Trainer des SC Paderborn: Steffen Baumgart.
Imago Images/Moritz Müller

BerlinWas haben die Fußballspieler Manfred Seifert, Edgar Schneider und Günther Rybarczyk gemeinsam? Alle drei standen mal beim FC Bayern München unter Vertrag, aber vor allem waren sie tragende Figuren des ersten Bundesliga-Spielerwechselmissgeschicks der Geschichte. Etliche sollten folgen, bis Reglementsänderungen die Zahl der zur Verfügung stehenden Fettnäpfchen sukzessive reduzierten und nun seit dem aktuellen Spieltag sogar das halbe Team ungestraft ersetzt werden darf. Eine der seltsamen Blüten, die das Coronamanagement hervorgebracht hat. 

Notorische Ersatzspieler dürften begeistert sein, auch wenn die Sache ein wenig an jene berüchtigten Testländerspiele erinnert, bei denen ab der 60. Minute die Reservebänke zügig geräumt werden und das Spiel regelmäßig aus den Fugen gerät.

Man sollte die neue Regel „Lex Steffen Baumgart“ nennen, schließlich war der Trainer des SC Paderborn der erste, der beherzt Gebrauch davon machte. In der 73. Minute der Partie bei Fortuna Düsseldorf schickte er Reservist drei und vier auf den Platz, zwei Minuten vor Schluss machte er das nunmehr legale Fünferpack voll. Ob er glaubte, dass bei seinem Team ohnehin nichts aus den Fugen geraten könnte, oder möglichst vielen Spielern das Vergnügen gönnen wollte, endlich mal in Ruhe, ohne das ganze lästige Zuschauervolk, Fußball spielen zu dürfen, sei dahingestellt.

Fakt ist, es blieb beim 0:0, vielleicht ja, weil Uwe Rösler sich nur vier Wechsel traute. Damit war Düsseldorfs Coach immer noch auf Augenhöhe mit Klaus Augenthaler, dem es zuvor als einzigem Trainer gelungen war, vier Wechsel in einem Bundesligaspiel zu bewerkstelligen und damit noch davonzukommen. Dabei hatte der damalige Vertreter von Interims-Coach Franz Beckenbauer bei den Bayern am letzten Spieltag der Saison 1995/96 den Vierfachtausch bereits in der Halbzeit vorgenommen, ohne dass dies auffiel. Gegner Düsseldorf war mit dem 2:2 am Ende jedoch zufrieden und verzichtete auf einen Einspruch. Damit ging Augenthalers Coup in die offizielle Statistik ein.

Günther Rybarczyk war das am 34. Spieltag der Saison 1970/71 in der Partie beim MSV Duisburg nicht vergönnt, nachdem Udo Lattek ein wenig den Überblick verloren hatte. Die Aufregung des Bayern-Trainers war verständlich, schließlich hatten die Münchner das Match als Tabellenführer begonnen, punktgleich mit Borussia Mönchengladbach, aber um ein Tor besser. Und nun lagen sie zehn Minuten vor Schluss 0:2 zurück, während Gladbach in Frankfurt führte.

Der Statist auf Linksaußen

Lattek schickte Debütant Rybarczyk für Johnny Hansen aufs Feld, hatte aber übersehen, dass die beiden zulässigen Wechsel schon passiert waren, Ersatztorwart Seifert für den verletzten Sepp Maier und Schneider für Uli Hoeneß. Der Schiedsrichter merkte nichts, dafür aber das wenig erfreute Duisburger Publikum. Anhaltendes Murren ließ Bayers Trainerstab nach einigen Minuten ein Licht aufgehen, Rybarczyk wurde diskret rausgewinkt, der erstaunte Hansen wieder auf den Platz beordert. Es blieb beim 0:2, Gladbach war Meister, und der MSV verzichtete auf einen Protest, weshalb der verbotene Wechsel auch nicht dokumentiert wurde.

Einen Tag später war eine der dramatischsten Meisterschaftsentscheidungen ohnehin kein Thema mehr, da sprachen alle nur noch über die erstaunlichen Geschichten, die Offenbachs Präsident Horst-Gregorio Canellas in seinem Garten erzählte. Der Bundesliga-Bestechungsskandal nahm seinen Lauf.

Spielerwechsel waren erst seit 1967 erlaubt, zuvor gab es stattdessen den „Statisten auf Linksaußen“. Dorthin wurden schwer verletzte Spieler geschickt, um wenigstens ein bisschen Unruhe zu stiften. Nach der Zulassung von Auswechslungen sorgten Ausländer- und Amateurregeln immer wieder für Verwirrung bei Trainern. Hennes Weisweiler patzte 1977 ausländermäßig in Köln, Giovanni Trapattoni brachte 1995 beim FC Bayern ein junges Talent namens Didi Hamann, dummerweise der vierte Vertragsamateur auf dem Platz. Otto Rehhagel verirrte sich in Kaiserslautern im Gewirr der Staatsbürgerschaften, in Karlsruhe musste sich Coach Schäfer dezent vom Stadionsprecher mahnen lassen: „Winnie, zähl deine Ausländer!“ Günther Rybarczyk indessen musste auf sein Debüt noch ein paar Monate warten. Insgesamt spielte er sechsmal für die Bayern.