BVB-Trainer Lucien Favre könnte die Dortmunder verlassen.
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DortmundDer Schweiß der Spieler war noch nicht getrocknet, die Analysen zum wohl entscheidenden Spiel im Titelrennen der Fußball-Bundesliga nahmen gerade erst Fahrt auf, da wurde die erste Dortmunder Trauer bereits überlagert von einer gut vertrauten Dortmunder Fußball-Debatte. Die Kritiker vom Fernsehen stürzten sich nach dem 0:1 des BVB gegen Bayern München und dem Ende aller realistischen Titelhoffnungen auf Trainer Lucien Favre. Auf reichweitenstarken Online-Plattformen tauchten Schlagzeilen voller Andeutungen zu einem baldigen Ende des Schweizers beim BVB auf, und der Fußball-Lehrer selbst lieferte mit einer seltsamen Aussage zusätzlichen Treibstoff für solche Spekulationen. 

„Ich lese nicht die Zeitungen, aber ich weiß, wie es geht. Ich werde darüber in ein paar Wochen sprechen“, sagte er. Irgendwie klang das tatsächlich nach Abschied. Dem Fachmann aus den Alpen gelingt es einfach nicht, seine Mannschaft in den großen Spielen der finalen Saisonphase zu außergewöhnlichen Leistungen zu bewegen. Und so konnten Skeptiker all die Erläuterungen und Fachkommentare Favres zu dieser bitteren Niederlage als Zeugnis des Versagens lesen.

„Sehr gut“ fand Favre die Leistung seines Teams, „insgesamt haben wir alles probiert und es richtig gut gemacht 90 Minuten“, sagte er. Nur Winzigkeiten hätten gefehlt: „Die letzte Beschleunigung, ein paar letzte Pässe und vorletzte Pässe, Schüsse aufs Tor.“ Der Fußballtüftler verstand nicht, dass es in diesem Moment um etwas anderes ging. Um den größeren Blick auf sein Dortmunder Gesamtwerk, ein Supercup-Sieg wahrscheinlich der einzige Titel bleiben wird in dieser Saison des BVB.

Emre Can sagte später, er habe ein „sehr, sehr offenes Spiel“ erlebt, „an einem besseren Tag hätten wir vielleicht ein, zwei Tore geschossen“, sagte er. Aber eine Mannschaft, die Meister werden will, sollte eben in der Lage sein, so einen „besseren Tag“ zu haben, wenn der große Angriff auf die Bayern ansteht.

Die Klubführung um Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc hat ja in den vergangenen Monaten alles getan, um diesen Dortmunder Kader titelfähig zu machen. Die Verantwortlichen haben mit der Verpflichtung von Mats Hummels die Kopfballschwäche in der Abwehr bekämpft, sie haben Erfahrung hinzugeholt, Emre Can und Erling Haaland haben gezeigt, dass sie dem Team einen zuvor manchmal unterentwickelten Siegeswillen geben können. Und doch waren die Bayern am Dienstagabend auf dem Rasen in all diesen Kategorien besser.

„Mindestens hätten wir ein Unentschieden verdient“, sagte Favre unter Verkennung einer zentralen Eigenheit des Fußballsports: Jenseits aller strategischen Überlegungen, unabhängig von System, Ordnung und mannschaftstaktischen Leistungen werden Fußballspiele auf höchstem Niveau durch die Fertigkeiten ganz besonderer Einzelkönner entschieden. Und die blieben beim BVB blass oder saßen nur auf der Bank.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, um zu ermessen, wie sehr Emre Can und Jadon Sancho innerlich auf ihren Trainer geschimpft haben, weil sie erst zur Halbzeit eingewechselt wurden. Und womöglich hat Watzke oben auf der Tribüne innerlich mitgeflucht. Thorgan Hazard, Mahmoud Dahoud und Thomas Delaney waren zwar fitter, sie arbeiteten ordentlich fürs Kollektiv, als Schöpfer besonderer Momente in besonderen Spielen sind diese Fußballer aber noch nie in Erscheinung getreten. Man müsse „aufpassen, dass Jadon sich nicht wieder verletzt“, rechtfertigte sich Favre, Can habe nach einer Muskelblessur „nur einmal trainiert“.

Genau diese Art der Zauderei mögen Kritiker nicht an diesem Trainer. Wobei es unfair wäre, die Ursachen alleine an dieser Stelle zu suchen. Es ist offensichtlich so, dass Haaland und Sancho, die Unterschied-Spieler aus der Offensive ihre gute Form nicht über die Saisonunterbrechung retten konnten. Über die Gründe ist wenig bekannt. Allerdings wuchsen auch die zuletzt starken Raphael Guerreiro, Achraf Hakimi oder Julian Brandt nicht über sich hinaus.

Genau diese Fähigkeit zur außergewöhnlichen Leistung am Saisonhöhepunkt ist bei den Dortmundern in den beiden Favre-Jahren nicht ausgeprägt genug gewesen. Es gab großartige Phasen, Serien brillanter Siege im Wechselspiel mit Versagensmomenten, die alle Titelhoffnungen zerstören. An diesem Abend entschied eine wunderbare Idee von Joshua Kimmich das Spiel, und vielleicht hätte Roman Bürki den Lupfer des Mittelfeldspielers an einem wirklich guten Tag halten können. Es sind Situationen wie diese, die die Bayern einfach besser kontrollieren können. Seit vielen Jahren.