LeipzigAuch das Leben als Fußballer war schon mal vergnüglicher. Nicht mehr raus zu dürfen, und wenn, dann in einem leeren Stadion antreten zu müssen, gefällt beispielsweise Timo Werner nicht wirklich. Ohne auch nur im Geringsten eine mitleidsvolle Tonart anzuschlagen, schilderte der Neu-Stürmer des FC Chelsea anschaulich, wie sehr die verschärften Auflagen auch den Alltag privilegierter Profis beeinträchtigen. „Es ist eine andere Zeit. Die Regeln sind noch mal strenger geworden.“ 

Und da wusste er noch nicht, wie schnell sich die Lage aufgrund der Pandemie noch am gleichen Tag ändern sollte. Am Abend gab der ukrainische Verband bekannt, dass es im Team des kommenden Gegners in der Nations League (Sonnabend, 20.45 Uhr/ZDF) fünf positive Tests gab. Weshalb das Spiel plötzlich auf der Kippe stand.

Eigentlich hatte sich der gebürtige Schwabe riesig gefreut, anlässlich dieses Duells mit der deutschen Nationalmannschaft zurück nach Leipzig zu kommen, wo er „vier schöne, erfolgreiche Jahre“ verbrachte habe: „Das kam mir vor, wie nach Hause zu kommen.“ Doch die Kontaktbeschränkungen verhindern Wiedersehensmomente. Zuvor sei er, verriet der im Sommer zum FC Chelsea gewechselte 33-fache Nationalspieler, bei seiner Freundin in Dresden gewesen.

Torwart Manuel Neuer zieht mit Sepp Maier gleich

Mal kurz durchschnaufen, wo der Terminplan doch keine Atempause lässt. Werners Aussage belegte, dass Joachim Löw vieles richtig macht, wenn er seine besten Nationalspieler eben nicht durch drei Länderspiele binnen sieben Tagen jagt, sondern sich eine Arbeitsteilung ausdenkt, die öffentlich teilweise in der Luft zerrissen wurde. Aber jetzt, wo es in den beiden letzten Gruppenspielen der Nations League darum geht, ob Deutschland im schlimmsten Fall in die B-Kategorie absteigt – was mit einem Remis in der Red-Bull-Arena bereits verhindert wäre – oder sich aber ein Endspiel in Spanien um den Gruppensieg erkämpft –, wird vom Bundestrainer die Bestbesetzung aufgeboten.

Torhüter Manuel Neuer wird also in Leipzig sein 95. Länderspiel bestreiten – und mit Sepp Maier nach Einsätzen gleichziehen –, der 34-Jährige darf sich dann bald alleiniger Rekordnationaltorhüter Deutschlands nennen. Davor soll Niklas Süle die Abwehr zusammenhalten, nachdem die Corona-Tests negativ und die Trainingseindrücke positiv ausfielen. Im Mittelfeld hat Löw wenig Bedenken, dass das Fehlen von Joshua Kimmich (verletzt) und Toni Kroos (gesperrt) nicht aufgefangen werden kann. Ilkay Gündogan habe es eine Stunde lang gegen Tschechien gut gemacht, und von Florian Neuhaus hält der gesamte Trainerstab nach zwei Länderspielen so viel, dass er schon wie Kai Havertz als „Spieler der Zukunft“ gepriesen wird. Zudem steht ja auch Kraftprotz Leon Goretzka für die Zentrale zur Verfügung.

Und dann sind da in vorderer Reihe noch die Stürmer Serge Gnabry, Leroy Sané und eben Werner, die der aussortierte Thomas Müller mal mit „Mopeds“ verglichen hat. Löw benutzt die Wortwahl zwar so nicht, aber dass die Troika „im internationalen Vergleich vorn liegt, was die Geschwindigkeit angeht“, betont der 60-Jährige dann doch. Jetzt muss es noch darum gehen, die rasanten Laufwege so geschickt versetzt anzuordnen, dass sie sich nicht gegenseitig über den Haufen rennen – sie nähmen nämlich „ähnliche Wege“, führte Löw aus.

Nichts hielt der Bundestrainer davon, den Blick bereits auf das übernächste Spiel am Dienstag in Sevilla gegen Spanien zu richten. „Ich werde in den Mannschaftssitzungen ganz klar nur ein Ziel ausgeben: ein Sieg am Samstag. Über Spanien rede ich noch gar nicht.“ Denn die Ukraine sei Herausforderung genug. „Wir müssen an die Grenzen gehen und mit aller Intensität und Leidenschaft spielen und Widerstände überwinden.“ Das Ensemble seines Gegenübers Andrej Schewtschenko sei gespickt mit „guten Spielern mit sehr viel Tempo“ – und anders als vor einem Monat stehen dem Gegner jetzt auch alle Topspieler zur Verfügung.

Weniger Zuschauer als Trödelshow

In der virtuellen Pressekonferenz ist der Fußballlehrer auch gefragt worden, ob er sich sorge, am Sonnabend weniger Quote im ZDF zu machen als RTL, wo zur gleichen Zeit Dieter Bohlen das nächste „Supertalent“ sucht. Die deutsche Nationalelf hatte am Mittwoch bei RTL ja weniger Einschaltquote als die ZDF-Trödelshow „Bares für Rares“. Doch Löw stellte klar, dass solche Vergleiche gerade nichts brächten. Er verstehe, dass ein Freundschaftsspiel „nicht ganz so brennend interessiert“. Wenn Deutschland bei der EM gegen Frankreich antrete, so sein Versprechen, „sieht das wieder anders aus“. Wenn nicht, wäre wirklich höchste Alarmstufe im Fußballland.