Die Hygieneregeln und der Amateurfußball sind noch dabei, zusammenzufinden.
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BerlinAm vergangenen Sonntag reichte es Bernd Fiedler. Er wollte etwas tun, irgendwas, um mitten in der Misere nicht „einfach auf dem Sofa zu sitzen“. Der erste Vorsitzende des Steglitzer Traditionsvereins SFC Stern 1900 fuhr zum Roten Rathaus und nahm gemeinsam mit rund 250 Vertretern des Berliner Sports an einer Kundgebung teil. Sie sollte den Senat auf die unfaire Situation der Sportler aus der Hauptstadt aufmerksam machen, die deutschlandweit als einzige noch nicht wieder voll und im Team trainieren durften.

Die Kundgebung zeigte Wirkung. Schon am folgenden Tag gab Berlins Sportsenator Andreas Geisel (SPD) bekannt: Im Amateur- und Nachwuchsfußball, aber auch bei den Kampfsportarten und im Wassersport sei der Trainingsbetrieb ab sofort, wie in allen anderen Bundesländern, wieder „vollumfänglich“ gestattet, wenn die Hygieneregeln eingehalten werden und es feste Trainingsgruppen mit Teilnehmerlisten gibt. Bernd Fiedlers erste Demonstration war ein voller Erfolg. Oder?

Nicht wirklich. Denn die Senatsbestimmung, die am kommenden Dienstag offiziell verabschiedet werden soll, greift für Fiedler und viele seiner Mitstreiter zu kurz. „Halbherzig“ sei sie, bestenfalls ein Tropfen auf den heißen Stein. Am Telefon erklärt Bernd Fiedler, warum. „Zum Trainingsbetrieb gehört auch immer Wettkampf, gehören Punktspiele oder wenigstens Testspiele“, sagt er und erklärt, wie sich der Berliner Amateurfußball in den vergangenen Monaten gefühlt hat.

„In den ersten Wochen der Corona-Pandemie regte sich gar nichts. Spieler, Funktionäre, Eltern, alle haben abgewartet, was als nächstes passiert.“ Zu dieser Zeit habe sogar noch Verständnis für die meisten Maßnahmen geherrscht, denn „keiner von uns ist Virologe oder Experte auf diesem Gebiet.“ Doch als erst die Bundesligisten, dann viele Regionalligisten und schließlich einzelne Amateurklubs mit Sondergenehmigungen wieder trainieren durften, sei es allen Beteiligten kaum noch zu erklären gewesen, warum ein Verein wie der SFC Stern 1900 nicht auch auf den Rasen darf. „Die Jungs haben sich, statt im Verein, lieber im Park getroffen, weil sie einfach nur Fußball spielen wollten.“ Im Park durften sie das längst, im organisierten Trainingsbetrieb bis dato noch nicht.

Nun ist zwar das Training wieder erlaubt, aber eine Regelung zum Spielbetrieb - ob Test- oder Pflichtspiele - gibt es weiterhin nicht. Die Trainer des SFC Stern 1900 sollen eine Saisonvorbereitung auf die Beine stellen, ohne zu wissen ob, wann und vor allem gegen wen sie spielen dürfen. Denn weil beispielsweise die Klubs aus Brandenburg längst Planungssicherheit genießen, haben sie Testspiele untereinander vereinbart. „Wir könnten nach Sachsen fahren, die würden gerne gegen uns spielen“, erzählt Fiedler bitter.

Nach Sachsen wäre Sven Franke sogar gerne gefahren. Der Nachwuchsleiter des BFC Dynamo hatte mit dem Nachwuchs von Lok Leipzig längst ein Testspiel vereinbart, doch am Ende funkte ausgerechnet der sächsische Fußballverband dazwischen und bat darum, von länderübergreifenden Testspielen abzusehen.

Trotz solcher Rückschläge versucht Franke seit Wochen, positiv zu bleiben und seinen jungen Kickern Optimismus zu vermitteln. Auch wenn das nicht immer leicht fällt. „Es ist schon schwer zu verstehen, warum Kinder seit Monaten wieder auf die Spielplätze dürfen, nicht aber auf den Trainingsplatz“, sagt er und erinnert sich an einen besonders absurden Fall. „Ich war bei einem Termin beim Weißenseer SC, und während sich auf dem Spielfeld eine Kleingruppe von sechs Spielern den Ball auf größte Distanz zugeschossen hat - von Training konnte da nicht die Rede sein -, haben sich im Park nebenan erwachsene Männer mit nackten Oberkörpern beim Vollkontaktspiel gegenseitig mit ihrem Schweiß betropft. Das war schon eigenartig.“

Franke beschäftigt besonders die emotionale Komponente der aktuellen Situation. „Als die Bundesliga wieder losging, haben mich einige der Jungs unter Tränen angerufen und gefragt, warum sie nicht auch wieder spielen dürfen.“ Nun glaubt er, dass manche seiner Nachwuchskicker nach der langen Pause womöglich gar nicht mehr zurückkommen. „So etwas sorgt bei den Jugendlichen für einen Bruch. Nach all den Wochen zieht man dann vielleicht doch lieber mit den Kumpels los, als wieder zum Training zu gehen.“ Besonders, wenn auch jetzt noch über das Training hinaus die Anreize fehlen. „Eine Vorbereitung ohne Wettkampf, ohne Testspiele, ist keine echte Vorbereitung“, sagt auch Sven Franke.

Dazu kommt, dass aufgrund der fehlenden Spielpraxis die Verletzungsgefahr immens steigt. „Nach den Wochen ohne Fußball könnten manche Spieler übereifrig ins Training gehen“, sorgt sich Bernd Fiedler vom SFC Stern 1900. „Hier sind unsere Trainer noch mehr gefordert.“ Sven Franke hat seinen BFC-Schützlingen immer wieder Lauf- und Fitnessübungen für zuhause mitgegeben, um späteren Verletzungen entgegenzuwirken. Echte Spielpraxis ersetzten die aber auch nicht.

So bleibt bei beiden Verantwortlichen vor allem Unsicherheit. „Es ist ja erstmal zielführend, dass es überhaupt weitergeht“, versucht sich Franke noch an einer positiven Einordnung, auch wenn er hofft, dass es nun zügig weitergeht. Bernd Fiedler ist die Enttäuschung hingegen weiterhin deutlich anzumerken. „Man hat den Eindruck, alle sind übervorsichtig, keiner will Verantwortung übernehmen“, kritisiert er und fordert vom Senat am 21. Juli wenigstens das Okay für Testspiele. Denn während die Profis schon im verdienten Sommerurlaub verweilen, kämpft die Basis noch immer mit den Folgen der Krise.