten!

Das Gespräch führte Patrick Berger.