Berlin - Die Zukunft gehört Berlin. Liest man ja gerade überall in der Stadt. Auf Litfaßsäulen. An Plakatwänden. Sogar in Kreuzberg. In fetten Lettern ist dieser Satz geschrieben. Klubjubiläumsgold auf Blau. Oder: die alte Großmäuligkeit auf neuer Humorebene.

Vor gut zwei Jahren wäre man eher nicht auf die Idee gekommen, dass dieses drohende Versprechen etwas mit Profifußball und Hertha BSC zu tun haben kann. Vor zwei Jahren – das noch einmal zur allgemeinen Erinnerung – ist der Verein beinahe abgestiegen. Die Zukunft gehörte mal wieder den anderen. Die Berliner Farbe war das übliche Mausgrau. Und in den Eckkneipen haben sie damals den Zapfhahn zugedreht und um Hilfe gerufen, wenn einer darauf wetten wollte, dass Hertha schon in der übernächsten Saison in den Europapokal zurückkehrt.

An diesem Sonnabend um halb vier eröffnet Hertha BSC die neue Spielzeit im Olympiastadion. Der Aufsteiger VfB Stuttgart ist zu Gast, und damit beginnen sie schon, die kleineren und größeren Probleme, die Berlins Vision von einer goldenen Fußballzukunft ein bisschen vernebeln. „Das sind keine normalen Aufsteiger“, wiederholt ja Michael Preetz bei jeder Gelegenheit.

„Es wird die spannendste Saison seit vielen Jahren“

Der Manager deutet das, was dem VfB Stuttgart und Hannover 96 in der vergangenen Saison passiert ist, als Unfall, der in fast jedem Bundesligahaushalt passieren kann. Die Anomalie besteht darin, dass sich beide Klubs schnell und gut erholt haben von dem Sturz und ihr Haushalt nun deutlich sicherer abgepolstert zu sein scheint als vor einem Jahr. In Stuttgart (siehe Text unten) hat die Daimler AG dafür gesorgt. In Hannover (siehe 50 plus 1) Klubpatriarch Martin Kind. Preetz glaubt vor allem deshalb: „Es wird die spannendste Saison seit vielen Jahren.“

Spannung – natürlich nur jenseits der Titelfrage – verspricht allein die Tatsache, dass es diesmal keine Fürths, Darmstadts, Ingolstadts oder Braunschweigs gibt in der Bundesliga, deren borstige Widerstandskraft spätestens Mitte der Rückrunde gebrochen wird. Sichere Absteiger? Geheime Europatipps? Der Zapfhahn läuft wieder. (Im Olympiastadion gibt es ab Sonnabend übrigens das wässrige Carlsberg und nicht mehr das schale Warsteiner.)

Die Ermüdung kam spät 

Das erste Heimspiel ist für Hertha besonders wichtig. Klingt banal, ist aber so. In den vergangenen zwei Jahren zählte das Team von Trainer Pal Dardai zu den besten Startern der Liga. Der gerade daheim erspielte Vorsprung hielt lange, die Ermüdung kam spät – und die Dechiffrierung des immer nur um Details veränderten Systems gelang vielen Gegnern erst beim zweiten Versuch in der Rückrunde, als auch die Verletzungen sich häuften.

„Das war die bisher beste Vorbereitung“, sagte Dardai zuletzt. Er lobte die Einstellung seiner Spieler und immer wieder den Teamgeist, den zum Beispiel Alexander Esswein als den außergewöhnlichsten bezeichnete, den er jemals erlebt hat in seiner Karriere.

Dass dieser Esswein als Gewinner der vergangenen Wochen bezeichnet wurde, ist so eine Sache. In Dardais sich hier und da verschiebendem 4-4-2 ist er als zweiter Stürmer neben Vedad Ibisevic gesetzt. Aber nur, weil Davie Selke noch verletzt ist. Und obwohl der neue Esswein trotz Umschulung ja immer noch der alte Esswein ist, sprich: eine Gefahr für alle Spieler auf dem Platz. Da kann Dardai noch so zufrieden sein mit den Vorbereitungseindrücken.

Die Zukunft gehört Selke

In seiner ersten großen Amtshandlung hat Herthas Trainer die Defensive stabilisiert, in der zweiten den Ballbesitz erhöht; der Plan für die dritte sieht vor, endlich mal das Kontern zu lernen und vor allem mehr Tore zu schießen. Denn wenn man Dardais Mannschaft etwas saisondauerhaft vorwerfen konnte, dann eben, dass es zu wenig waren. In der vergangenen Saison (43) haben nur sieben Klubs seltener getroffen. Die Zukunft gehört da eher Selke. Die beginnt aber eher nicht vor Oktober. Oder November.