Nimmt womöglich Änderungen in seiner Startelf vor: Bayern-Coach Hansi Flick.
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Berlin/LissabonMit dem Mikrofon in der Hand ging der Redner unruhig auf und ab. Sein Blick schien eher den noch frischen Bildern im Kopf nachzuhängen, als sich auf jene Spieler zu fokussieren, die er ansprach. „Anschauungsunterricht“ und eine „Vorführung“ habe man bekommen von einer sicherlich guten Mannschaft, sagte er, die „aber nicht zu den besten gehört“. Falls es jemand vergessen haben sollte: „Das ist Olympique Lyon.“ Nur und nicht zum Beispiel der FC Barcelona. Aber so körperlos, wie man aufgetreten sei, könne man nicht spielen, das sei „einfach nicht mehr adäquat“. Hinzu kam jener Satz, der in die Geschichte einging: „Das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball.“

An diesem Mittwoch trifft der FC Bayern erneut auf Olympique Lyon, diesmal im Halbfinale der Champions League in Lissabon – und nebenbei nach dem 8:2 gegen Barcelona im Viertelfinale. Eine Bankett-Brandrede wie im März 2001 nach der 0:3-Niederlage in Lyon müssen die Münchner diesmal kaum befürchten. Allein schon deshalb, weil im Anschluss weder ein Bankett vorgesehen ist noch Franz Beckenbauer als Redner. Und nach allem, was man bisher von der aktuellen Münchner Mannschaft mit ihrer speziellen Power und Gier gesehen hat, lässt sich nicht erahnen, dass sie den vorletzten Schritt auf dem Weg zum Titel und zweiten Triple des FC Bayern nach 2013 lax angeht. Der insgesamt sechste Gewinn von Europas Krone im Vereinsfußball ist das große Ziel. Einen verbalen Tritt in den Hintern, wie vom damaligen Präsidenten Beckenbauer, scheinen Manuel Neuer und Kollegen nicht nötig zu haben. Anders als Stefan Effenberg und die anderen Spieler vor gut 19 Jahren vor dem späteren vierten Triumph der Bayern auf der größten Bühne des Vereinsfußballs.

Bayerns Gegner ist ein Favoritenschreck

Es ist jetzt eher so, dass sich die Spieler schon vor dem Vergleich mit dem französischen Außenseiter Lyon vorsichtshalber selbst ermahnen. Zu tun hat das auch damit, dass sich der Siebte der im März abgebrochenen Ligue 1 in der Champions League zum großen Favoritenschreck aufgeschwungen hat. Nach Juventus Turin mit Cristiano Ronaldo im Achtelfinale schaltete die Mannschaft des Trainers Rudi Garcia im Viertelfinale auch Pep Guardiolas Manchester City aus.

Lyons geschickt erwirtschafteten 3:1-Sieg sahen die Bayern am Sonnabend live im TV. Erkannt haben sie dabei, dass diese kompakte, sehr robuste und taktisch gut orchestrierte Mannschaft sie durchaus vor eine wesentlich kniffligere Aufgabe stellen könnte als Barças Ensemble mit Lionel Messi und den anderen Hochbegabten, die allerdings nicht als homogenes Kollektiv funktionierten. So gesehen war es in scheinbar paradoxer Anlehnung an Beckenbauer nur der FC Barcelona mit seinen herausragenden Solisten. Aber nicht die fein austarierte Einheit von Olympique Lyon, die sich nun mit einigem Recht zu den vier besten Mannschaften des Kontinents zählen darf, trotz weniger individueller Klasse.

Die Bayern wissen, dass sie vor einem Halbfinale stehen, das mit dem Arbeitstitel „Vorsicht, Falle“ versehen werden kann. „Sehr clever“ habe es Lyon gegen Manchester City gemacht, „auch in der Verteidigung“, hat der Münchner Kapitän Neuer beim Live-Studium des Gegners beobachtet. „Lyon ist wirklich eine Mannschaft, die taktisch sehr gut gestanden ist, die kontern kann und City auch knallhart bestraft hat.“ Was der Torwart aus diesem eindrücklichen Anschauungsunterricht und der Vorführung von Guardiolas Elf ableitet, klingt gerade nach dem furiosen Offensivrausch der Bayern gegen Barcelona auf den ersten Blick überraschend. „Darauf wird’s ankommen, dass wir eine top Restverteidigung haben, dass wir immer hellwach sind. Dass wir nichts auf die leichte Schulter nehmen und dass wir einfach gut stehen und auch vielleicht mit einem Mann Überzahl hinten sind, dass da nichts anbrennt“, sagt Neuer. Er betont die Defensive. Erst ganz am Ende spricht er auch kurz über die eigene Offensive gegen den voraussichtlich tief stehenden und auf schnelle Gegenstöße lauernden Gegner. Um diesen zu knacken, sei wichtig, „dass wir in der vorderen Reihe flexibel sind“.

Wer diesen Plan ausfüllen soll, ist eine spannende Frage, und es ist durchaus möglich, dass Trainer Hansi Flick seine zwei Mal hintereinander identische Startelf verändern wird. Der wendigere Kingsley Coman könnte für Ivan Perisic vorne links übernehmen. Sogar der genesene Benjamin Pavard scheint als Wahl für hinten rechts nicht völlig ausgeschlossen, weil Flick dann Joshua Kimmich wieder dort spielen lassen könnte, wo er ihn am liebsten aufbietet, im defensiven Mittelfeld.

Zumal Barcelona zumindest kurz die Achillesferse der Münchner mit den stürmischen Außenverteidigern Kimmich und Alphonso Davies aufzeigte: Wenn diesen Bayern beizukommen ist, dann mit überfallartigen Kontern, Lyons Spezialität. Und ganz vielleicht kommt sogar der schnellere und noch kantigere Niklas Süle als Innenverteidiger statt Jérôme Boateng infrage. Wahrscheinlich sind solch größere Umbauten aber nicht, allein schon wegen Flicks Faible für Konstanz und der zuletzt sehr gut funktionierenden Startelf. Unabhängig vom Personal, das wissen die Bayern, wird es nun besonders auf die defensive Absicherung ankommen. Gegen eine, frei nach dem Kaiser, sicherlich gute Mannschaft, die aber nicht zu den allerbesten in Europa gehört.