Fußball-EM 2012 in Polen: Neues Nationalstadion verändert Warschau

Warschau - Das alte Wahrzeichen von Praga stand vor einem Supermarkt in der Ulica Stalowa. Es war eine buckelige Kunstfigur aus Gummi, in zerschlissenen Bluejeans und grüner Bomberjacke. Eine Kunstfigur mit glasigem Blick. Man konnte sie berühren, stoßen oder treten, sie hielt alles aus, kippte vor, kippte zurück. Das alte Wahrzeichen hieß Pan Guma – der Gummimann. Vor einem halben Jahr wurde ihm der Kopf abgeschlagen. Ein paar Tage später war er ganz verschwunden.

Das neue Wahrzeichen von Praga steht etwa vier Kilometer von der Ulica Stalowa entfernt. Es sieht aus wie ein riesiger Bastkorb, in Rot und in Weiß geflochten, obendrauf ein Dach, das sich bei Regen wie ein Schirm über den Rasen spannt, es ist das Warschauer Nationalstadion. Hier werden Polens Fußballer am Freitag das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft gegen Griechenland austragen. Und nach dem Turnier soll es weitergehen mit der Bespaßung der Massen. Die Eventkultur hat Polen erreicht, schon Anfang August wird die Popkönigin Madonna im Nationalstadion auftreten. Ausverkauft.

Ein Säufer als lokaler Held

Dieses neue Wahrzeichen, das für ein wirtschaftlich aufstrebendes Polen steht, wird das am rechten Weichselufer gelegene Stadtviertel Praga verändern, eine Gegend, in der sich seit Generationen fast nichts verändert hat. Doch die Gentrifizierung hat auch Polen erreicht. Bis vor zehn Jahren noch wollte niemand in Praga leben, außer denjenigen, die mussten: Rentner, Sozialhilfeempfänger, zuletzt Studenten und Künstler. Bis vor zehn Jahren noch fanden Wiederaufbau und Modernisierung einer zerbombten Stadt gegenüber, auf der anderen Flussseite statt: in der Altstadt, rund um den Kulturpalast, wo Hotels und Bankgebäude in den Himmel wachsen.

In Praga ist man am Boden geblieben. Hier wohnen die Arbeitslosen, die Schulabbrecher und überdurchschnittlich viele Tuberkulosekranke. Alte Backsteinhäuser gibt es, die niemals renoviert wurden, mit schiefen Wänden und unbeleuchteten Treppenhäusern. An den Laternen hängen immer die gleichen Abreißzettel. Entweder: Sonderangebote für Türen und Fenster. Oder: Die Bank hat dir keinen Kredit gegeben? Du hast immer noch eine Chance. Ruf an!
Dieser vergessene Stadtteil hat ein großes Aufwertungspotenzial, sagen Investoren und die neuen Hausbesitzer. Die Grundstücke seien billig, man müsse jetzt zugreifen, die Europameisterschaft begreifen sie als Chance. Das alte Hafengebiet neben dem Stadion hat ein polnischer Privatfernsehsender gekauft, bald werden Bürotürme und Einkaufspassagen an der Weichsel entstehen.

Die anderen, vor allem Künstler und alte Bewohner, sprechen von Verdrängung, sehen das Fußballfest und die damit verbundene Neuentdeckung ihrer Quartiere als existenzielle Bedrohung. Ihre Mieten steigen um ein Vielfaches, manche Häuser werden vom Stromnetz abgeschnitten, die Heizungen funktionieren im Winter nicht mehr – und das alles passiert, um den Widerstand gegen die Zwangsräumungen zu brechen.

Viele haben bereits aufgegeben. Im vergangenen Jahr hat sich eine verzweifelte Mieterin mit Benzin übergossen und angezündet. Bogdan, der im Rollstuhl sitzt, bekreuzigt sich. „Da drüben war ihr Haus“, sagt er. Dann zeigt er auf den Boden. „Und hier stand Pan Guma.“

Der Gummimann war ein harmloser Säufer, der vor dem Supermarkt herumlungerte oder sich schwankend durch die Straßen schleppte. Daher kam sein Spitzname. Er starb, noch bevor der Warschauer Künstler Paweł Althamer und vier Jugendliche aus Praga mit ihrer Arbeit fertig waren. Althamer wollte im Rahmen eines Sozialprojekts einen lokalen Helden würdigen, die Jugendlichen zeigten auf Pan Guma, ein anderer fiel ihnen nicht ein. Von ihm hatten sie manchmal Zigaretten oder Geld bekommen, wenn er welches hatte. Das allein schon taugte in ihren Augen zum Heldentum. Und so entstand vor zweieinhalb Jahren die buckelige Kunstfigur, das alte Wahrzeichen von Praga, das später seinen Kopf verlor.

Wer es zerstört hat, weiß niemand. Vielleicht war es ein Betrunkener, der gerade nichts Besseres zu tun hatte, sagt die Supermarktverkäuferin. Vielleicht auch jemand, sagt Bogdan, der beim Einkaufen nicht ständig daran erinnert werden wollte, wie das Leben hier enden kann. Wie das Leben des echten Pan Guma also. Ohne Geld, ohne Hoffnung, mit Krankheit und einem frühen Tod mit Anfang dreißig. Bogdan sagt: „Jetzt stehe ich halt manchmal an dieser Ecke.“

Bogdan, 62, ist arbeitslos, seit über zwanzig Jahren schon, seitdem die Russen abgezogen sind, sagt er, aber eigentlich hatte er nie eine Festanstellung. Die Schule schloss er noch ab, die Schlosserlehre nicht mehr. Später hat er sich irgendwie durchgeschlagen, Freunde haben geholfen, die ältere Schwester. Doch dann waren plötzlich nicht nur die Russen verschwunden, sondern mit ihnen ein ganzes System – und deswegen auch seine Frau. „Nach Deutschland“, sagt Bogdan. „Sie wollte immer ein besseres Leben. Ich kann es ihr nicht verübeln.“