Sie packt ihre Koffer und sie nimmt mit: Schlittschuhe, Schienbeinschoner, eine riesige Hose mit Hüft- und Unterleibsschutz, einen Brustschutz, Ellenbogenschützer, Handschuhe, einen Helm mit Gitter, ein Trikot mit dem Adler auf der Brust und vier bis fünf Schläger.

Willkommen in der Welt von Nina Kamenik. Die 31-jährige Eislady vom OSC Berlin ist gerade mit der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft in den USA angekommen, wo sie ab Freitag bei der Weltmeisterschaft spielen wird. Knapp zehn ihrer erlaubten 23 Kilo Reisegepäck gehen allein für die Spielausrüstung drauf.

Die Tasche, die Kamenik nach dem letzten Eistraining im Wellblechpalast packt, ist so riesig, dass sie selbst hineinpassen würde. Entgegen aller Klischees versteckt sich unter der bulligen Ausrüstung, die eine Eishockeyspielerin nun mal zwangsweise mit aufs Spielfeld nimmt, eine zierliche Frau: nur 1,61 Meter groß, 56 Kilo schwer.

Die Schutzkleidung macht 15 Prozent ihres Gesamtgewichts aus

Wenn Nina Kamenik über das Eis gleitet, macht die komplette Schutzkleidung über ihrer Schwitzwäsche rund 15 Prozent ihres Gesamtgewichtes aus. Zum Umziehen braucht die Sportsoldatin eine Weile. „Meine Rekord-Zeit liegt bei knapp unter sechs Minuten. Wenn ich die Schlittschuhe anhabe, geht der Rest eigentlich ganz fix“, meint Kamenik.

Apropos Schlittschuhe: Die haben sie gut 500 Euro gekostet, sind keine Spezialanfertigung, aber ein besseres Modell von der Stange. Jeder der vier bis fünf Schläger, die sie in die USA mitnimmt, liegt bei rund 200 Euro, der Rest zog ihr um die 500 Euro aus dem Portemonnaie.

Fast 2000 Euro stecken also in der Ausrüstung. „Das ist vielleicht der einzige Wermutstropfen: Eishockey ist ein wirklich teurer Sport“, sagt Kamenik, die das Spiel mit dem Puck mit Leib und Seele betreibt. Anders ginge es auch gar nicht. Anders kann man den Sport nicht professionell ausüben.

Es gibt wenig Wertschätzung für Eishockey-Spielerinnen

In Amerika drohen die Spielerinnen gerade mit Streik. Dort, wo Männer mit Eishockeyspielen Millionäre werden, verlangen die Frauen bessere finanzielle Unterstützung. „Wir fordern einen Lohn, der die Lebenshaltung deckt, dass USA Hockey uns voll unterstützt und aufhört, uns wie ein Anhängsel zu behandeln“, sagte US-Team-Kapitänin Meghan Duggan.

Nina Kamenik, Berlins einzige Spielerin im Deutschland-Trikot, bewundert diese Rebellion. „Das ist ein ziemlich mutiger Schritt. Ich bin gespannt, ob sie es durchziehen und wirklich nicht bei der Heim-WM antreten“, sagt sie.

Auch in Deutschland grenzt die nicht vorhandene Wertschätzung für die Mädels auf dem Eis an Respektlosigkeit. Beispiel gefällig? Der Eismeister des Wellblechpalasts kennt die einzige aktuelle Nationalspielerin, die in seiner Halle trainiert, gar nicht.

Zur WM fahren 22 Frauen

„Wer sind Sie denn?“, fragt er, als Kamenik ihn bittet, für ein paar Fotos aufs Eis zu dürfen. Die Stürmerin bleibt ruhig, antwortet und lächelt. Sie kennt das nicht anders.

„Dass ich in der Sportfördergruppe der Bundeswehr bin, ist eine große Erleichterung für mich. Ich kann mich dadurch hundert Prozent auf meinen Sport konzentrieren“, sagt die zierliche Frau. Sie ist eine von acht Nationalspielerinnen, die diesen Luxus genießen. Zur WM fahren 22 Frauen: „Streiken würden wir deshalb aber nicht. Wir sind stolz, unser Land zu vertreten.“

Apropos Stolz. Schon ihr Papa, geboren in Tschechien, stand auf dem Eis. In Tschechien ist Eishockey Nationalsport. Ihr Bruder spielte Eishockey, ist jetzt Torwart-Trainer bei den Eisbären Juniors und Trainer-Lehrer an der Sportschule. „Da war es nur logisch, dass ich es auch versuchte“, sagt Kamenik. Mit drei Jahren lernte sie Schlittschuhlaufen. Dass sie erst mit fünf Jahren richtig spielen durfte, verstand sie damals nicht.

Kamenik fuhr zu den Olympischen spielen nach Sotschi

Seitdem ist Kamenik vom Eis nicht mehr herunterzukriegen. Bis sie 16 Jahre alt war, spielte sie ausschließlich mit Jungen zusammen – bei F.A.S.S. – dann bekam sie ein Zweitspielrecht bei den Frauen der OSC Eisladys, mit denen sie schon viermal deutscher Meister wurde. Ihr größter sportlicher Erfolg aber war die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Sotschi. „Streng genommen“, sagt sie, „habe ich genau darauf mein ganzes Leben lang hingearbeitet. Olympia war einfach unbeschreiblich.“

Noch heute trainiert sie ab und zu bei den Männern. „Vor allem in der Vorbereitung auf große internationale Turniere ist das hilfreich“, meint sie. Für ihr Team sei es mittlerweile normal, dass sie ab und zu mitmischt. „Die Jungs haben einen gewissen Beschützerinstinkt auf dem Eis. Beim Gegner gibt es Spieler, die mir gar nicht zu nahe kommen, und welche, die besonders hart zur Sache gehen, um mir zu zeigen, wo der Hammer hängt.“

Zwei schlimme Verletzungen hatte Kamenik in mittlerweile 26 Jahren Eishockey. Einen Trümmerbruch im Ellenbogen, der sie 2006/2007 eine ganze Saison kostete und der gleich mehrfach operiert wurde. Und einen Kreuzbandriss. Beides passierte ohne Gegnereinwirkung. „Auch wenn das viele denken, Eishockey ist nicht gefährlicher als andere Sportarten“, weiß sie. Kamenik hat ein Studium der Sportwissenschaften abgeschlossen, will später beim Landessportbund arbeiten.

Klischees sind allgegenwärtig

Und mit noch einem Vorurteil hat sie zu kämpfen. Wenn sie auf neue Leute trifft und erzählt, was sie so macht, erntet sie ungläubige Blicke. „Die Reaktion ist immer dieselbe. Das Klischee einer kräftigen, burschikosen Frau unter der Schutzkleidung ist in den Köpfen verankert. Dabei sind wir alle schlank, durchtrainiert und legen auch mal Make up auf“, meint die Eislady, die neben ihrer wirklich riesigen Sporttasche auch einige Handtaschen zu Hause hat.

Die bleiben auf dem Weg zur WM aber zu Hause. In den USA geht es – mal wieder – nur um den Puck. Ziele? Die Klasse zu halten. „Die Unterschiede sind kleiner geworden. Kanada und Amerika sind Übermannschaften, alle anderen können wir an guten Tagen schlagen“, sagt Nina Kamenik selbstbewusst.