Herzogenaurach - Seine letzten Worte im fast komplett verwaisten Wembley-Stadion sprach Joachim Löw geduldig nacheinander in vier Mikrofone, derweil hinter ihm Greenkeeper mit knatternden Rasenmähern ihre Arbeit verrichteten. Die skurrile Szenerie nach dem deutschen EM-Aus passte zum Anlass: Der Fußball-Bundestrainer ist so gut wie weg, aber es geht unverzagt weiter. Wembley empfängt in Kürze die vier Halbfinalisten. Deutschland gehört nicht dazu.

In spektakulärem Umfeld unspektakulär ausgeschieden

Löw hatte sich einen Abschied in der monströsen Kathedrale im Nordwesten von London erhofft. Aber nicht als Verlierer eines Achtelfinals, 0:2 gegen Gastgeber England. Sondern als Sieger eines Endspiels. Doch dafür waren Trainer und Team nicht gut genug. Sie sind in einem spektakulären Umfeld unspektakulär ausgeschieden. Sie haben nicht mehr die Energie und Ballfertigkeit aufbringen können, um dieses sehnsüchtig nach einem Sieg gegen Deutschland gierende England aufhalten zu können. Löw – violetter Kapuzenpullover ohne DFB-Emblem und Sponsorenlogo, als sei er schon im Ruhestand – sprach tags darauf davon, wie sehr ihn diese Niederlage schmerze. Er sah erschöpft aus.

Seit drei Jahren schon haben sie nie mehr richtig zusammengefunden. Alle draußen im Land haben es gespürt. Drinnen in der Blase wollten sie es nicht wahrhaben. Löw nicht, Manager Oliver Bierhoff lange nicht, der ganze daniederliegende Deutsche Fußball-Bund nicht. Wie gelähmt ließen sie es laufen.

Dass Bierhoff am Mittwoch lediglich die beiden einzigen vorgeblich „mitreißenden Spiele“ seit 2018 erwähnte – ein 2:1 in letzter Minute gegen Schweden bei der WM und ein 4:2 gegen Portugal bei dieser EM – irritierte. Ebenso wie es verwunderte, dass der Manager bei der eigens eilig einberufenen einstündigen Pressekonferenz an der Seite des sichtlich angeschlagenen Löw kein einziges öffentliches Abschiedswort des Dankes für den langjährigen Weggefährten einfiel. Andersherum erwähnte auch Löw den Manager in seinen mehrfach formulierten Danksagungen an den Betreuerstab nicht ausdrücklich.

Dynamik sieht anders aus

Sie sind alle miteinander alt geworden, viele auch grau: Die Ärzte und Physiotherapeuten, die Pressesprecher, der Psychologe, der Athletiktrainer aus Amerika, der gemeinsam mit Löw 2004 anfing und in Deutschland blieb. Weiße graue Männer, gute Menschen, Experten auf ihren Gebieten zwar, aber auch Leute, die gemeinsam mit Löw und Bierhoff in der über anderthalb Jahrzehnte entwickelten Routine des Nationalmannschafts-Alltags kein Feuer mehr entfachen konnten. Es plätscherte freundlich dahin, und der Bundestrainer plätscherte mit. Bierhoff sieht gleichwohl keinen Grund, im Team hinter dem Team Änderungen voranzutreiben. Dynamik sieht anders aus als der DFB-Direktor am letzten gemeinsamen Arbeitstag mit Löw.

Noch ehe dieser am Vorabend sehr bald nach dem Schlusspfiff statt der Nähe zu den Spielern die Einsamkeit der Katakomben gesucht hatte, wurde er von Thomas Müller umarmt. Es gehört zur Unbill des Schicksals, dass der Mann die monumentale Chance zum Ausgleich vergab, den Löw ausdrücklich auch deshalb zurückgeholt hatte, um die Effizienz beim Torschuss zu maximieren.

Ausgerechnet Müller, der listige, lustige Lausbube, steht jetzt als eines der Leidbilder des Scheiterns. Das Turnier war am 31-Jährigen irgendwie vorbeigelaufen. Der Münchner hatte, wie die meisten seiner Spielkameraden, niemals richtig hineingefunden. Und dann dieser Schuss aus 14 oder 15 Metern, fast unbedrängt und allein vorm englischen Torwart Jordan Pickford, statt links unten ins Tor zu treffen direkt daneben gegen die Werbebande.

Noch in der Nacht, als er nicht in den Schlaf finden konnte, schickte der Fehlschütze ein Dokument des Frusts auf seinem Instagram-Kanal: Thomas Müller auf den Knien, beide Hände am Kopf, und dazu der Text: „Da war er, der Moment, wenn du es allein in der Hand hast, eine ganze Fußballnation in Ekstase zu versetzen. Diese Möglichkeit ungenutzt zu lassen, tut mir verdammt weh.“ Vor dem Abschied am Morgen danach im Herzogenauracher Quartier konnte Müller schon wieder witzeln. „Er hat mir gesagt, dass es nicht geschadet hätte, wenn er das Tor gemacht hätte“, berichtete Joachim Löw am Mittag in der Pressekonferenz. Seiner letzten als Bundestrainer. Sein Lächeln gefror.

Denn er wusste ja: Es wäre viel zu kurz gesprungen, das frühe Scheitern an einem einzigen Spieler, einer einzigen Chance festzumachen, wenngleich Müllers Versagen in dieser einen Situation symbolisch steht für das, was Löw eigentlich vorhatte und was daraus geworden ist. Das Erreichte hat schon geraume Zeit nicht mehr den Anforderungen an eine anspruchsvolle Fußballnation entsprochen.

In Wembley geriet das DFB-Team im achten Turnierspiel in Folge seit dem 0:2 beim EM-Halbfinal-Aus 2016 gegen Frankreich in Rückstand. Fünf dieser Spiele gingen verloren, nur zwei wurden gewonnen. Das ist dann kein Zufall mehr, sondern eine konkrete Entwicklung in eine Richtung, die ein zusehends müder wirkender Bundestrainer und eine seltsam uninspirierte Mannschaft nicht mehr aufhalten konnten. Löw – als stets fairer Sportsmann ein guter Botschafter des Landes – hielten nur die Meriten der Vergangenheit im Amt, nicht die Dokumente der Gegenwart.

Der Altersschnitt lässt sich kaum steigern

So bleibt seine drei Jahre zu spät beendete Ära zwar werthaltiger, aber am Ende wohl kaum nachhaltiger als die Episode unter dem Radikalreformer Jürgen Klinsmann. Wenn der scheidende Bundestrainer jetzt behauptet, seiner Mannschaft habe es an „Reife und Erfahrung gefehlt“, dann verkennt er die Realität. Die Wahrnehmungsstörung lässt sich durch Zahlen belegen: Zehn aktuelle oder ehemalige Champions-League-Sieger gehören dem Kader an, sieben Spieler sind um die 30 oder älter, nur ein Einziger (der 18-jährige Jamal Musial) ist in diesem Jahrtausend geboren. Der Altersschnitt der Startelf lässt sich von Löws Nachfolger Hansi Flick kaum steigern: 28,2 Jahre – das hört sich verdächtig nach Überreife an. Nicht nach fehlender Reife.

Wahr ist aber auch, dass gerade diejenigen Spieler neben sich standen, denen bei dieser EM der Durchbruch zu internationalen Topstars zugetraut worden waren. Leroy Sané, Timo Werner, Serge Gnabry und Antonio Rüdiger blieben nahezu unsichtbar, auch der überragende Premier-League-Meister mit Manchester City Ilkay Gündogan ist unter Löw nie der gewesen, der er unter Pep Guardiola war und wohl auch wieder sein wird.

Dem Bundestrainer ist es zum Ende hin nicht gelungen, seine Nationalspieler zu Höchstleistungen zu treiben. Im Sommer 2017, als er mit einer unverbrauchten Truppe den Confed-Cup gewann, schien er noch einmal in einen Jungbrunnen gefallen. Aber das blieb eine schöne Episode, mehr nicht. Er sagt, er habe „mit aller Hingabe“ gearbeitet. Und er erwähnt, dass er nach fast 200 Länderspielen in verantwortlicher Position die neue Freizeit für den Kopf genießen wird. Nach dem WM-Titel 2014 hatte Löw sich nahe an einer depressiven Verstimmung bewegt, auch die Corona-Zeit hatte ihn mitgenommen, er sprach verschreckt davon, die Welt habe „einen kollektiven Burn-out erlebt“.

Rückzugsgebiet Breisgau ausgiebig genutzt

Zum Abschied ließ der Freiburger Ehrenbürger erkennen, wie sehr ihn dieses öffentlich intensiv begutachtete Amt auch aufgezehrt habe. „Wenn man außen steht, kann man nicht erahnen, was es heißt, 15 Jahre lang in dieser Aufgabe zu sein. Man ist immer angespannt.“ Den Rucksack ist er jetzt los, der Rucksack hat ihn freilich auch berühmt und reich gemacht, aber er wog auch schwer: „Es gab Momente, in denen ich das nicht immer so toll fand. Ich bin froh, dass ich mich erst mal zurückziehen kann.“

Das Rückzugsgebiet Breisgau hat der 61-Jährige Zeit seiner Bundestrainerlaufbahn ausgiebig genutzt. Dem Aufschwung bis zum WM-Titel 2014 folgten falsche Abbiegungen in der Jugendarbeit, für die sich Löw nie wirklich interessierte. Jedenfalls nicht in dem Maße, als dass er deshalb zusätzlichen Arbeitseifer in die Ausbildung einer neuen Generation gesteckt hätte. Nachfolger Flick soll es richten. Der 56-Jährige durchdringt den deutschen Fußball mit seinen Chancen und Versäumnissen viel tiefer als sein Vorgänger. Von ihm wird ein ganzheitlicherer Ansatz erwartet.

Joachim Löw hat im Sommer 2021 eine Mannschaft gecoacht, die sich selbst und ihrem Trainer fremd geworden war und die wohl auch mit ihrem manchmal sonderbar entrückten Trainer fremdelte. Er sagt, es hätten Automatismen nicht gestimmt, wegen Corona und wegen Verletzungen. Aber das haben andere Nationaltrainer auch erlebt. Deutschland unter Löw war am Ende ein Team, dessen Summe der individuellen Qualität zu wenig Ertrag auf die Habenseite brachte. Es klebte zu wenig zusammen auf dem Platz, Mats Hummels, der erfahrene Verteidiger, wehrt sich gegen die medialen Mechanismen des Scheiterns: „Es war vieles besser, als es in den nächsten Tagen und Wochen geschrieben wird.“ Allein, der Beweis blieb aus.