So könnte es bald in der Fußball-Bundesliga zugehen: die Partie Mönchengladbach gegen Köln am 11. März vor leeren Rängen als Geisterspiel.
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Frankfurt a. M.Fußball-Bundesliga ja, aber: Die Politik besteht auf einer Obergrenze von Neuinfektionen, ab der zu härteren Beschränkungen zurückgekehrt wird. Das gilt für Lockerungen insgesamt und geht aus einer Beschlussvorlage des Bundes für die Beratungen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Regierungschefs der Länder an diesem Mittwoch hervor.

Für die Fußall-Bundesliga heißt es in dem Dokument: "Dem Beginn des Spielbetriebs muss eine zweiwöchige Quarantänemaßnahme, gegebenenfalls in Form eines Trainingslagers, vorweggehen." Als voraussichtlicher Termin für den Beginn der Geisterspiele ohne Zuschauer gilt der 15. oder der 21. Mai - ein genauer Termin ist in der Beschlussvorlage offen gelassen.

Ein von der Deutschen Fußball Liga (DFL) vorgelegtes Konzept hat zwar mehrere Ministerpräsidenten und auch den für Spitzensport zuständigen Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) überzeugt. Mehrere Corona-Fälle beim 1. FC Köln und ein Video, in dem der inzwischen suspendierte Hertha-Profi Salomon Kalou eindrucksvoll dokumentiert, wie Abstandsregeln missachtet werden, lässt allerdings Zweifel aufkommen.

Vorausgesetzt wird daher nun, dass das Hygiene- und Sicherheitskonzept nicht so fahrlässig behandelt wird, wie das Kalou und Kollegen getan haben. Weil sich Hertha BSC noch am selben Tag von seinem Profi trennte, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) einen unmissverständlichen Tweet versendete („absolut inakzeptabel“), darf der Profifußball für das nach Lockerungen lechzende Land nach dem Politik-Gipfel zwischen Kanzlerin und den Länderchefs einen Vorreiter geben.

Dass dem Sport bei Zurückerlangung der Freiheiten naturgemäß eine besondere Rolle zukommt, hatte sich abgezeichnet. Am Mittwoch dürfte auch der Breitensport unter freiem Himmel bei bestimmten Voraussetzungen wieder erlaubt werden. In der Beschlussvorlage werden als Bedingungen unter anderem genannt, dass ein ausreichend großer Personenabstand von 1,5 bis 2 Metern gewährleistet und der Sport kontaktfrei ausgeübt wird.

Die DFL hat bereits am Donnerstag die nächste Mitgliederversammlung angesetzt, um das weitere Vorgehen mit seinen 36 Lizenzvereinen zu besprechen. Damit ist ein Neustart am 15. Mai möglich. Dann hätten die Bundesliga und 2. Bundesliga genau zwei Monate pausiert. Problem ist allerdings die extrem kurze Vorbereitungszeit mit regulärem Mannschaftstraining.

Mehrere Trainer fordern einen Vorlauf von mindesten zehn bis 14 Tagen, um vor allem sich wieder an Zweikämpfe zu gewöhnen, die fast allerorten noch gemieden werden. Sportwissenschaftler warnen bereits vor einer erhöhten Verletzungsgefahr. Mehr Sicherheit würde ein späterer Starttermin bringen. Nachteil: Um das Saisonende am 30. Juni zu halten, wären reihenweise Englische Wochen nötig. Darüber dürfte im Detail am Donnerstag in der nächsten Video-Schalte der Liga gerungen werden, die dann auch schon einen vorläufigen Spielplan veröffentlichen dürfte. Nur zur Erinnerung: Neun Spieltage stehen noch aus, auch die Halbfinals und das Finale im DFB-Pokal sind irgendwo im Kalender unterzubringen.

Der Fußball-Betrieb ist allerdings gut beraten, bis dahin größere Fettnäpfchen nicht mehr zu betreten. Der Einblick in den Berliner Kabinenalltag entlarvte neben einem aberwitzigen Umgang der Hertha-Kicker mit der Krise auch generelle Sicherheitslücken. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat trotz des Facebook-Fiaskos keine grundsätzlichen Zweifel am Konzept („macht Sinn und kann auch Vorbild sein im übrigen für andere Profisport-Bereiche“). Der CDU-Politiker begrüßte die  von Hertha gezogenen Konsequenzen. Spahn hofft, „dass jetzt alle verstanden haben, dass es hier um etwas geht.“ Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner sprach von einem „Warnschuss für alle“. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder gab eine Stellungnahme ab: „Da macht die Liga hervorragende Konzepte, und dann gibt es Einzelspieler, wie jetzt zu lesen war, die sich sehr, sehr, sehr unglücklich verhalten. Ich finde auch gut, dass Profivereine sehr hart dagegen entscheiden, weil das bringt das ganze Konzept in Verruf.“

Der Ivorer Kalou hat dem Ansehen der Liga damit einen ähnlichen Bärendienst erwiesen wie einst der Franzose Fránck Ribery. Dabei hatte DFL-Chef Christian Seifert gerade erst mahnend gesagt: „Offensichtlich hat die Bundesliga auch durch einige Bilder, die sie selbst produziert hat, Stichwort ‚goldene Steaks‘, teilweise ein Bild von sich erzeugt, dass ein Teil der Menschen nicht akzeptieren kann.“ Die despektierlichen Äußerungen von Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic zu Gehaltsreduzierungen füttern ferner das Bild sorgloser Berufsfußballer, die an wenig anderen als einem prall gefüllten Bankkonto Interesse haben.

Die Liga möchte hingegen gerade jetzt ein ebenso skandalfreies wie einheitliches Erscheinungsbild abgeben. Von DFL-Seite wurde nicht kommuniziert, um welche Vereine es sich bei den insgesamt zehn Infektionsfällen nach den ersten beiden Testwellen handelt. Der Zweitligist Erzgebirge Aue gab am Dienstag allerdings bekannt: Weil eine Person aus dem Funktionsteam positiv auf Corona getestet wurde, hat sich am Dienstag der Spielerkader samt Trainer- und Funktionsteam in häusliche Quarantäne begeben. Der Umgang mit positiven Tests sorgt immer noch für den größten Widerspruch und könnte  zur Sollbruchstelle werden: Innenminister Horst Seehofer (CSU) besteht im Widerspruch zur Task Force der DFL darauf, dass beim Intensivkontakt im laufenden Betrieb  nach einem positiven Fall die ganze Mannschaft in 14-tägige Quarantäne muss. Das könnte alle Pläne gefährden.

Spannend wird auch sein, wie sich die Fans positionieren. Aus verschiedenen Umfragen ergibt sich längst kein einhelliges Bild mehr. Die Gruppierung „Unsere Kurve“ teilte ohne Wertung zur Wiederaufnahme mit: „Fußball ohne Fans kann nur eine vorübergehende Erste-Hilfe-Maßnahme zum Abschluss der Saison sein, um die finanzielle Existenz zu sicher. Dies aber nur dann, wenn umgehend notwendige Reformprozesse eingeleitet werden.“ Klingt danach: Die Bundesliga spielt vorerst nur auf Bewährung weiter. Und das gilt längst nicht mehr nur medizinisch.