Berlin - Kim Naidzinavicius ließ sich vom Busfahrer noch schnell die Hände desinfizieren, Emily Bölk kletterte mit Mundschutz als letzte in den Mannschaftsbus: Schon der Start ins EM-Abenteuer lieferte einen Vorgeschmack auf die kommenden Tage und Wochen. Unter strengen Coronaschutzmaßnahmen begann für die deutschen Handballerinnen am Dienstag eine Reise ins Ungewisse. „Wir sind froh, dass es endlich losgeht“, sagte Kapitänin Naidzinavicius. 

Angst vor dem Virus hätten sie und ihre Mitspielerinnen keine, beteuerte die Rückraumspielerin, als sie und ihr Team ohne den coronabedingt fehlenden Bundestrainer Henk Groener den Trip per Bus und Charterflieger antraten. Im dänischen Kolding startet am Donnerstag (18 Uhr/Sportdeutschland.tv) gegen Rumänien die Medaillen-Jagd. Lediglich Jennifer Rode wurde zwei Tage vor dem Auftaktmatch der deutschen Handballerinen bei der EM in Dänemark aus dem Kader gestrichen. Die 25 Jahre alte Rückraumspielerin von Borussia Dortmund trat die Anreise am Dienstag zum Spielort Kolding schon nicht mehr an.

„Besonders verrückte“ Vorbereitung

„Wir sind alle davon überzeugt, dass das Turnier nicht stattfinden würde, wenn wir dort nicht absolut sicher wären und die Hygieneregeln nicht optimal ausgeführt werden würden“, so Naidzinavicius. Und Bölk meinte nach einer „besonders verrückten“ Vorbereitung ohne Trainer und Testspiele: „Wir müssen hoffen, dass alle gesund bleiben und dass Corona in diesem Turnier quasi nicht stattfindet.“

Sorgen soll dafür eine sogenannte Bubble, eine Blase mit strengen und engmaschigen Kontrollen nach Vorbild der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA. Die Spielerinnen wurden nach ihrer Ankunft am Dienstag direkt getestet und begaben sich zunächst in ihre Einzelzimmer. Am Mittwoch, betonte Co-Trainer und Groener-Ersatz Alexander Koke, werde das Team dann mit „frischer Energie“ durchstarten.

Die Isolation von Mannschaften und Staff hat höchste Priorität, ein ähnlicher Corona-Ausbruch wie zuletzt bei den DHB-Männern mit vier positiv getesteten Nationalspielern soll unter allen Umständen verhindert werden. Die Gesundheit stehe an erster Stelle, sagte EHF-Präsident Michael Wiederer der „Handballwoche“: „Auch das wird sicherlich eine Messlatte für den Erfolg der Veranstaltung sein.“

Spätestens jetzt mit dem bevorstehenden EM-Start steht das erste Handball-Großturnier unter Corona-Bedingungen unter strenger Beobachtung - auch von den Männern. In Zeiten großer (Corona-)Ungewissheit und kontroverser WM-Debatten erhoffen sich Spieler, Klubs und Verbände vom Saisonhöhepunkt im Frauen-Handball neue Erkenntnisse und Argumente für oder wider eine Austragung des eigenen Turniers.

„Die Frauen-EM könnte eine Blaupause für das Männer-Turnier im Januar in Ägypten sein“, sagte Liga-Chef Frank Bohmann und sprach von einem Fingerzeig: „Da werden wir ganz genau hinschauen. Konzepte können sich bewähren.“ Und auch DHB-Vorstandschef Mark Schober verspricht sich weitere Rückschlüsse für die Männer-WM. „Wir können weiter dazulernen. Da hilft die Frauen-EM an vielen Stellen.“

Sämtliche Testspiele abgesagt

Bei den Frauen bestimmte das Coronavirus von Beginn an das Tempo und den Rhythmus der Turnier-Vorbereitung. Während der an Covid-19 erkrankte Groener sich noch immer in häuslicher Isolation befindet und sein Mitwirken auch beim Turnier-Auftakt fraglich ist, pendeln Naidzinavicius, Bölk und Co. seit Tagen regelmäßig zwischen Halle, Einzelzimmer und Teststation. Sämtliche Testspiele mussten coronabedingt abgesagt werden.

„Natürlich kamen immer mal ein paar Probleme, auf die wir reagieren mussten“, sagte Naidzinavicius rückblickend auf die zehntägige Turnier-Vorbereitung in Frankfurt. Doch als Ausrede will sie all das nicht gelten lassen. Nach Platz zehn bei der EM 2018 und dem achten Rang bei der WM vor einem Jahr soll es diesmal bis ins Halbfinale gehen. „Wir hoffen, dass wir aus den Fehlern der letzten Jahre gelernt haben und dieses Jahr einen Schritt weiter gehen können“, sagte Naidzinavicius. Und Bölk versicherte forsch: „Wir wollen als Team diese Medaille schaffen.“