BerlinIrgendwie kam Ben Lammers nicht rechtzeitig hoch. Gilt er im Team von Alba Berlin normalerweise als perfekter Abnehmer eines solchen Anspiels, wie es Jayson Granger zweieinhalb Minuten vor der Halbzeitpause in Richtung gegnerischem Korb gab, so war der Alley-Oop-Pass diesmal unerreichbar. Fehlende Energie führte in dieser Sequenz zu fehlendem Timing. Als Lammers seinen 2,08 Meter großen Körper in die Luft befördert hatte und am Ring hing, war der Ball schon in den Händen eines Gegenspielers, der Fastbreak lief und Ben Lammers nur hinterher. Tief schnaubend schleppte er sich in die eigene Hälfte und war froh, dass er kurz darauf in der Kabine den leeren Akku an die Ladestation hängen konnte.

Gerade für den Amerikaner war die Partie am Donnerstagabend besonders schwer. Nach überstandener Verletzung hatte er am Sonntag gegen Bayern München sein Comeback gegeben. Stand, genau wie zwei Tage später gegen Vitoria, knapp 15 Minuten auf dem Feld und müsste eigentlich erst langsam wieder herangeführt werden. Da die Personaldecke bei Alba Berlin mit zehn einsatzfähigen Spielern aber weiterhin dünn gestrickt ist, muss sich Lammers durchbeißen. „Es sind schon harte Wochen“, sagt Geschäftsführer Marco Baldi. Und daran wird sich auch erst einmal nichts ändern. Inklusive der Bundesligapartie am Sonntag gegen Gießen (15 Uhr) hat die Mannschaft im Januar noch zehn Spiele zu absolvieren, neun stehen für den Februar im Kalender. Bis jetzt. Zwei ausgefallene Spiele in der Bundesliga und im Pokal sind noch nachzuholen. Das müsse man jetzt irgendwie durchziehen, sagt Baldi, und dann hoffen, dass der eine oder andere Spieler zurückkommt. Denn: „Wir dürfen nicht vergessen, wir laufen auf der letzten Rille.“

Umso beeindruckender war das, was die Mannschaft bei den Siegen in den ersten beiden Spielen des neuen Jahres geleistet hat. Der famose Erfolg gegen Bayern München in der Bundesliga, wo der Gegner mit seinen eigenen Waffen geschlagen wurde, und nur zwei Tage später das Offensivfeuerwerk gegen Vitoria. 95 Punkte schenkten die Berliner dem spanischen Meister, der in der Euroleague sonst im Schnitt lediglich 76 Zähler zulässt, ein. „Wir haben in den letzten zwei Spielen unglaublich viel Energie gebracht und alles in die Waagschale geworfen“, erzählte Johannes Thiemann nach der 73:85-Niederlage gegen Maccabi Tel Aviv, „das haben wir heute auch versucht, aber irgendwann merkt man die Belastung. Und heute war so ein Punkt, da hat man von Anfang an gemerkt, dass wir nicht so hundert Prozent frisch, nicht so hundert Prozent da sind.“

Und dann spürt ein Spieler eben eine Kettenreaktion. Fehlende Energie sorgt für fehlende Konzentration und die wiederum für sinkende Trefferquoten sowie Ballverluste. „Wenn alle Würfe zu Beginn schon kurz sind, ist es leider meistens schon ein Hinweis, dass ein bisschen was fehlt“, sagte Marco Baldi und hakte die Niederlage schnell ab. Denn: „Das Ergebnis ist das eine. Wichtiger ist, dass wir unsere Werte, unser Spiel, so, wie wir spielen wollen, beibehalten und nicht Dinge ändern oder nachlassen oder was Neues versuchen, weil wir merken, dass wenig Energie da ist. Das haben sie gemacht und das ist gut.“

Die Erfahrenen im Team, aber auch die jungen Spieler. Dem Alba-Geschäftsführer hat auch gegen Maccabi gefallen, dass alle spielen – egal, wer auf dem Feld steht. Und Israel Gonzalez, der Associate Headcoach, Vertreter des sich noch immer in Quarantäne befindlichen Cheftrainers Aito Garcia Reneses, lobte den Einsatz, den Willen, die abermals zu sehende und scheinbar unerschöpfliche Moral der Mannschaft. „Die Spieler haben so sehr gekämpft, wie sie konnten“, sagte Gonzalez. Ein Beispiel dafür habe er bei Johannes Thiemanns vergeblichem Hechtsprung nach dem Ball im dritten Viertel gesehen. „Das ist die Einstellung, die die Spieler heute wieder gezeigt haben“, so der Spanier. Den Freitag hat er seinen Spielern nach den drei Spielen in fünf Tagen freigegeben und hofft, dass sie die Energie zumindest teilweise wiederherstellen können. Bis zum nächsten Spiel sind es ja diesmal wenigstens zwei Tage Pause.

Und damit auch wieder etwas mehr Zeit, in der die Verletzten an ihrer Rückkehr arbeiten können. Bei Luke Sikma und Niels Giffey wird es wohl noch ein wenig dauern, Marcus Eriksson und Peyton Siva aber könnten vielleicht zeitnah ihr Comeback geben. Bei aller Personalknappheit aber will man bei Alba Berlin nichts überstürzen. Nicht aus der Not heraus falsch handeln und möglicherweise noch größere Verletzungen riskieren. Stattdessen „muss man probieren, es ist ein Rantasten“, sagt Marco Baldi, „die Jungs müssen sich so weit fühlen, dass sie auch wieder ins Getümmel können.“

Mit einer außergewöhnlichen Teamchemie und Moral hat Alba Berlin in dieser besonderen Saison bislang allen Schwierigkeiten getrotzt. Eine 14-tägige Quarantäne und zahlreiche Verletzungen von Leistungsträgern hat die Mannschaft nicht daran hindern können, die Hinrunde der Euroleague mit einer Bilanz von sieben Siegen und zehn Niederlagen zu beenden. Dass jetzt die erste Partie der Rückrunde verloren ging, wird dieses Team nicht aus der Bahn werfen.