Einen schönen Mann kann nichts entstellen. Und eine schöne Frau? Nadine Keßler lächelt bei diesem Vergleich. Die vielen Narben an ihrem Körper zeigt sie nicht allzu gerne, aber die 25-Jährige versteckt sie auch nicht. Unübersehbar sind die frischen Operationsspuren an der Hand; resultierend aus einem im April gebrochenen Mittelhandknochen. An ihrem linken Knie haben Operateure zwischen 2008 und 2010 insgesamt sechs Mal das Gewebe aufgeschnitten, denn einem Knorpelschaden folgten massive Komplikationen.

Und wenn sie aktuell statt Turnschuhe zum Gesprächstermin Badelatschen tragen würde, ließe sich auch am Fuß noch eine Deformation erspähen; ihr kleiner Zeh ist nämlich gebrochen. „Für meine Verhältnisse nur eine kleine Verletzung“, beteuert die Nationalspielerin, die nicht umsonst am Dienstag gemeinsam mit Bundestrainerin Silvia Neid zur Pressekonferenz in der Benteler-Arena in Paderborn aufs Podium entsandt wurde. Wenn die derzeit im ostwestfälischen Bad Lippspringe untergebrachte Frauen-Nationalmannschaft am Mittwoch (18 Uhr/live ARD) gegen Kanada ihr vorletztes EM-Vorbereitungsspiel bestreitet, trägt die unverwüstliche Powerfrau des VfL Wolfsburg nicht erst nach einem halben Dutzend Ausfällen – die EM-Absage von Babett Peter wegen eines Ermüdungsbruchs erfolgte am Montagabend − das Prädikat unverzichtbar.

Mit betäubtem Zeh

Sie sagt: „Ich versuche jeden Tag die Bundestrainerin von meinem Stellenwert zu überzeugen.“ Silvia Neid urteilt: „Nadine Keßler ist ein toller Typ, eine große Persönlichkeit und sehr sozial veranlagt.“ Und fußballerisch gilt die Spätstarterin, die erst 2010 im Nationalteam debütiert und seitdem überhaupt erst zehn Länderspiele bestritten hat, als begabt. „Sie schaut nach rechts und spielt nach links. Überdies ist sie torgefährlich“, lobt ihre Auswahltrainerin, während ihr Vereinstrainer Ralf Kellermann seine Spielführerin als Integrationsfigur auf dem Weg zum Gewinn der Meisterschaft, des Pokals und der Champions League pries. „Ich weiß gar nicht, mit vielen Brüchen sie durchgehalten und das Team mitgezogen hat.“ Nadine Keßler stand beispielhaft für eine grenzwertige Wolfsburger Opferbereitschaft in den Finalspielen. Beim Champions-League-Triumph gegen Olympique Lyon trug die vor zwei Jahren von Potsdam nach Wolfsburg gewechselte Mittelfeldspielerin an der Hand eine Schiene, den Zeh ließ sie sich „komplett betäuben“.

Doch es ist dann eben kein Zufall gewesen, dass sich mit Verena Faißt, Viola Odebrecht und speziell der fitgespritzten Alexandra Popp gleich drei Vereinskolleginnen nacheinander fürs Turnier in Schweden abmeldeten. Wie gut, dass sich Keßler hingegen nicht unterkriegen lässt. Im Test gegen Schottland (3:0) bildete sie mit ihrer Vereinskameradin Lena Goeßling anfangs die neue deutsche Doppel-Sechs – genau dieser Verbund stemmte sich auch an der Stamford Bridge der französischen Übermacht aus Lyon entgegen. Viele Alternativen hat Silvia Neid auf der zentralen defensiven Mittelfeldposition nach dem Ausfall von Kim Kulig nicht mehr. Eine wäre noch Simone Laudehr, die sich nach einem frisch verheilten Knorpelschaden aber erst allmählich wieder an die Belastung herantastet.

Nadine Keßler taugt als Vorbild, dass solch eine Verletzung nicht das Aus bedeutet. Ein gutes hatten die vielen Handicaps übrigens: Nebenbei hat die Spielerin für die berufliche Zukunft vorgebaut. Die erklärte Anhängerin des 1. FC Kaiserslautern arbeitet halbtags in einer Marketingagentur als Projektmanagerin. „Ich bin die einzige Unkreative unter all den Kreativen, sorge für Strukturen und koordiniere.“ Die Parallelen zu ihrem Aufgabengebiet auf dem Fußballfeld sind natürlich rein zufällig.