Zwischen Gelassenheit und Selbstgefälligkeit: Bundestrainer Löw.
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BerlinEs gab jede Menge Gesprächsbedarf, auch unter den Torhütern. So versammelten sich Manuel Neuer und Yann Sommer zu später Stunde an diesem frischen Herbstabend nahe der Mittellinie, als alle Feldspieler sich längst in die Katakomben des verwaisten Kölner Stadions zurückgezogen hatten. Minutenlang sprachen die Nationaltorhüter aus Deutschland und der Schweiz angeregt miteinander. Die besten Bundesliga-Torwächter fühlten sich irgendwie als Leidtragende des munteren Nations-League-Nachbarschaftsduells, das der Münchner Schlussmann stellvertretend für den Mönchengladbacher Kollegen folgendermaßen zusammenfasste: „Für beide Torhüter war es nicht schön. Wir haben eindeutig zu viele Gegentore kassiert.“

Der 34 Jahre alte Kapitän der DFB-Auswahl hatte zwar auch „gute Sachen“ gesehen, doch die spielten sich eben nicht in Neuers Hoheitsgebiet ab. So hübsch anzusehen die Tore durch Timo Werner (28.), Kai Havertz (55.) und Serge Gnabry (60.) waren, so tölpelhaft wirkte die Abwehr bei den Gegentreffer von Mario Gavranovic (5. und 56.) sowie Remo Freuler (26.). Spaß vorn, Chaos hinten. Binnen sieben Tage hat sich die Nationalelf in der Domstadt zweimal ein 3:3 geleistet. Sieben Gegentore in drei Länderspielen sind die Folge einer fehlenden Balance. Was gegen die Türkei noch zu Testzwecken geduldet war, konnte im Wettkampfmodus gegen die Schweiz nicht als Bagatelle abgetan werden. Noch immer fahndet Deutschland nach der Ausmusterung von Mats Hummels, 31, und Jérôme Boateng, 32, nach Innenverteidigern von internationaler Klasse. Beide galten jahrelang als Fixpunkte einer standfesten Deckung.

Einer ihrer Nachfolger sollte Niklas Süle sein, der jedoch die Spätfolgen eines Kreuzbandriss noch nicht auskuriert hat. „Bei ihm muss man vorsichtig sein. Wenn er gesund ist, ist der Niklas natürlich ein sehr wichtiger Spieler“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, der nach eigener Aussage „bewusst ein hohes Risiko eingegangen“ sei. Das desorientierte Gespann Matthias Ginter und Antonio Rüdiger erweckte den Eindruck, als hätte man sich gerade erst beim Kicken auf dem Schulhof in der großen Pause kennengelernt. Speziell der beim FC Chelsea aufs Abstellgleis geschobene Rüdiger stiftete mit seinen sinnfreien Ausflügen heillose Verwirrung.

Händeringend wird mit Blick auf die EM im nächsten Sommer ein Abwehrchef gesucht, der Halt und Orientierung vermittelt – und auch verbal vorangeht. Fehlende Kommunikation bleibt ein Dauerthema in diesem höchst fragilen Gebilde. Übrigens leistet in dieser Hinsicht auch der erfahrene Neuer deutlich zu wenig Hilfestellung.  „Kuriose Gegentore“, sah der als Absicherung in seinem 50. DFB-Einsatz überforderte Joshua Kimmich. Toni Kroos bemängelte nach seinem 100. Länderspiel die Mithilfe „beim ersten und dritten Gegentor“ – der 30-Jährige selbst verschuldete mit einem Ballverlust das zweite. Der an allen drei deutschen Treffern beteiligte Havertz empfahl mit 21 Jahren allen Ernstes, „erwachsener“  zu verteidigen.

„Das müssen wir optimieren“, stellte Löw eingedenk der gespenstisch anmutenden Abwehrhaltung in diesem Geisterspiel fest. Sonst könnte es in einer EM-Vorrundengruppe mit Frankreich und Portugal ein böses Erwachsen geben. Insgeheim dürfte sich der 60-Jährige mit seinem Faible für die Dreierkette bestätigt fühlen. Er nahm fast billigend in Kauf, dass die Rückkehr zur Viererkette zu großen Schwierigkeiten führte. „Ein paar Fehler gehören zum Prozess“, konstatierte der Südbadener in der ihm eigenen Gelassenheit, die ihm nicht wenige inzwischen als Selbstgefälligkeit auslegen. Er hat es in diesen unruhigen Tagen jedenfalls nicht verstanden, die Zweifel mit einer runden Leistung zu ersticken. Im nächsten Monat sollten in den Länderspielen gegen Tschechien, Ukraine und in Spanien Verbesserungen sichtbar werden.

Im internen Zirkel, so ist zu hören, soll die Stimmung allerdings deutlich besser sein als in der Öffentlichkeit. Bei der Ansprache des DFB-Präsidenten Fritz Keller an die Jubilare Kimmich und Kroos herrschte fast kindliche Ausgelassenheit. Die Spieler nehmen es ihrem bisweilen schrulligen, eigenwilligen, aber im täglichen Umgang gewiss nicht arroganten oder abgehobenen Trainer nicht krumm, dass er auf seinen Standpunkten besteht. Sie finden es besser, dass der Schöngeist Löw den Gegenwind aushält, statt seine Überzeugungen zu verraten. Immerhin bot die DFB-Elf in Sachen Kreativität und Spielfreude vor allem durch Havertz’ Zutun und Werners Präsenz ihre beste Leistung 2020.