Die leere Allianz-Arena des FC Bayern München. Es wird lange dauern, bis dieses Stadion wieder toben wird.
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Frankfurt/Main Wie sehr den Coronavirus auch den deutschen Profifußball in seinen Grundfesten erschüttert hat, war nicht nur an den Worten von Christian Seifert festzumachen. Selten wirkte der Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL) so besorgt wie nach der außerordentlichen Mitgliederversammlung am Dienstag am Frankfurter Flughafen. „Wir ringen um Lösungen, damit die wirtschaftliche Lage nicht außer Kontrolle gerät. Wir müssen darüber sprechen, wer wie lange ohne Spiele durchhält. Es steht mehr auf dem Spiel, als nur ein paar Fußballspiele!“, machte der 50-Jährige deutlich.

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Erwartungsgemäß stimmten die Klubvertreter dem Präsidiumsvorschlag zu, auch den 27. Spieltag auszusetzen. Wobei Seifert zu verstehen gab: „Damit geht nicht einher, dass wir Anfang April wieder Fußball spielen. Die Eindämmung des Virus hat Vorrang vor allem.“ Über die Fortführung soll in der letzten März-Woche  besprochen werde. Die für Dienstag angesetzte Sitzung der europäischen Dachorganisation UEFA wird neue Handlungsoptionen eröffnen. Sehr deutlich klang durch, dass die EM 2020 im Sommer abgesagt wird. Der mit UEFA-Präsident Aleksander Ceferin gut vernetzte Liga-Boss bezifferte die Chance auf eine Austragung auf unter ein Prozent. „Ich gehe davon aus, dass wir mehr Flexibilität haben und mit Terminen im Mai und Juni rechnen können.“

Ungeachtet vieler Unwägbarkeiten kämpft der Liga-Boss darum, dass beizeiten wieder in der Bundesliga der Ball rollt: „Alle Klubs haben den Anspruch, diese Saison – rechtlich möglich und gesundheitlich vertretbar –zu Ende zu spielen.“ Eine Art Notfallparagraph wurde im Liga-Statut geschaffen, um per Online-Versammlungen zu Entscheidungen zu kommen. Alle Klubs wurden auf der laut Seifert „kollegial“ verlaufenden Zusammenkunft aufgefordert, mit am jeweiligen Standort mögliche Handlungsalternativen abzuklopfen, aber auch Extremszenarien ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit festzustellen. Es gehe eben nicht nur um die „gut bezahlten Bundesligaspieler“ (Seifert), sondern dahinter würden 56.000 Arbeitsplätze stehen. Deshalb dürfe es auch kein Tabu bei Geisterspielen geben.

Dass Partien vor leeren Rängen keine Lösung zur Überbrückung sein können, war nach den schauerlichen Erfahrungen vergangene Woche in Mönchengladbach, Frankfurt oder Wolfsburg der vorherrschende Eindruck. Weil in der direkten Umgebung alles fehlt, was den Fußball ausmacht; weil im näheren sich in Kneipen, Sportbars oder vor den Stadiontoren die nächsten Menschenansammlungen bilden. Seifert aber stellte klar: „Wer Geisterspiele ablehnt, muss sich darüber bewusst sein, dass es dann bestimmt nicht mehr alle Profivereine gibt. Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit die einzige Überlebenschance. Wir müssen über diese Maßnahmen nachdenken.“

"Wir wissen nicht, was morgen ist"

Über staatliche Hilfen, beispielsweise im Fall von Kurzarbeit, sei nicht gesprochen worden, sehr wohl aber hat Seifert erfahren, dass einzelne Klubs gerade die Bereitschaft ausloten, sich über Gehaltsverzicht einen Teil vom größten Kostenblock vom Leib zu halten. „Wir erleben nicht nur eine finanzielle, sondern moralische und emotionale Solidarität. Es geht nicht darum, wer in der Öffentlichkeit am besten dasteht, sondern es geht ums Überleben.“

Auch der DFL-Geschäftsführer erlebt gerade die schwierigste Phase seines Berufslebens, die er sehr wohl in den gesellschaftlichen Kontext einzuordnen wusste. „Was gestern noch sicher und  normal war, ist nicht mehr sicher und normal.  Wir wissen nicht, was morgen ist.“ Neben dem tückischen Virus sei Unsicherheit gerade der zweitgrößte  Feind. „Ich kann Ihnen nur den ehrlichen Einblick geben: Mir ist bewusst, dass es viele andere Unternehmen, die in massiveren und größeren Problemen stecken.“

Aber auch der deutsche Profifußball gerate genau wie andere Branchen in Gefahr, wenn er zu lange aussetzt: „Die größten Einnahmen sind Medieneinnahmen, Sponsoring- und Zuschauereinnahmen. Wenn sie das alles nicht mehr haben, ist es eine Frage der Zeit, wie lange das gut geht“, sagte der DFL-Chef. Konkret müssen die Vereine der Bundesliga und 2. Bundesliga bei einem Abbruch der Saison mit einem wirtschaftlichen Schaden von 750 Millionen Euro rechnen. 384 Millionen stehen allein aus den nationalen Medienerlösen  und aus der internationalen Vermarktung noch aus.  Versichert sind die TV-Gelder genau wie in den meisten anderen Ligen nicht. Die DFL hat 2018 alleine eine Spielausfallversicherung abgeschlossen. „Unser Versicherungsschutz deckt eine Pandemie nicht ab. Vor vier Jahren hätte uns die Versicherungsprämie abgeschreckt“, erläuterte Seifert, der von einem Szenario „wie im Science-Fiction-Film“ sprach.

Noch wand er sich um die Frage, was passiert, wenn über den  30. Juni hinaus im Herzen Europas kein geregelter Spielbetrieb stattfinden kann. In China hat es – bei weitaus drastischeren Restriktionen für die Bevölkerung – acht Wochen gedauert, um die Ausbreitung des heimtückischen Virus einzudämmen. Kann es in der Bundesliga bei einem Saisonabbruch überhaupt Absteiger geben? Seifert wollte diese Frage nicht beantworten. „Es ist nicht redlich, Ja oder Nein zu sagen. Erstmal ist das Interesse, diese Saison zu Ende zu spielen.“ Irgendwie. Irgendwann.