Christian Fromms Wort zählt bei den Kollegen der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft.
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BerlinChristian Fromm hat nicht so schnell zu Mittag gegessen wie Zuspieler Lukas Kampa. Der Außenangreifer kommt mit Verspätung zum Pressegespräch in den Hotelsaal „Maschinenraum“, in dem die deutschen Volleyballer sonst ihre Videobesprechungen abhalten. „Christian isst sowieso immer mehr als ich“, frotzelt der Kapitän der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft.

Die Stimmung ist gut am freien Tag vor dem Halbfinale des Olympiaqualifikationsturniers in Berlin. Nur noch zwei Siege trennen Fromm, Kampa und ihr Team von der Teilnahme an den Olympischen Spielen im August in Tokio.

Fromm wurde in Berlin ausgebildet

Fromm, 29, breite Brust, breite Schultern, breites Grinsen, aufgewachsen in Berlin-Hellersdorf, ausgebildet bei Berliner TSC und VC Olympia, spielt nach zwei Bundesliga-Stationen beim VfB Friedrichshafen und in Düren seit sieben Jahren im Ausland. Jetzt ist er zurück in Berlin. Für eine Woche ist er hier mit dem Raumschiff Schwarz-Rot-Gold gelandet. Nach zwei Siegen und einer Niederlage in der Gruppenphase tritt er mit Deutschland am Donnerstag (20.10 Uhr, Sport1) im Halbfinale an – gegen Bulgarien. Ab 17 Uhr trifft Frankreich auf Slowenien.

Der Max-Schmeling-Halle hat die PR-Abteilung des deutschen Meisters BR Volleys in seiner Abwesenheit die Bezeichnung Volleyballtempel verpasst. Und jetzt, wo die Olympiaqualifikation in die entscheidende Phase geht, gilt ein Claim, den sich die   Werber des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) ausgedacht haben: Hero or Zero. Held oder nichts. Bei diesem Achterturnier wird nur der Sieger mit einem Platz bei Olympia in Tokio belohnt.

Um die Qualifikation nach den verpassten Spielen 2016 zu schaffen, hat der DVV viel Aufwand betrieben. Das Budget für das Turnier dürfte an die zwei Millionen Euro betragen. Aber nur 4 200 Zuschauer, darunter Fußball-Weltmeister Sami Khedira, kamen am ersten Gruppenspieltag in den Volleyballtempel, 2 500 waren es am Montag, nicht ganz 2 400 am Dienstag. Die Zahlen sind enttäuschend, sie refinanzieren die Ausgaben nicht. Selbst wenn der deutsche Meister BR Volleys in der Bundesliga gegen Teams vom Tabellenende spielt, ist mehr Publikum auf den Rängen. „Ich hätte bei so einer Millionenstadt ein paar mehr Zuschauer erwartet“, sagt Fromm, „die Stimmung ist ja trotzdem da. Ich würde mir wünschen, dass am Donnerstag noch mehr Leute kommen.“

Grozer ist das markanteste Volleyball-Gesicht

Sicher, diejenigen, die auf den Rängen mit ihren Klatschpappen lärmen, puschen die Spieler. Fromm ist einer von denjenigen, der Emotionen demonstriert. Er zeigt die Fäuste, wenn sein Aufschlag als Ass einschlägt. Er jubelt mit aufgerissenem Mund, wenn sein Angriff erfolgreich übers Netz geschmettert ist. Er streckt die Zunge heraus, wenn er einen Ball vom Boden gekratzt hat. Aber dennoch ist es für viele nicht wirklich klar, wen das  Raumschiff Schwarz-Rot-Gold da eigentlich im Volleyballtempel abgesetzt hat.

Denn es geht im Profisport nicht nur um Marken und Claims, sondern auch um Gesichter. Georg Grozer ist das markanteste. Er ist Deutschlands Ausnahme-Volleyballer. Ein Typ, den so gut wie jeder kennt, der sich für den Sport interessiert. Aber wenn er fehlt? So, wie am Dienstag, als sich die anderen die Verantwortung beim 2:3 gegen Slowenien teilen mussten, die er sonst auf seinen ausladenden Schultern trägt. Müssen andere ihr Gesicht zeigen, die Mannschaft führen, sie repräsentieren.

Die Nationalmannschaft hat keine Verbindung zum Heimatland, sondern ist ein Satellitengebilde, das sich zwischen April und September trifft."

Kaweh Niroomand

Die anderen, das sind zuletzt vor allem Fromm und Kampa gewesen. Beide spielen seit Jahren im Ausland, derzeit beim polnischen Spitzenklub Jastrzebski Wegiel. Ihre Gesichter tauchen meist nur einmal im Jahr in den deutschen Medien auf – wenn große Turniere anstehen. Oder alle vier Jahre eine Olympiaqualifikation. Bei Außenangreifer Denis Kaliberda, Mittelblocker Marcus Böhme oder Diagonalangreifer Simon Hirsch ist das ähnlich. „Es stimmt schon, dass man ein bisschen aus den Augen verloren wird, wenn man im Ausland spielt. Vor allem wenn man nicht so viel in den sozialen Medien macht. Wir tauchen höchstens mal auf, wenn deutsche Klubs in der Champions League gegen uns spielen“, sagt Fromm.

Die Ligen in Polen, Italien und Russland sind stärker als die deutsche, mehr Teams spielen auf höherem Niveau, die Gehälter sind besser. Aber neben der französischen und der belgischen Liga hat sich vor allem die Bundesliga in den vergangenen Jahren bemüht, Anschluss zu halten, professionellere Strukturen zu schaffen. Dass dennoch viele Spieler sofort ihr Glück im Ausland suchen und fluchtartig die Bundesliga verlassen, sobald das erste Angebot aus dem Ausland auf den Tisch flattert, hält BR Volleys-Manager Kaweh Niroomand für fatal, „weil wir so keine Gesichter haben. Weil die Nationalmannschaft keine Verbindung zum Heimatland hat, sondern ein Satellitengebilde ist, das sich zwischen Mai und September trifft.“ Anfang der Nullerjahre sei unter Bundestrainer Stelian Moculescu die Meinung lanciert worden, die sich festgesetzt hat: Dass es nur mit einer Profikarriere klappt, wenn man ins Ausland wechselt. „Leider wird der Trend vom Verband weiterhin proklamiert“, sagt Niroomand. Er hat ein Nachwuchskonzept mit dem Verband erarbeitet, das in Berlin längst umgesetzt wird. „Es kann doch nicht sein, dass ich die Nachwuchsschmiede von Italien bin“, wettert er. Wobei Niroomand weiß, dass ein Bundestrainer wie aktuell der Italiener Andrea Giani, der sich Profis aus den Topteams der besten Ligen wünscht, die viele Spiele auf hohem Niveau erleben, eine andere Interessenslage hat.   Er weiß natürlich auch, dass Volleyballprofis nur wenige Jahre bleiben, um mit ihrem Sport gutes Geld zu verdienen. „Einen Grozer oder Fromm können wir nicht bezahlen“, sagt Niroomand, „60, 70 Prozent des Teams aber schon.“

Das Ausland ist attraktiver

Fromm sagt: „Wenn ein gutes Angebot aus dem Ausland kommt, ist es schwer, das abzulehnen. Für mich war es der richtige Schritt, um raus aus der Komfortzone zu kommen, einen anderen Druck, eine andere Volleyballkultur kennenzulernen, die Sprachbarriere zu durchbrechen. Natürlich tut es mir leid für die deutschen Vereine. Aber ich weiß auch, dass dort deutsche Spieler nicht immer ihre Einsatzzeiten bekommen haben.“ Kampa findet, es sei „gerade in unserer Zeit sehr wertvoll wenn man selber mal Ausländer ist.“

Wobei eine Rückkehr in die Bundesliga für Kampa durchaus vorstellbar ist, „aber nicht, um irgendwo rumzudaddeln, sondern um mit der Mannschaft Deutscher Meiser zu werden.“ Fromm hat sich unlängst eine Wohnung in Köpenick gekauft. Auch er kann sich eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen, „wenn das Gesamtpaket stimmt, die Champions League wäre ein Argument“.

Kampa, 33, hat von Polen aus beobachtet, dass der Volleyball in Deutschland wächst. „Wir haben den Masterplan in der Bundesliga, das Champions-League-Finale in Berlin, die Übertragungen auf Sport1. Es tut sich was. Da wäre es sehr passend, mit Frauen und Männern bei Olympia dabei zu sein.“ Wie gesagt, zwei Siege fehlen den deutschen Männern noch.