Krönt eine Attacke mit dem WM-Titel im Straßenrennen: Julian Alaphilippe.
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ImolaVöllig abgekämpft erreichte Maximilian Schachmann nach einer brutalen Kletterpartie das Autodromo Enzo e Dino Ferrari, die erste WM-Nullnummer im deutschen Radsport seit der Wiedervereinigung war aber nicht mehr abzuwenden. 43 Tage nach seinem Schlüsselbeinbruch und einer kräftezehrenden Tour de France waren für den tapferen Berliner die Medaillen bei der Straßenrad-WM in Imola außer Reichweite, stattdessen holte sich am Sonntag der Franzose Julian Alaphilippe den WM-Titel. Der frühere Mailand-Sanremo-Champion siegte nach 258,2 Kilometern mit 5000 Höhenmetern vor dem Belgier Wout van Aert und dem Schweizer Marc Hirschi.

Schachmann kämpfte an den giftigen Anstiegen Gallisterna und Mazzolano verbissen um jeden Zentimeter, doch bei der letzten bis zu 14 Prozent steilen Rampe musste der 26-Jährige abreißen lassen. Als Neunter erreichte er mit 53 Sekunden Rückstand das Ziel.

Mit einer seiner überfallartigen Attacken setzte sich Alaphilippe von der Konkurrenz ab und stürmte im Alleingang zum Sieg auf der Rennstrecke. Noch in der letzten Tour-Woche schien beim Franzosen die Luft raus - womöglich ein kluger Schachzug, holte er doch nun den ersten französischen WM-Titel seit Laurent Borochard 1997 und trat die Nachfolge des Dänen Mads Pedersen an.

Deutschland muss dagegen weiter auf einen Nachfolger von Rudi Altig seit dessen Erfolg 1966 warten. Dafür war die Mannschaft aber auch zu schwach, fehlten doch einige Leistungsträger. Nicht mal eine Medaille gab es an den vier Wettkampftagen.

In der vorletzten Runde legten die Favoriten ihre Zurückhaltung ab. Eine Attacke von Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar mehr als 40 Kilometer vor dem Ziel sprengte das große Feld. Wie entfesselt stürmte der Slowene den Cote de Gallisterna hinauf, als ob die 3482 Kilometer bei der Tour nur eine Spazierfahrt gewesen waren. Die starke belgische Mannschaft musste sich schon strecken, um den Wunderjungen wieder einzufangen.

Nachdem das 177 Fahrer große Feld am frühen Morgen einmal um den Kurs auf der Rennstrecke gerollt war, ging es auf die knifflige 28,8-Kilometer-Schleife, die neunmal zu bewältigen war. In den ersten Stunden des Rennens war aus deutscher Sicht immer wieder ein Fahrer zu sehen: Jonas Koch, der sich klug in der Ausreißergruppe platzierte und das Feld mit dem Norweger Torstein Traeen eine Zeit lang sogar zu zweit anführte. Die Fluchtgruppe wurde 69 Kilometer vor dem Ziel gestellt, erst danach begannen die großen Attacken der wahren Gold-Kandidaten.

Das motorsportverrückte Imola, in dem Straßen nach Rennfahrern benannt sind und Verkehrsschilder auf berühmte Formel-1-Kurven hinweisen, hat innerhalb von drei Wochen tadellose Rad-Titelkämpfe unter bestmöglichen Bedingungen organisiert. Die Italiener sprangen kurzfristig ein, weil das Event in den Schweizer Gemeinden Aigle und Martigny coronabedingt abgesagt werden musste.