Ein großer Moment: 2012 gewann Stefan Thoms den Spartathlon, den Ultralauf über 245,3 Kilometer von Athen nach Sparta.
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BerlinSchon auf dem Trampolin, kurz hinter dem Eingang zum Grundstück in Woltersdorf, ist zu lesen, dass sich hier niemand mit normalem Sport zufriedengibt. Ultrasport ist zwar der Name des Herstellers des Hüpfgeräts, aber im Leben von Stefan Thoms das feste Programm. 45 und 55 Kilometer läuft der 53-Jährige zu Trainingszwecken an einem Wochenende. Das ist jedes Mal mehr als die Marathon-Distanz. Aber: Für jemanden, der vom eigenen Grundstück mal eben rund 50 Kilometer zum Alexanderplatz in Berlin und wieder zurück läuft, hat sich die Grenze längst verschoben. „Ich habe 24 Rennen über 200 Kilometer bestritten“, erzählt der 53-Jährige, „das sind für mich Rennen, alles darunter nicht. Das darunter sind Vorbereitungsläufe auf dem Weg zum Hauptziel.“

Nur das, dieses Hauptziel zu nennen, ist für einen Ultraläufer gar nicht so einfach. Höher, schneller, weiter – das könnte es treffen. Denn die Motivation für eine Streckenlänge, die über einen Marathon hinausgeht, kann nur aus dem Läufer selbst kommen. Um den großen Ruhm geht es dabei nicht, den ernten andere. Wenn etwa in Berlin der Weltrekord über die Marathon-Distanz geknackt wird, findet das weltweite Beachtung und wirkt sich positiv auf das Geldkonto aus. Ein Ultraläufer wird in einer anderen Währung bezahlt: in Metern. Genau wie beim Berlin-Marathon, wo sie sogar auf den Straßen gezeichnet wird, gibt es auch auf den Kursen der Ultraläufer eine Ideallinie. „Und die bekommt man in Metern bezahlt. Wenn ich aber hin und her renne, sind das extra Meter, die ich nicht bezahlt bekomme“, erzählt Stefan Thoms.

Heute, an diesem Montagvormittag, nach den 45 und 55 Kilometern der Vortage, hat er einen Ruhetag in seinem Kalender. Kurz mal mit der Tochter auf dem Fahrrad unterwegs gewesen, aber ansonsten ist für Körper und Geist eine Pause angesagt. Denn am Vorabend hat sich der gebürtige Köpenicker durchaus mal schlapp gefühlt. Eine „kleine Zehn-Kilometer-Runde“ wäre schon noch drin gewesen und die Müdigkeit sicher auch schnell aus den Beinen geschüttelt worden, aber das musste dann doch nicht sein. Schließlich hat Stefan Thomas seinen Körper und dessen Belastbarkeit kennengelernt. Weiß, wann er mal eine Pause benötigt.

Viele Jahre hat er die Trainingspläne selber geschrieben, „mir alles aus dem Internet gesucht“, erzählt er. Zu Beginn seiner Läuferkarriere in Vorbereitung auf Marathons, ab 2007 auch über längere, die Ultra-Distanzen. Und dabei ganz unterschiedliche Belastungs-Erfahrungen gemacht. Am Tag nach seinem ersten Marathon weiß er gar nicht mehr, wie er überhaupt ins Büro kam. Nach seinem ersten 100-Kilometer-Lauf in Leipzig „bin ich am Morgen danach die Treppe auf dem Po runtergerutscht. Heute weiß ich, dass man rückwärts runterlaufen kann“, sagt er und lacht. Mittlerweile ist nach so einem Lauf auch alles in Ordnung. Denn: Am Ende ist alles eine Frage des Trainings.

Bei der LG Nord hat Stefan Thomas im Jahr 2016 mit Jörg Stutzke „einen Trainer gefunden, der über genug Expertise verfügt und Verständnis für einen alten Körper hat“. Die Aufgabenverteilung ist klar abgesteckt: Der Läufer Thoms definiert die Ziele, der Trainer Stutzke schreibt die Pläne. Da stehen dann eben mal 24 Kilometer am Morgen im Plan, die in einem „langsamen“ Tempo von sechs Minuten pro Kilometer absolviert werden müssen. „Das langsame Laufen nervt“, so Thoms. Aber es ist notwendig, da es dem Rückfalltempo in einem Wettkampf entspricht. Falls es im Rennen mal nicht so gut geht oder die Versorgung etwas hakt, wird das Tempo gedrosselt, um energieschonend zu laufen.

Diese 24 Kilometer am Morgen dauern fast zweieinhalb Stunden und man sei fertig. Nicht körperlich, sondern „so ein bisschen müde, aber mehr nicht“, erzählt der 53-Jährige und erzählt von 4-8-5 am Nachmittag. Vier Kilometer in jeweils 5:20 Minuten, dem Marathontempo für einen Lauf unter drei Stunden, gefolgt von acht Kilometern in je 4:15 Minuten und schneller sowie fünf Kilometern zum Auslaufen in 5:20 Minuten pro Kilometer. Am Wochenende darf es schon etwas mehr sein, damit der Ultraläufer ein Gefühl dafür entwickelt, wie man sich nach zwölf oder 15 Stunden fühlt. „Die Müdigkeit hochfahren, um dann die Streckenlänge zu trainieren“, nennt es der Läufer aus Woltersdorf.

In den leistungsorientierteren Zeiten in der Nationalmannschaft ist er sogar regelmäßig zu einer Heilpraktikerin nach Potsdam gefahren und stellte die Ernährung um. Anfang 2016 hat er Laktose und Gluten vom Plan genommen. „Da habe ich mir früher nie große Gedanken drüber gemacht, sondern zum Frühstück Quark mit Honig und fünf Brötchen gegessen“, so Thomas. „Das war lecker, aber der Quark hat den Stoffwechsel beschleunigt. Seit ich Milchprodukte weglasse, habe ich einen gesunderen Körper. Seit ich nicht mehr 500 Gramm Weizennudeln vor dem Rennen esse, habe ich nicht mehr so einen Klumpen im Magen.“ Dehnen und Akkupunktur sind ebenfalls Maßnahmen, um in den schmerzhaften Bereichen frühzeitig gegenzusteuern.

Aktuell bereitet sich Thoms auf einen 24-Stunden-Lauf in Bernau am 3. und 4. Oktober vor. Auf eine Belastungswoche, die mit 70 und 35 Kilometern am vergangenen Wochenende endete, „gibt es noch zwei Entlastungswochen zur Regeneration mit einem 50-Kilometer-Lauf am Wochenende vor dem Rennen, um die Beine auszuschütteln“, erzählt er. Die Runde in Bernau ist er mittlerweile schon mehrfach gelaufen, zuletzt hat er dort während des Trainings ein weggeworfenes Vogelhaus neben der Strecke gefunden, es mitgenommen und in den eigenen Garten in Woltersdorf gehängt. Anders als beim Spartathlon in Griechenland, wo es die 245,3 Kilometer lange Strecke zwischen Athen und Sparta zu bewältigen gilt, werden bei den meisten Ultralauf-Wettkämpfen Runden absolviert.

Das Gefühl von Langeweile oder Monotonie kommt dabei allerdings nicht auf. „Einsam ist man nicht, da auf der Runde ganz viele mitlaufen. Man trifft sich ja auch immer wieder, läuft verschiedene Geschwindigkeiten. Irgendjemandem läuft man immer hinterher und kann gucken, wie der denn so läuft“, erzählt Stefan Thoms. „Bei längeren Läufen ist man nicht ganz so schnell und nimmt die Natur als Erlebnis wahr.“ Außerdem gibt es ja noch den Betreuerplatz eines jeden Läufers, wo er mit Informationen und Verpflegung versorgt wird. „Und so wird es nie langweilig“, so Thoms.

Manchmal wird es sogar etwas ruppig, wenn zwischen Betreuerteam und Läufer nicht alles hundertprozentig funktioniert. Um den Burgfrieden wieder herzustellen oder das Team bei Laune zu halten, hat Stefan Thoms schon mal eine Taube aus einem der Informationszettel gebastelt, den er mit auf die Runde bekommen hat, oder unterwegs auch mal ein Blümchen gesammelt.

Früher, als er noch auf der Marathonstrecke unterwegs war, wäre so was nicht möglich gewesen. Genauso wenig wie Siege. Um mal einen zu gewinnen, „muss man einen eigenen kreieren, weil es immer jemanden gibt, der 2:30 Stunden und weniger läuft. Das wäre unmöglich gewesen, da mal zu gewinnen“, sagt Stefan Thoms. „Für mich war der Stadtmarathon schön, aber ich wollte auch mal gewinnen.“ 220,211 Kilometer hat es am 16. und 17. April 2011 gebraucht, um das Gefühl des Sieges zu erleben. Ein Lauf, der aufgrund der zurückgelegten Distanz in die eigene Wertung fällt. Als eins von 24 Rennen über 200 Kilometer, als erster von acht Siegen.