Berlin - Kurz nacheinander kamen Fritz Keller und Friedrich Curtius am Montagvormittag in schwarzen Nobelkarossen am Düsseldorfer Lindner Congress Hotel an. Ein gemeinsames Erscheinen des Präsidenten und des Generalsekretärs im Quartier der Nationalmannschaft hätte auch stark verwundert – schließlich lassen die jüngsten Berichte über den anhaltenden Machtkampf an der Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wieder einmal tief blicken.

Pikante Details kommen ans Tageslicht

Dabei geht es um pikante Details wie Kündigungen, Beraterverträge, Zoff der Bosse, einen vom ständigen Streit genervten Bundestrainer sowie immer neue Indiskretionen und Intrigen. Ob Keller und Curtius die Nationalspieler über den aktuellen Stand der Dinge aufgeklärt haben, ist nicht überliefert. Dennoch darf vor dem Beginn der WM-Qualifikation keine Rede davon sein, dass sich der Verband auf den Sport und die Nachfolger-Suche für Joachim Löw konzentrieren kann.

„Dass die Außendarstellung in den letzten Wochen und Monaten nicht positiv ist, wissen wir auch“, gestand Oliver Bierhoff am Montag ein. Doch „trotz aller Diskussionen“ habe der DFB „funktioniert“ – so sieht es jedenfalls der DFB-Direktor: „Ich bin weiter positiver Dinge, dass wir das schaffen und dass es ausdiskutiert wird. Ich sehe mich nicht als Mediator. Den Rest müssen die handelnden Personen unter sich klären.“

Die seit Monaten andauernde Fehde in der Chefetage hält den DFB also weiter in Atem – trotz des Mitte Januar verkündeten Burgfriedens und der Verweigerung von offiziellen Kommentaren zu den jüngsten Veröffentlichungen. Wie es um die Führung des größten Einzelsportverbands der Welt derzeit bestellt ist, veranschaulichte die zurückliegende Pressekonferenz von Keller und seinem Vize Rainer Koch.

Als es darum ging, gemeinsam für die angestrebten Lockdown-Lockerungen bei den Amateuren zu werben, trat die herrschende Eiszeit zwischen den Protagonisten deutlich zutage. So sprach der dem Curtius-Lager zugeordnete Koch immer wieder von „Präsident Keller“, als er sich auf die Aussagen des DFB-Chefs bezog – mehr verbale Distanz geht kaum.

Es sieht immer deutlicher danach aus, dass ein konstruktives Miteinander der handelnden Personen nicht möglich ist. Der Eindruck drängt sich auf, dass hinter den Kulissen weiterhin gegeneinander gearbeitet wird. Diese Situation lässt sich wohl nur ändern, wenn mindestens eines der Alphatiere geht. Dabei scheint völlig offen, wer das sein wird.

Fritz Keller scheint isoliert zu sein

Obwohl Curtius zuletzt durch das Bekanntwerden von Beraterverträgen stark in die Defensive geraten ist, könnte es durchaus auch Keller erwischen. Schließlich mehren sich die Stimmen, wonach der im September 2019 vor allem vom Profifußball ins Amt gebrachte Ex-Klubchef des SC Freiburg zunehmend in dem von den Amateuren dominierten DFB-Präsidium isoliert sei.

Ohnehin mutet die ganze Auseinandersetzung immer mehr wie ein „Stellvertreterkrieg“ zwischen den Amateuren und den Profis um die Vorherrschaft im Verband an. Das machten nicht erst die Einmischungen des Profibereichs zugunsten Kellers deutlich, die wiederum von zahlreichen Landesverbänden kritisch gesehen wurden.

Der anhaltende Machtkampf belastet den Verband zur Unzeit. Denn angesichts der riesigen Aufgaben und Problemfelder wäre mehr denn je Einigkeit vonnöten. Die Corona-Pandemie, der drohende Verlust der Gemeinnützigkeit als Folge der Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft, die Krise der Nationalmannschaft, die Fragezeichen hinter den EM-Partien in München, die Organisation der Euro 2024, die Ausgliederung der profitablen Bereiche sowie die personelle Vertretung in den Gremien der Europäischen Fußball-Union (Uefa) und des Weltverbands Fifa – mit alldem muss sich der DFB aktuell beschäftigen. Wie gut das bei der derzeitigen Gemengelage funktioniert, ist fraglich.