Vielleicht hätte ihm die Zeichnung in jungen Jahren einen unruhigen Schlaf bereitet. Doch der Historiker Nikolaus Katzer hat sie erst vor kurzem gefunden, im letzen Abschnitt seiner beruflichen Laufbahn. Das Motiv eines sowjetischen Künstlers zeigt den Revolutionär Lenin, wie er einen Ball am Fuß führt, der Wind weht ihm durch das schüttere Seitenhaar. Handelt es sich um eine Karikatur oder um Propaganda?

Nikolas Katzer, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Moskau, hebt fragend die Schultern. Ob Lenin sich für Fußball interessiert hat, kann wohl niemand mit Gewissheit sagen. Katzer hat trotzdem jenen Epochenwandel erforscht: Wie der Fußball sowjetisch wurde.

Konkurrenzdenken und individuelles Talent

Die Russische Revolution 1917, die Ermordung der Zarenfamilie und der Bürgerkrieg bis 1922 bedeuteten das Ende für gewachsene Alltagsstrukturen in Kultur und Sport, auch an eine Fortsetzung der Fußball-Stadtmeisterschaften war nicht zu denken. Die siegreiche kommunistische Bolschewiki plante einen radikalen Umbruch der Gesellschaft, sie wollte den sowjetischen „Neuen Menschen“ schaffen.

Der von britischen Einwanderern importierte Fußball galt als Gegenmodell, weil er Konkurrenzdenken und individuelles Talent scheinbar über das Kollektiv stellte. Fußball, so wurde gemutmaßt, befördere „Krämergeist, Habgier und Sittenverfall“.

Fackeln auf dem Roten Platz

Sowjetrussland lehnte Olympia als Produkt des Kapitalismus ab, berichtet Nikolaus Katzer, der die 1920er Jahre im aktuellen Sammelband Russkij Futbol beschrieben hat. Auch mit dem Weltfußballverband (Fifa) und dessen Länderspielbetrieb wollten die Kommunisten nichts zu tun haben. 1925 legten sie Regeln für eine „sozialistische Körpererziehung“ fest. Der Arbeitersport sollte dem „Willen der Massen“ dienen und für „Harmonie“ sorgen.

Neue Wettbewerbe wurden unter das Zeichen von Spartakus gestellt, dem Anführer eines römischen Sklavenaufstandes sieben Jahrzehnte vor Christus. Zur Eröffnung der Spartakiade 1928 trugen 30.000 Menschen Fahnen und Fackeln über den Roten Platz. Im Programm aber enthalten und durchaus beliebt: Fußballspiele.

Die Rolle der Frau

Für jene Körperkultur, die auf Gesundheit und Breitensport ausgerichtet war, etablierte sich ein Begriff: Fiskultura. Wichtig für die staatliche Inszenierung waren Frauen, erzählt Anke Hilbrenner, Professorin für Neuere Geschichte Osteuropas an der Universität Göttingen.

Frauen wurden als ebenbürtig dargestellt, mit gleichen Zugängen zu Bildung und Beruf. Als eines der ersten Länder hatte die UdSSR die Rechte auf Abtreibung und Scheidung gewährt. In den Zwanzigerjahren schlossen sich immer mehr Fußballerinnen zu Teams zusammen. Dies sollte ein kurzer Aufschwung bleiben, doch selbst in vielen westlichen Ländern war das noch undenkbar.

Vereinsähnliche Gebilde

Im fortschreitenden Jahrzehnt stabilisierten sich die Verhältnisse. Nikolaus Katzer entdeckte etliche „beiläufige Schilderungen“ des Fußballs in Briefen und Tagebucheinträgen. Gegen die Bedenken der Fiskultura-Anhänger wurde Fußball ins Lehrprogramm der Roten Armee aufgenommen, als Ablenkung und Freizeitbeschäftigung der oft analphabetischen Soldaten. Fußball war nun ein „kunstvoller Erzieher zu Tapferkeit, Mut, Entschlossenheit und Ausdauer“.

An den sportlichen Profilierungsdrang, den die Sowjetunion später perfektionieren sollte, war noch nicht zu denken. Und doch wurde ein Fundament gelegt: Vereinsähnliche Gebilde wurden an Arbeitsmilieus und Gewerkschaften gekoppelt. Ein Modell, das für Jahrzehnte Verbindungen zwischen Städten schaffen sollte, aber auch Feindschaften. Dynamo Moskau war in der Obhut des Geheimdienstes, Lokomotive gehörte zur Eisenbahn, Schachtjor zum Bergbau, Neftjanik zur Ölförderung.

Der Fußball hatte wieder einen beachtlichen Stellenwert erreicht, als 1936 die oberste Spielklasse der Sowjetunion gegründet wurde. Damit wuchs auch das politische Interesse der Mächtigen. Einige Spieler und Schiedsrichter gerieten bald in Lebensgefahr.