Berlin - Ein gutes Bewerbungsschreiben für den Posten als Losfee sieht anders aus. Nicht nur, dass Dirk Nowitzki bei der Wahl seiner Kugeln am Donnerstag in Berlin nicht das gewohnt glückliche Händchen zeigte und der deutschen Nationalmannschaft für die Heim-Europameisterschaft im kommenden Jahr schwere Aufgaben aus den Lostöpfen fischte, es hakte auch noch beim Öffnen. Fast hatte man ein wenig Angst, dass sich der 42-Jährige an den Kugeln in Form kleiner Basketbälle verletzt und musste ein wenig schmunzeln, wie er an den ersten drei Bällchen zu scheitern drohte, während eine junge Dame daneben ganz entspannt und locker ihre Kugeln öffnete. Die Probe „habe ich wohl irgendwie verschlafen“, sagte der beste deutsche Basketballer aller Zeiten mit einem breiten Lachen, „ich dachte, dass man sie aufklappen muss und hatte nicht so richtig gecheckt, dass man sie aufdrehen muss. Mit Drehen hat es dann besser geklappt.“

Immer wieder Frankreich

Nur das Ergebnis für die Vorrunde der Europameisterschaft im kommenden Jahr hätte aus deutscher Sicht besser sein können. Titelverteidiger Slowenien, Litauen, Ungarn, Bosnien-Herzegowina und Frankreich werden die Gegner in der Gruppe B sein. Immer wieder Frankreich, möchte man meinen. Gerade bei den Franzosen erinnert man sich nur ungern an den katastrophalen Start bei der Weltmeisterschaft 2019 in China, als die deutsche Mannschaft mehr als sieben Minuten ohne Korberfolg blieb. „Frankreich haben wir irgendwie immer, gegen die haben wir schon oft gespielt und es war irgendwie schon in den Sternen gestanden, dass wir die bekommen“, sagte Nowitzki fast entschuldigend.

Als sehr gute, aber deshalb auch sehr schwere Gruppe bezeichnet Nowitzki, der Botschafter dieser Heim-EM, die Vorrunde der Deutschen. Die Mannschaft wird ab dem 1. September des kommenden Jahres ihre Spiele in Köln absolvieren und will sich unter die besten Teams kämpfen. Insgesamt 16 Nationen können die K.-o.-Runde erreichen, die komplett in der Berliner Arena am Ostbahnhof gespielt wird. Dass ausreichend Qualität in der Mannschaft zum Erreichen dieses Ziels steckt, hatte bereits vor der sportlich enttäuschenden WM in China niemand bezweifelt. „Wir haben immer viel von dem 78er-Jahrgang damals gesprochen“, erzählt Dirk Nowitzki, „aber ich glaube, dass sich die aktuelle Nationalmannschaft nicht verstecken muss, vielleicht sogar besser ist als unser Jahrgang damals. Sie sind auf jeden Fall tiefer besetzt und werden uns hoffentlich in den nächsten Jahren stolz machen.“

Die hohe Qualität der deutschen Einzelspieler kann man fast täglich in den Scoreboards der Profiliga NBA ablesen. Dennis Schröder könnte im Sommer bei den Los Angeles Lakers tatsächlich der zweite deutsche Basketballer nach Dirk Nowitzki werden, der die Meisterschaft in Nordamerika gewinnt. An der Seite der Superstars Anthony Davis und vor allem LeBron James hat Schröder noch einmal einen weiteren Schritt in seiner Karriere gemacht. „So einen Aufbauspieler wie ihn hatten wir in Deutschland noch nie“, sagt auch Dirk Nowitzki, „es schon beeindruckend, wie er zum Korb ziehen, wie er zu jeder Zeit punkten kann.“ Auch auf den großen Positionen sieht er mit Maxi Kleber, Daniel Theis, Tibor Pleiß, Johannes Voigtmann oder auch dem Berliner Moritz Wagner viel Potenzial. „Aber wir müssen es schaffen, als Mannschaft aufzutreten, die Chemie und die Rollen müssen gefunden werden – da liegt die große Herausforderung“, sagt Nowitzki.

Dazu gehört es aber eben auch, die anderen Spieler, die nicht in der NBA aktiv sind, in das Team vernünftig einzubauen. Dabei helfe auch die positive Entwicklung der Bundesligavereine. Insbesondere die von Alba Berlin und Bayern München in der Euroleague. „Es ist sehr wichtig, dass die Bundesliga gut ist, dass die Klubs international gut dastehen und den Basketball gut vertreten. Ich freue mich für die zwei Klubs, dass sie gut dastehen und gut spielen. Sie haben auch sehr gute Mannschaften und sind sehr gut gecoacht. Das ist gut für unseren Sport in Deutschland“, sagt Dirk Nowitzki.

Dirk Nowitzki verbringt viel Zeit mit der Familie

Seit dem Ende seiner aktiven Karriere vor zwei Jahren hat er, der wie kein anderer in Deutschland für diese Sportart steht, bewusst den Abstand vom Basketball gesucht. Längst schaut er nicht mehr jedes Spiel, sondern verbringt die Zeit in seiner Wahlheimat Dallas mit der Familie. „Wir haben jetzt drei Kids und es ist schön, die jeden Tag zu verfolgen. Obwohl das vergangene Jahr einige Herausforderungen hatte, haben wir trotzdem versucht, den Kids viel zu ermöglichen und Spaß zu haben“, so Nowitzki, der jetzt noch ein paar Tage in Deutschland bleiben wird.

Wenn die Zeiten sich wieder etwas normalisiert haben, möchte er mit der Familie auch endlich mal wieder etwas mehr reisen. Vielleicht schon zur Basketball-Europameisterschaft im kommenden Jahr. Dort wird der Würzburger als Botschafter natürlich ein paar Aufgaben übernehmen. Welche das im Einzelnen sind, wusste er am Donnerstag noch gar nicht. „Natürlich würde ich mich freuen, bei den Spielen dabei zu sein. Ein bisschen Promo-Tour machen“, sagt er, „als Fan würde ich gerne dabei sein.“ Daran wird es in seiner Rolle als EM-Botschafter sicherlich nicht scheitern. Und ein paar spannende Duelle hat er sich dafür in seiner Nebenfunktion als Losfee ja auch aus den Töpfen gezogen. Vielleicht war das ja auch der heimliche Plan.