Hier fühlt sich Bob Hanning besonders wohl: im Kreis seiner A-Jugend-Mannschaft 
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BerlinAls der Ball auf ihn zukam, musste Tim Freihöfer nicht lange überlegen. Der Linksaußen lief an, stand für ein paar Sekunden in der Luft und versenkte das Spielgerät sicher im langen, oberen Winkel. Es dauerte ein paar Sekunden, bis der 18-Jährige das selber glauben und sich freuen konnte. Doch dann brach es aus ihm heraus. Mit einem lauten Schrei und zum Jubel geballten Fäusten lief Freihöfer beim Sieg gegen Nordhorn zurück auf seine Defensivposition. 

Wieder einmal hatte sich ein neuer Name in die lange Torschützenliste der Füchse Berlin eingetragen. Wieder einmal kommt er aus der eigenen Talentschmiede. Und wieder einmal hat er möglicherweise eine große Zukunft vor sich. Seit dem Aufstieg ins Oberhaus im Jahr 2007 entwickelt der Hauptstadtklub regelmäßig Talente, die schon im jungen Alter den Schritt in den professionellen Handball schaffen. Prominente Namen sind dabei die Nationalspieler Johannes Sellin und Fabian Wiede. Oder aber Paul Drux, der mittlerweile nicht nur zum Aushängeschild des Vereins, sondern kürzlich sogar zum Kapitän der Mannschaft ernannte wurde. Große Fußstapfen, in die auch Freihöfer gerne treten würde. Die Weichen dafür sind gestellt. Denn: Bei den Berlinern wurde ein Konzept entwickelt, das weitere Erfolge verspricht.

Vor allem, weil man sich in der Kaderschmiede auf Augenhöhe begegnet. Den Jugendspielern werden die gleichen Privilegien zugesprochen wie den Profis – von der medizinischen und physiotherapeutischen Betreuung über Kraft- und Athletik-Coaches bis hin zu Videomitschnitten ihrer Übungseinheiten. Da wird mit der Bundesliga-Mannschaft die gleiche Halle benutzt, finden Lehrgänge gemeinsam statt und gehören Begegnungen im Kraftraum ebenso zur Routine wie der gegenseitige Austausch. Und dafür wird auch ordentlich Geld in die Hand genommen. Die finanzielle Grundlage der sportlichen Ausbildung sind die jährlichen und nicht unerheblichen 600.000 Euro, die aus dem Etat in die Nachwuchsarbeit fließen. „Das ist für mich einen Herzensangelegenheit. Vereine haben eine diesbezügliche Verantwortung, und die tragen wir mit Leidenschaft“, erklärt Geschäftsführer Bob Hanning, der selbst sieben Tage die Woche seine A-Jugend trainiert und mit fast schon väterlicher Fürsorge über seine Schützlinge wacht.

Ein Engagement, das geschätzt wird. „Das ist der beste Trainer, den man haben kann“, erzählt Tim Freihöfer, „er ist die erste Ansprechperson, egal was ist. Als Trainer, Geschäftsführer oder eben, wenn man 700 Kilometer von zuhause weg ist und nicht schnell zu den Eltern kann.“ Freihöfers Anerkennung für seinen Mentor zieht sich durch alle Bereiche und legt offen, mit welchen Methoden die Füchse ihre Spieler erziehen. „Bob gibt nicht alles vor und räumt uns ein Mitspracherecht ein“, berichtet der 18-Jährige, der neben dem Fachabitur und den täglichen Trainingseinheiten derzeit ein Praktikum in der Geschäftsstelle des Vereins absolviert.

Er ist ein Paradebeispiel für die ganzheitliche Erziehung, die Hanning anstrebt, bei der nicht reine Sportler geformt werden sollen, sondern Individuen. Das zeigt sich gleichermaßen im handballerischen Zugang des Trainers. Der 51-Jährige entwickelt seine jungen Talente hin zu einer gewissen Autonomie, ohne sie in bestehenden Systemen einengen und ihre Kreativität einschränken zu wollen. Auch dadurch funktioniert die Integration in die Profiabteilung, welche aufgrund der aktuellen Verletztenlage mehr denn je auf den Nachwuchs baut, scheinbar so problemlos.

Möglich wird das komplexe Konstrukt durch die geschaffenen Rahmenbedingungen im Bundesland. „Der Handballverband Berlin hat uns den männlichen Bereich anvertraut, wir haben die größten Vereine hier als Partner, und vor allem kommt uns die Eliteschule Sport bis hin zu den Stundenplänen entgegen“, erläutert der Funktionär und Visionär Hanning, der stolz auf sein erschaffenes Konstrukt schaut: „Ich habe das Gefühl, da wächst das, wovon ich immer geträumt habe.“

Ein Traum erfüllt sich auch für Tim Freihöfer, der in dieser Woche wahrscheinlich sowohl für seine Altersklasse in der A-Jugend als auch für die zweite Mannschaft und die Profis im Einsatz sein wird. Ein Pensum, das gerade für einen jungen Athleten nicht zu unterschätzen ist. Doch auch dahingehend nimmt Bob Hanning Einfluss. „Ich regele das selbst, da darf kein Profi-Trainer Zugriff auf meine Spieler haben. Ich habe alles abgegeben, außer die Steuerung der Belastung im Nachwuchsbereich. Das gebe ich nicht aus der Hand“, bekräftigt der gelernte Kaufmann.

Da wird auch Tim Freihöfer schon mal von einem privaten Fahrer von Berlin nach Niedersachsen gefahren und anschließend auf die gleiche Weise nach Potsdam gebracht, um größtmögliche Ruhephasen zu generieren. „Bob managt das wirklich sehr gut, sodass ich meine Pausen bekomme und genügend Regenerationszeit habe“, ist der Linksaußen zufrieden und blickt erwartungsfroh auf die Partie gegen den SC Magdeburg in der Max-Schmeling-Halle: „Wenn ich eingesetzt werde, wäre es das größte Spiel meiner jungen Karriere.“ Und wenn der Plan aufgeht, werden noch viele folgen.