Berlin - Pünktlich um 9.30 Uhr Eastern Daylight Time geht Franz Wagner mit einem freundlichen „Guten Morgen“ an sein Handy. Er sitzt gemütlich, gut gelaunt und mit je einem Kissen hinter dem Rücken und vor den Bauch geklemmt auf seinem Hotelbett in Indianapolis. Ab Donnerstag steigt im US-Bundesstaat Indiana das Finalturnier im College-Basketball, besser bekannt als March Madness. Wagner und sein Team der University of Michigan starten Sonnabend als einer der Favoriten unter den 68 Teams in das Turnier. Grund genug für ein Interview mit dem 19-jährigen Berliner.

Franz, wie geht es Ihnen?

Sehr gut, danke. Wir haben die beiden Corona-Tests hinter uns gebracht, die wir für das Turnier brauchen. Jetzt dürfen wir wieder trainieren und bereiten uns auf das Turnier vor.

Damit sind wir gleich beim Thema: Wie ist das Leben als College-Basketballer in Pandemie-Zeiten?

Es ist natürlich nicht das normale College-Leben, was schon mau ist. Seit Corona haben wir den Unterricht morgens online. Danach bin ich eigentlich jeden Tag nur von meinem Haus fürs Training zur Halle und wieder zurück gelaufen. Man trifft außer seinen Mitspielern kaum andere Menschen. Das ist schade, weil wir diese Saison sehr gut spielen und es auf dem Campus normalerweise richtig abgegangen wäre.

Dabei haben Sie sich 2019 explizit auch wegen des Erlebnisses Campus für das College und gegen eine Profikarriere bei Alba Berlin entschieden. Dennoch eine gute Entscheidung?

Auf jeden Fall. Weil man am College weit weg von zu Hause trotzdem anders herausgefordert wird als ein Profi. Man erfährt hier, was es heißt, sich eigenständig zu organisieren und für sich selbst verantwortlich zu sein. Es liegt zum Beispiel nur an mir, wie viel und wie hart ich trainiere und wie gut ich hier werde. Ich bin hier als Basketballer und als Mensch gewachsen und darüber bin ich sehr glücklich.

Zur Person

Franz Wagner (19) wurde in der Nachwuchsabteilung von Alba Berlin ausgebildet. Für den amtierenden Deutschen Meister absolvierte er 37 Spiele in der Basketball Bundesliga (BBL), ehe er auf die renommierte University of Michigan wechselte, wo er bereits seine zweite Saison absolviert. Hier legte bereits sein Bruder Moritz Wagner zwischen 2015 und 2018 den Grundstein für seine Karriere in der NBA und genießt bei den Wolverines noch heute Kultstatus. Mittlerweile spielt Moritz für die Washington Wizards, Franz wäre im kommenden Sommer für die Draft, die Ziehung der besten Talente, verfügbar. Allerdings muss der gebürtige Berliner noch entscheiden, ob er sich bereits zur Auswahl stellt oder, wie sein Bruder, noch ein weiteres Jahr am College dran hängt.

Verfolgen Sie die Alba-Spiele seit Ihrem Abgang weiterhin?

Natürlich, Alba ist schließlich meine Heimatmannschaft! Es war richtig geil zu sehen, wie die Jungs die Meisterschaft und den Pokal gefeiert haben und natürlich wird man da auch ein bisschen neidisch.

Dabei schreiben Sie mit Michigan derzeit Ihre eigene Erfolgsgeschichte: Zuletzt gewannen Sie den Titel der Big Ten Conference, jetzt gehen Sie als einer der Favoriten ins Finalturnier.

Es macht richtig Bock. Uns macht so gut, dass wir als Mannschaft perfekt zusammenpassen. Unser Coach Juwan Howard ist fast schon auf einem Team-Trip. Ein richtiger Ehrenmann, dem komplett egal ist, wer wie viele Punkte macht. Michigan wird vor jeder Saison unterschätzt, aber irgendwann haben die Leute gemerkt, dass wir wirklich spielen können.

Sie persönlich sind mit exzellenter Verteidigung sowie 12,8 Punkten und 6,2 Rebounds pro Spiel einer der Garanten für den Erfolg. Warum läuft es so gut für Sie?

Es hat mir sehr geholfen, nach der letzten Saison schon zu wissen, wie das Leben und der Basketball am College laufen. Ich kannte meine Mitspieler, den Coach und sein System. Und ich war im Sommer viel im Kraftraum, bin schneller und stärker geworden. Meine Gegner können mich nicht mehr so einfach rumschubsen.

In den USA attestiert man Ihnen mittlerweile NBA-Format und Sie werden schon für den diesjährigen Draft hoch gehandelt. Was macht das mit Ihnen?

Das ist natürlich cool. Aber ehrlich gesagt war das ja auch mein Ziel. Ohne arrogant klingen zu wollen: Wenn ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht auf dem Radar der Leute sein würde, dann wäre ich schon enttäuscht. Auf der anderen Seite denke ich auch nicht vor jedem Spiel, dass ich 20 Punkte machen muss, damit alle sehen, wie gut ich bin. So bin ich nicht da hingekommen, wo ich jetzt bin.

Haben Sie denn schon entschieden, ob Sie diesen Sommer den Sprung in die NBA wagen wollen?

Nein, der Draft ist ja noch lange hin. Ich will erst mal gucken, wie wir als Team und ich selbst das Turnier spielen. Ich weiß jetzt schon, dass die Entscheidung danach ohnehin viel zu schnell auf mich zukommt und da habe ich ehrlich gesagt wenig Bock drauf.

Was spräche denn jeweils für und gegen den Schritt in die NBA?

Dagegen spräche, dass uns der spaßige Teil vom College – das Spielen vor Zuschauern und dieses Campus-Feeling – diese Saison komplett gefehlt hat. Mir ist klar, dass ich dieses Feeling nie wieder bekommen würde, wenn ich in die NBA gehe. Du bist dann Profi und Basketball ist dein Beruf, von dem alles abhängt. Auf der anderen Seite sollte man den schon Schritt gehen, wenn man sich bereit fühlt.

Und fühlen Sie sich bereit?

Ich glaube, dass ich sehr gut spielen kann – auch in der NBA. Ich glaube aber auch, dass ich noch viele Schwächen habe. Irgendwann werde ich auf jeden Fall bereit sein, vielleicht in ein paar Monaten oder vielleicht in einem Jahr. Das Wichtigste ist, die Zeit bis dahin zu genießen.

Ein erfolgreiches Finalturnier würde hierbei sicherlich helfen. Was macht die March Madness so mad, so verrückt?

Es ist eine krasse Zeit, in der alles passieren kann. Ab jetzt spielen riesige, dominante Colleges gegen kleine Unis aus Dörfern, von denen du noch nie gehört hast. Das ganze Land guckt zu, jeder kann jeden schlagen und wer verliert, ist raus. Die Leute und die Medien hier gehen total ab. Es ist ein bisschen wie Fußball-WM in Deutschland: Wenn du da nicht die Spiele der Nationalmannschaft guckst, ist irgendwas falsch mit dir. Hier guckt halt jeder March Madness.