Hat plötzlich grüne Plätze: Tennis-Abteilungsleiter Carsten Richter von Spandau 04 (M.) mit den beiden Top-Talenten Luca Bohlen und Nino Ehrenschneider (r.).
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinKürzlich haben die Tennisspieler von Spandau 04 mit Besen, Eimern und Putzlappen in den Händen ihren Pavillon im Olympiapark gereinigt. Sie haben Wände gestrichen, Fußleisten lackiert – damit alles schön und blitzblank ist, wenn demnächst Profis wie Julia Görges, Tommy Haas oder Alexander Zverev zum Training auf ihre Plätze kommen, die bis dahin niemand bespielen darf. Sie haben ihre Garage für die beiden Rasenmäher freigeräumt, die jeden Morgen von den Mitarbeitern einer Oberhachinger Turf Care GmbH über den Rasen geschoben werden. 

Weil das Profitennis zwölf Jahre nach dem defizitären Aus der German Open in diesem Sommer nach Berlin zurückkehrt, sind die Plätze der Wasserfreunde jetzt nicht mehr sandrot, sondern tropengrün. 600.000 Euro hat der Berliner Senat für die Umwandlung der Sand- in Rasen-Tennisplätze lockergemacht. Den Wasserfreunden Spandau, die sich nicht querstellen wollten beim Versuch der Stadt, sich als facettenreiche Sportmetropole zu profilieren, hat Sport-Staatssekretär Aleksander Dzembritzki als Ausgleich für die grüne Okkupation den Bau zweier neuer Plätze auf dem Olympiagelände versprochen. 

„Das Weidelgras ist jetzt drei, vier Zentimeter hoch. Zum Spielen sollte es acht bis zehn Millimeter hoch sein“, sagt Johannes Schmerler. Der 82-Jährige aus Potsdam spielt seit sechs Jahren bei Spandau 04 Tennis. Er ist Rasenexperte. Er findet, der Umbau der drei Plätze im Olympiapark, die als zusätzliche Trainingsplätze der Profis in der Turnierzeit Voraussetzung dafür waren, dass die Veranstaltungsagentur Emotion und LTTC Rot-Weiß die Lizenz für das WTA-Turnier bekamen, sei „eine Pionierleistung in Berlin. Ein Unikat. Wenn es allerdings regnet, können alle nach Hause gehen“. Dann wird aus dem Platz eine Seifenbahn: Tennisspielen unmöglich.

Grasplätze, die für Tennistradition und eine gewisse Exklusivität stehen, sind eine edle Abwechslung auf der Profitour. Für den Breiten- oder Schulsport taugen sie dagegen wenig, weil sie an Regentagen unbrauchbar sind und dazu ständig gedüngt, gewässert, gekürzt und gewalzt werden müssen.

Ein paar Kilometer weiter auf der Tennisanlage des LTTC Rot-Weiß am Grunewald ist unlängst die Plane geliefert worden, die den neuen Rasen im Steffi-Graf-Stadion vor Regenfluten schützen soll. An einer Stange vor den beiden ebenfalls neu eingesäten Grasplätzen vor dem Stadion weist ein in Folie verpacktes Pappschild auf die delikate Befindlichkeit hin: „Es werden keine Bälle vom Rasen geholt!!! Betreten VERBOTEN.“ Im Garderobenhaus werden gerade die Saunabereiche fertiggestellt, moderne Schränke eingebaut. Seit voriger Woche wird das Stadion renoviert. Eine neue Behindertentribüne entsteht. Berlin rüstet sich für einen Hauch von Wimbledon.

„Wir werden uns nicht blamieren“, sagt Markus Zoecke, Sport- und Klubdirektor beim LTTC Rot-Weiß. Eigentlich hätten die Berlin Open vom 13. bis zum 21. Juni an der Hundekehle stattfinden sollen, ein WTA-Turnier der weltbesten Frauen als Vorbereitung auf das Grasturnier in Wimbledon. Wegen Corona fiel nicht nur das Traditionsturnier in England aus, sondern auch die Wiederbelebung des Steffi-Graf-Stadions in grünem Gewand. Stattdessen hat Emotion nun für die Zeit vom 13. bis 19. Juli die Bett1 Aces auf die Beine gestellt. Ein Showturnier bei Rot-Weiß und im Hangar 6 des Tempelhofer Felds mit je sechs Männern und Frauen der Profitour.

Der frühere Berliner Tennisprofi Zoecke hat seit Jahren die Rückkehr des großen Tennis nach Berlin vorbereitet, für Emotion die Koordination vor Ort übernommen, beim Senat vorgesprochen, den Wasserfreunden gesagt, er wolle sie mitnehmen auf die Wimbledon-Reise. „Es ist sensationell, dass wir so eine Nummer auf die Beine gestellt haben“, sagt Zoecke.

Die Nachrichten von der Adria-Tour, von dem laxen Umgang mit Hygieneregeln dort, der Infektion von Novak Djokovic und anderen Topspielern haben den Puls bei den Berliner Veranstaltern erhöht. Ereignisse wie diese seien „grundsätzlich nicht schön“, sagt Zoecke. Aber in Serbien seien die Vorkehrungen anders gewesen als in Berlin. „Ich weiß, dass wir alles tun, was möglich ist.“ Die Bezirksämter haben Anfang dieser Woche das strenge Hygienekonzept der Veranstaltung honoriert und täglich 800 Zuschauer im Steffi-Graf-Stadion und 200 auf dem Tempelhofer Feld genehmigt.

Die 138 Mitglieder der Tennisabteilung von Spandau 04, die den Rasen im Olympiapark während der Pflanz- und Wachstumsphase in diesem Jahr noch nicht betreten durften, konnten bislang zum Spielen auf die Sandplätze von Rot-Weiß ausweichen. Das klappte, auch wenn das eigene Vereinsleben litt.

Umständlicher war das Training für die Sportschüler der Poelchau-Schule im Olympiapark. Eigentlich sind es für sie nur fünf Gehminuten vom Klassenzimmer auf die Tennisanlage. Wenn sich der Bau der Ersatzplätze im Olympiapark hinzieht, können Top-Talente wie Luca Bohlen, 16, ihr Tennistraining an der Eliteschule des Sports auch in den kommenden Jahren nicht mehr in ihren Stundenplan integrieren. Vor dem WTA-Turnier, das jeweils Ende Juni stattfinden soll, darf niemand auf die heiklen Rasenplätze. 

Der Berliner Senat hat den Wasserfreunden den Bau zweier neuer Plätze im Olympiapark versprochen. Sie sollen vor dem Squashhaus, direkt neben den bestehenden Plätzen, entstehen und 2021 bespielbar sein. Doch die Mitglieder fragen sich, ob Corona dafür überhaupt noch Geld in der Senatskasse übrig gelassen hat. Statt Sandplätzen könnte sich Spandaus Tennis-Abteilungsleiter Carsten Richter, der zugleich Sportkoordinator der Poelchau-Schule ist, auch Rebound-Ace-Plätze vorstellen. Diese Hartplätze wären kostengünstiger als Sandplätze, pflegeleichter, multifunktional. Luca Bohlen sagt, sie fände Hartplätze gut. „Sie sind sehr international.“

Nino Ehrenschneider, 19, gehört zu Berlins größten Tennistalenten. Er hat im Februar in Marokko bei einem Future-Turnier seinen ersten Weltranglistenpunkt geholt. Er ist Mitglied beim LTTC Rot-Weiß, hat an der Poelchau-Schule Abitur gemacht, oft auf den Sandplätzen im Olympiapark trainiert. Er weiß nicht genau, was er davon halten soll, dass daraus jetzt Rasenplätze geworden sind, die bei jedem Schauer unbespielbar werden. Dass Berlin wieder ein Frauenturnier veranstaltet, findet er aber gut. „Auch für Rot-Weiß ist das gut, weil manches da so ein bisschen eingerostet ist.“ Von der Nutzung einer Platzbelegungs-App etwa, wie sie die kleine Abteilung der Wasserfreunde Spandau gerade entwickelt hat, sind sie im großen Verein an der Hundekehle noch weit entfernt.

Rasenexperte Schmerler schaut sich derweil die dunkle Erde in den weißen Säcken an, die neben dem Eingang der neuen Rasenplätze im Olympiapark stehen. GOSTD heißt die Mischung: Graded Organic Sports Turf Dressing. Schmerler greift in einen Sack, lässt den Lehm-Ton-Boden durch seine Finger rieseln. Wie Wimbledon hat sein Verein jetzt auch einen Spezialboden, der mit Spezialmaschinen gewalzt werden muss. Die Pflege der Plätze soll jährlich 120.000 Euro kosten. „Sie ist anspruchsvoll“, sagt Schmerler. Er beugt sich hinunter, um den Rasen zu streicheln. Er freut sich darauf, hier zu spielen.

Für den Großteil der Mitglieder ist die Änderung des Belags für eine Woche Profitennis im Jahr allerdings nicht wirklich nachvollziehbar. Sie müssen plötzlich Rasen-Turnschuhe kaufen, ihr Spiel umstellen. Sie fragen: Wer pflegt den Rasen? Wer kommt für die teure Wässerung, Düngung, den Schnitt, das Walzen auf?

„Tja“, sagt Carsten Richter, „derjenige, der verdrängt wurde, der sein Vereinsleben aufgegeben hat, darf die Plätze nutzen. Ein anderer bezahlt die Zeche.“ Wer das ist? Rot-Weiß? Emotion? Richter weiß es nicht. Er hat nur die Ahnung, dass hier künftig Konfliktpotenzial schlummert. Er hat das Versprechen von Sportdirektor Zoecke, die Spandauer Tennisabteilung nicht im Stich zu lassen. Und er hat das Versprechen des Berliner Senats, 2021 zwei neue, ganzjährig nutzbare Plätze für seine Sportschüler und seine Tennismitglieder im Olympiapark zu bauen.

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