Dzsenifer Marozsan ist ein prominentes Gesicht der deutschen Frauenelf. Deren Länderspiele finden oft – wie hier im Oktober in Aachen – vor dürftiger Kulisse statt.
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BerlinDer Weltverband Fifa, die europäischen Uefa und Deutsche Fußball-Bund (DFB) betonen häufig, welche Wachstumschancen der Frauenfußball bietet. Fördergeld fließt reichlich, Wettbewerbe entstehen, die Professionalisierung nimmt zu. Trotzdem hat Markus Juchem   jetzt mit womensoccer.de eine der bekanntesten Plattformen für den Frauenfußball eingestellt. Ein Gespräch über verschenkte Chancen nach der Heim-WM 2011, immer noch unbekannte Nationalspielerinnen, die fehlende Gesamtstrategie und die Gefahr der sozialen Medien.

Herr Juchem, warum haben Sie Ihre Plattform eingestellt?

Das Projekt haben Katja Öhlschläger und ich im Februar 2007 gestartet, nach ihrem Ausstieg ist dann Nora Kruse dazugekommen. Hintergrund war, dass Deutschland Ende 2006 den Zuschlag zur Ausrichtung der Frauen-WM 2011 bekommen hatte. Die Idee war, dem Frauenfußball eine Plattform zu geben, die er bis dahin nicht hatte. Wir wollten die Wahrnehmung vergrößern und den Anhängern eine Anlaufstelle schaffen. Das hat schnell gut geklappt.

Markus Juchem muss sein etabliertes Forum für Frauenfußball aufgeben.
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Wie viele Nutzer haben denn bei der Frauen-WM 2011 in Deutschland auf ihre Seite zugegriffen?

Wir hatten zu Spitzenzeiten monatliche Nutzerzahlen im hohen sechsstelligen Bereich. In Hochzeiten waren das 40 000, 50 000 Seitenaufrufe an einem Tag während der WM 2011. Dieses Niveau haben wir aber nie wieder erreicht. Schon mit Ende dieses Turniers sind die Zugriffszahlen deutlich zurückgegangen. Wir hatten am Ende täglich 1 500 User im Schnitt, aber nur ein sehr kleiner harter Kern hat sich intensiv mit allen Facetten des Frauenfußballs auseinandersetzt. Dem Frauenfußball fehlt nach wie vor eine Diskussionskultur.

Also wurde Anfang des zurückliegenden Jahrzehnts ein riesiger Luftballon aufgeblasen?

Die Zahlen spiegeln wider, dass mit und nach der WM 2011 versäumt wurde, das gewachsene Interesse in den Frauenfußball-Alltag zu übertragen. Dieser verpassten Chance läuft man in Deutschland bis heute hinterher. Es gelingt nur bei großen Turnieren, für ein paar Wochen aus der Nische herauszukriechen. Der Frauenfußball ist bis heute über diesen Eventcharakter nicht herausgekommen.

Der Sport ist bis heute nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Das hat vielschichtige Gründe.

Markus Juchem

Ihr Angebot hat sich wirtschaftlich nicht getragen. Nun hat Flyeralarm als Partner der Frauen-Bundesliga mit Anlauf erst im November das neue Magazin Elfen herausgeben, um den Frauenfußball von einer anderen Seite zu beleuchten. Was sagen Sie?

Auch Projekte wie Fansoccer, Framba, das FF-Magazin oder auch das Frauenfußball-Magazin in der Schweiz wurden ja eingestellt. Bei fast allen hat letztendlich die mangelnde wirtschaftliche Tragfähigkeit zum Aus geführt. Man muss nüchtern konstatieren, dass sich das Interesse am Frauenfußball nicht mit der Geschwindigkeit entwickelt hat, wie wir das anfangs vermutet und uns auch gewünscht hätten. Der Sport ist bis heute nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Das hat vielschichtige Gründe.

Welche?

Ich habe es oft erlebt, dass sich selbst aktive Fußballerinnen wenig bis gar nicht für ihren Sport interessieren. Außerdem musste ich leider feststellen, dass journalistische Arbeit inzwischen immer weniger geschätzt wird – stattdessen werden lieber belanglose Clips geklickt oder Artikel gelesen, die den Empörungsreflex bedienen. Von außen betrachtet fehlt es etwa bis heute auch an klar erkennbaren Konzepten, den Bekanntheitsgrad der Spielerinnen zu steigern. Selbst gestandene Nationalspielerinnen sind der breiten Öffentlichkeit unbekannt.

Die deutsche Frauen-Nationalmannschaft hat ihren Pferdeschwänze-Werbespot zur WM 2019 mit der Feststellung eingeleitet: „Wir spielen für eine Nation, die unsere Namen nicht kennt!“

Das verwundert mich nicht. Spielerinnen und Vereine machen nur halbherzig Werbung in eigener Sache. Da werden oft vereinseigene Webseiten nur unzureichend und unregelmäßig gepflegt, Interviews werden eher als lästige Pflichtübung begriffen. Zudem habe ich häufig das Gefühl, dass wir in Deutschland gerne drei Jahre lang Pro und Contra abwägen, statt einfach einmal auszuprobieren, ob etwas funktioniert. Das ist auch der Grund, warum wir in vielen Bereichen bereits von anderen Ländern überholt wurden.

Was könnte ein Ansatz sein, um neue Wege zu gehen? Frauen sind im Vergleich zu den Männern doch bodenständiger, authentischer und oft auch unterhaltsamer in ihren Aussagen, oder?

Ich wünsche mir vor allem eine Professionalisierung der Marketing- und Medienarbeit, doch die Bedeutung dieser Bereiche wird in manchen Vereinen noch gewaltig unterschätzt. Und bei allem Verständnis für komplexe rechtliche Konstellationen ist es für mich unverständlich, dass es immer noch nicht möglich sein soll, alle Spiele der Frauen-Bundesliga live auszustrahlen. Schweden schafft das seit 2013, England überträgt seit dieser Saison alle Spiele kostenlos im FA Player und bis vor kurzem wurden alle Spiele der US-Profiliga sogar weltweit kostenlos gestreamt. Und wenn die ARD-Sportschau schon kurze Zusammenfassungen zeigt, sollte es doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass auch die Ergebnisse und Tabelle eingeblendet werden.

Aber es wurde doch immerhin ein Ausschuss Frauen-Bundesligen eingerichtet…

…aber schauen Sie sich doch die Zusammensetzung einmal an: Da sitzen durchaus kompetente Leute zusammen, aber sie kommen fast alle aus dem inneren Kreis, die meisten aus der Liga. Da können Sie keine großen Impulse erwarten. Ich würde mir wünschen, dass hier Persönlichkeiten von außen integriert werden. Wie Vertreter von Sponsoren, Medien oder PR-Profis. Der Frauenfußball braucht einen breiteren Blickwinkel und Anregungen von außen, sonst dreht man sich wie bisher weiter nur im Kreis.

Soldarität auf der Tribüne: Fans der deutschen Frauenelf positionieren sich.
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Fehlen im Frauenfußball auch Persönlichkeiten?

Es gibt sie schon, sie müssten aber auch genügend Freiraum erhalten, ihre eigene Meinung frei zu artikulieren. Früher hat so manches Wortgefecht zwischen Potsdams Trainer Bernd Schröder und Frankfurts Manager Siegfried Dietrich elektrisiert und auch Zuschauer ins Stadion gelockt. Spielerinnen wie Inka Grings, Patricia Hanebeck oder Conny Pohlers haben auch mal einen Spruch rausgehauen – heute werden lieber Nettigkeiten ausgetauscht, bloß um politisch korrekt zu sein und niemandem auf die Füße zu treten. Mir fehlt der Mut zur offenen Diskussion und einem fruchtbaren Meinungsaustausch. In dem Zusammenhang fand ich das Interview mit Almuth Schult in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor ein paar Monaten sehr erfrischend. Das war ein zähes Ringen, bis es zur Veröffentlichung kam!

Ich habe schöne Erinnerungen an die WM 2003, als Deutschland in den USA den ersten Titel geholt hat

Markus Juchem

Sie haben mit vielen Persönlichkeiten aus dem Frauenfußball gesprochen. Da haben Sie doch auch viele positive Erfahrungen gemacht.

Auf jeden Fall. Es gab tolle Interviews und Gespräche mit Abby Wambach, Hope Solo, der in Deutschland vollkommen verkannten Marta, Hanna Ljungberg oder auch Steffi Jones und Martina Voss-Tecklenburg, deren Weg ich schon sehr lange verfolge. Die heutige Bundestrainerin hat ja auch mal ein eigenes Frauenfußball-Magazin herausgegeben. Und ich habe schöne Erinnerungen an die WM 2003, als Deutschland in den USA den ersten Titel geholt hat.

Derzeit scheinen Titel für die DFB-Auswahl weit weg zu sein. Was halten Sie von punktuellen Highlights wie dem von fast 80 000 Zuschauern besuchten Länderspiel England gegen Deutschland?

Das war ein tolles, eindrucksvolles Ereignis, bei dem ich selbst vor Ort war. Da gab es durchaus viel Anschauungsmaterial, an welchen Stellschrauben man noch drehen kann und muss. Aber diese Events können trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich ein Großteil der Menschen nach wie vor hier nicht für den Frauenfußball interessiert, auch wenn er viel Potenzial in sich trägt.