Stolz, dass er durchgehalten hat: Werder-Coach Florian Kohfeldt.
Foto: AFPfaffenbach

HeidenheimAm Ende mundete der Bremer Entourage sogar das Bier mit Bügelverschluss aus schwäbischer Produktion. Einer nach dem anderen aus der grün-weißen Aufsichtsratsriege vom Vorsitzenden Marco Bode über den Bauunternehmer Kurt Zech bis hin zum ehemaligen Volleyball-Präsidenten Thomas Krohne genehmigte sich auf der Haupttribüne im Heidenheimer Stadion an der Brenz einen tiefen Schluck aus brauner Pulle. Der SV Werder hatte auf der Schwäbischen Ostalb  den Rettungsanker ausgeworfen, um sich mit dem 2:2 im Relegationsrückspiel beim 1. FC Heidenheim gerade noch vom Abgrund zu hangeln. Bald eilte der Geschäftsführerboss Klaus Filbry die Steintreppen hinunter, um seinen Cheftrainer Florian Kohfeldt innig zu umarmen.

Der sichtlich aufgewühlte Fußballlehrer fasste die bewegenden Ereignisse prägnant zusammen: „Scheiß Saison, geiles Ende.“ Er sei stolz, „dass ich durchgehalten habe“, bekannte der 37-Jährige, als er verpixelt auf der Videowand erschien, um die eingereichten Fragen zur virtuellen Pressekonferenz zu beantworten. Werders Führungscrew scheint sehr geneigt, ihm weiter zu vertrauen. „Ich gehe davon aus, dass er Lust hat, den Weg weiterzugehen. Florian hat in einer ganz schwierigen Saison gezeigt, dass er solche Situationen meistern kann“, sagte Geschäftsführer Frank Baumann. Kohfeldt erklärte, er wolle in Ruhe entscheiden, was das Beste für den Verein sei, denn: „Es kann kein ‚Weiter so‘ geben und es wird kein ‚Weiter so‘ geben.“

Ansonsten warb er um Verständnis, dass ihm bei aller Sehnsucht nach einer analytischen Einschätzung in erster Linie der Sinn nach Erholung stehe. Er werde sich, „egal was passiert, an irgendeinen Strand legen, wo mich keiner kennt und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.“ Da wirkte einer ausgezehrt von der quälenden Ungewissheit, ob er derjenige sein werde, der den zweiten Abstieg nach 1980 zu verantworten hat.

Dabei liegen viele Gründe der hausgemachten Misere in Baumanns Bereich. Wie viel bei der Kaderplanung unter Werders Ehrenspielführer, 44, schiefgelaufen ist, zeigt sich jetzt auch: Beinahe grotesk, dass mit Klassenerhalt teure Kaufoptionen bei Leihspielern greifen, die zuletzt gar keine Rolle mehr spielten. Der dauerverletzte Ömer Toprak und der unstete Leonardo Bittencourt müssen für einen insgesamt zweistelligen Millionenbetrag fest verpflichtet werden, zudem verlängert sich das Leihgeschäft mit dem völlig außer Tritt geratenen Davie Selke. Im Gegenzug verliert Werder seine wichtigste Stütze: Kevin Vogt kehrt zur TSG Hoffenheim zurück. Wirbelwind Milot Rashica zieht es weg, womöglich zu RB Leipzig. Vielleicht müssen auch Torwart Jiri Pavlenka und andere Stammkräfte noch verkauft werden. Denn der Beinahe-Absturz hat nicht nur viel Kraft, sondern auch viel Geld gekostet.

Viel spricht dafür, dass der vertraglich ohnehin bis 2023 gebundene Kohfeldt bleibt, wenn er Abstand gewonnen hat. Weil der Fußballlehrer eben auch Fan ist, konnte er jedoch nie eine Distanz zum Überlebenskampf aufbauen. Und so fiel erst in dieser Nacht, in der der Werder-Tross noch per Charter über den Flughafen Nordholz/Cuxhaven in die norddeutsche Heimat zurückkehrte, der ganze Ballast ab. Es sei letztlich „ein Riesenkraftakt“ gewesen,  eine „Katastrophensaison“ zu einem guten Ende zu bringen. Kohfeldt: „Wir waren so häufig abgestiegen, so häufig tot.“

Dass er mit neuen Schuhen beim Jubel über das erlösende 2:1 von Ludwig Augustinsson in der Nachspielzeit ausrutschte und schnell wieder aufstand, fügte sich ins Bild. Genauso, dass ein ehemaliger Werderaner, der FCH-Routinier Norman Theuerkauf, 33, mit einem skurrilen Eigentor nach drei Minuten mithalf. Als Kohfeldt frisch geduscht zum Mannschaftsbus spazierte, schrie er noch ein lautes „Ja“ über den Schossberg von Heidenheim, wo eine beträchtliche Zahl Menschen wartete. So weit war alles noch friedlich verlaufen, ehe gegen Mitternacht die Stimmung kippte. FCH-Anhänger attackierten den Werder-Mannschaftsbus, und fast zeitgleich kam es auch in Bremen zu Ausschreitungen mit von den Fans attackierten Polizeikräften, was nur beweist, dass selbst Geisterspiele ein Sicherheitsrisiko sein können, wenn es um zu viel geht.

Schon das Ringen um die akustische Deutungshoheit besaß skurrile Züge. Kurzzeitig nahmen sogar die Heidenheimer Spielerfrauen unerlaubt auf der Tribüne Platz, wo das Schlagen auf Pfannen oder das Betätigen einer Sirene für eine neue Tonspur in Corona-Zeiten gesorgt hatte. Dagegengehalten hatte auf Bremer Seite die Physiotherapeutin Laura Kersting, die zuletzt nicht nur die Muskeln von Berufsfußballern behandelte, sondern an Spieltagen immer ihren Metallkoffer mit einem Gummihammer bearbeitete. Am Ende spazierte sie eher still und leise mit dem Handy über den Rasen, um die frohe Botschaft vom Ligaverbleib per Videotelefonat zu übermitteln. Später wartete sie ausgelaugt am Gitterzaun auf die Spieler. Flasche Bier in der Hand, Abklatschen, Anstoßen, Erleichterung runterspülen. Ende gut, aber nicht alles gut.