Frankfurt - Es ist nicht allzu lange, da hat der deutsche Frauenfußball viele schöne Zahlen präsentiert. Es galt schließlich im eigenen Lande eine WM zu vermarkten, in deren Zuge stets von der mehr als eine Million Frauen und Mädchen unter dem DFB-Dache die Rede war.

Insofern ehrt es Wolfgang Niersbach, dass der DFB-Präsident bei einer Eröffnungsveranstaltung zum Start der Frauen-Bundesliga in der Verbandszentrale die Wirklichkeit ein bisschen gerade rückte. Von diesen vielen weiblichen Mitgliedern seien in Wahrheit nämlich nur 150.000 aktiv, „Fußball ist zwar der beliebteste Sport bei den Mädchen, aber wir müssen noch mehr dahin bringen.“ Und: „Es gibt Anlass zu Optimismus, wir müssen aber den Realismus bewahren.“

Neue Töne

Das sind dann doch neue Töne gewesen, wo lange weisgemacht wurde, das weibliche Segment sei ein unbegrenzter Wachstumsmarkt. Immerhin: Dass der Bundesliga-Zuschauerschnitt von 887 auf 1121 stieg (Plus von 34 Prozent) ist ebenso ein Zeichen für die Attraktivität wie die 2,7 Millionen Euro, mit denen jährlich aus dem Fernsehvertrag mit ARD und ZDF die Rechte an Frauen-Bundesliga und DFB-Pokal der Frauen bewertet sind. Weitere drei Millionen investiert der DFB selbst, weshalb Niersbach fordert: „Die Vereine müssen vor Ort ihren Beitrag leisten und Lobbyarbeit betreiben.“

Dummerweise beginnt die Frauen-Bundesliga am Wochenende nur mit einem Rumpfprogramm. Parallel streben die U 20-Juniorinnen bei der WM in Japan nach dem Titel, was Bundestrainerin Silvia Neid („Da habe ich einige auf dem Zettel“) nachhaltig beeindruckt.

Mit dem Titelverteidiger Turbine Potsdam (in Sindelfingen) und Wirtschaftsprimus 1. FFC Frankfurt (gegen Jena) eröffnen am Sonntagmorgen immerhin zwei der drei Meisterschaftsanwärter den Kampf um die 40. Deutsche Meisterschaft, und es obliegt dem zuletzt viermal in Folge zum Meistertrainer gekürten Unikum Bernd Schröder, die Konkurrenz auf die Schippe zu nehmen: „Es müsste eigentlich auch mal wieder ein anderer kommen.“

Wolfsburg nutzt Luxussituation

Vielleicht der Vizemeister VfL Wolfsburg, der sich mit den Nationalspielerinnen Alexandra Popp, Luisa Wensing und Viola Odebrecht weiter verstärkt hat. Der Werksklub kann neben guter Bezahlung und beruflicher Perspektive bald auch ein eigenes Stadion bieten. Die 8700 Zuschauer, die zum letzten Saisonspiel gegen Frankfurt kamen, sollen kein Ausrutscher bleiben. „Wir haben dank unseres Hauptsponsors natürlich eine Luxussituation“, sagt Trainer Ralf Kellermann, der gesteht: „Die Schere geht weiter auseinander.“

Während sich Wolfsburg über die Zuwendungen in den Frauenfußball ausschweigt, spricht Frankfurts Manager Siegfried Dietrich offen über einen Basisetat von 1,8 Millionen Euro. Eingedenk der Verpflichtungen von Simone Laudehr, Babette Peter und Bianca Schmidt tummeln sich zehn aktuelle deutsche Nationalspielerinnen in einem Luxuskader unter seiner (Vermarktungs-)Obhut.

Finanzielle Sorgen in Duisburg und Hamburg

In diesem Wettrüsten bleibt der Rest der Liga auf der Strecke. Aufsteiger FSV Gütersloh darf zwar dank Clemens Tönnies in einer nach Schalkes Strippenzieher benannten Arena spielen, muss aber mit einem Budget von 350.000 Euro haushalten. Beim Hamburger SV stellte der Gesamtverein wegen einer Deckungslücke von 100.000 Euro bei der Frauen-Abteilung die Unterstützung ein, was der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger „einen Skandal“ nennt, „wenn ein Klub im Männerfußball die Millionen verbrannt hat und dann die Frauen dafür bestraft.“

Den FCR Duisburg plagten finanzielle Probleme und der Klub verlor seine namhaftesten Kräfte, wobei Annike Krahn und Linda Bresonik zu Paris St. Germain gingen. Umgekehrt verdingen sich 67 ausländische Spielerinnen in den zwölf Vereinen.

Duisburgs Geschäftsführer Timo Skrzypski: „Ausländer sind billiger. Wir machen die Preistreiberei bei deutschen Spitzenspielerinnen nicht mehr mit.“ DFB-Direktorin Steffi Jones kündigt demnächst ein eigenes Liga-Statut an, das eine Art wirtschaftlicher Kontrolle ermöglicht. Erhebungen des Verbandes haben ergeben, dass 60 Prozent vom Etat eines Frauen-Bundesligisten in Gehälter fließen – ein auf Dauer höchst ungesundes Verhältnis. Wenn auch hierzulande von allen Seiten ausgeschlossen wird, dass der Liga so etwas erfährt wie der amerikanischen Profiliga WPS, deren Betrieb in diesem Jahr eingestellt wurde.