Berlin - Die deutsche EM-Bilanz: Nur Jamal  Musiala und mit Abstrichen Robin Gosens und Kai Havertz haben sich in EM-Form präsentiert. Besonders Ilkay Gündogan und Serge Gnabry enttäuschten. Sechs Spieler kamen gar nicht zum Einsatz

Musterschüler

Kein Eintrag

Klassenkasper

Robin Gosens: Brachte mit kessen Sprüchen, flotten Läufen über links und einem astreinen Kopfballtor gegen Portugal Stimmung in die Bude. Braucht aber Raum zum langen Anlauf, den er am Ende nicht mehr hatte. Perspektive: Muss bei der unter Hansi Flick erwarteten Umstellung auf Viererkette um den gerade erst erkämpften Stammplatz bangen.

Thomas Müller: Im Kopf noch immer der Schnellste, auf den Beinen nicht mehr. Auch im dritten EM-Finalturnier kein Tor trotz Riesenchance gegen England. Perspektive: Bald 32 Jahre alt schon, aber hochgeschätzt von Hansi Flick, könnte wohl bleiben, wenn er will.

Klasse übersprungen

Jamal Musiala: Früh eingeschult, hat seine Hochbegabung in (zu) wenigen Spielminuten bestätigt. Schafft sich mit einer Drehung Räume, die es vorher gar nicht gab. Rettete die Mannschaft mit seiner Vorlage vorm Aus in der Vorrunde. Perspektive: Flick wird ihn fördern, denn der 18-Jährige kann Sachen, die sonst niemand kann.

Zweite Reihe

Kai Havertz: Galt vor dem Turnier noch nicht als die Stammkraft, als die er aus der EM herausgeht. Stärkster Deutscher im Wembley-Stadion, klasse Durchsteckpässe auf Werner und Müller, die zu Toren hätten führen müssen. Besetzte die Leerstelle des klassischen Mittelstürmers noch am besten. Perspektive: feste Größe in der Offensive.

Mats Hummels: Startete per Eigentor unglücklich ins Turnier. Stabilisierte sich trotz anhaltender Kniebeschwerden, Tempodefizite offenkundig, Kopfballstärke aber ebenfalls. Schaffte es aber nie, als Abwehrchef im Verbund die Dreierkette dichtzukriegen. Perspektive: Bald 33, kann sich WM 2022 und EM 2024 dennoch vorstellen, aber kann Hansi Flick das auch?

Leon Goretzka: Kam mit den Folgen eines Muskelfaserrisses verspätet an, verpasste ein Spiel ganz, wurde zweimal eingewechselt und schoss sein Team mit dem 2:2 gegen Ungarn ins Achtelfinale. Fand für die politischen Themen dieser EM die richtigen Worte und die richtigen Gesten. Perspektive: Führungskraft neben Kimmich.

Manuel Neuer: Wie 2018 ein Turnier, das nicht seines war. Konnte sich kaum einmal auszeichnen, außer mit seiner Regenbogenbinde. Nicht immer so präzise wie gewohnt bei Abschlägen, beim Gegentor zum 1:2 gegen Ungarn zu spät zur Stelle. Sieben Gegentore in vier Spielen, sechs unhaltbar. Perspektive: Der alte Bundestrainer war Neuer-Fan, der neue ist es auch.

Joshua Kimmich: Überragendes Spiel gegen Portugal, dreimal so lala gegen Frankreich, Ungarn und England. Rechts vor der Dreierkette zu wenig im Geschehen, die Position wurde seiner Präsenz und seinem Können nicht gerecht. Einmal gegen Frankreich und zweimal gegen England wurden Tore auf seiner Seite vorbereitet. Perspektive: zentraler Führungsspieler, unbedingt!

Hinterbänkler

Toni Kroos: Hat bewiesen, dass er grätschen und kämpfen kann. Hat aber dem deutschen Spiel zu selten Tiefe und zu wenige Überraschungsmomente schenken können. Zu vorhersehbar in seinen Aktionen nach vorn, zu selten mal mit Abschlüssen. Perspektive: Nicht unwahrscheinlich, dass er von sich aus den Rückzug antritt, um Kimmich und Goretzka Platz zu machen. Wäre eine kluge Entscheidung.

Matthias Ginter: Startete gut in die EM, zünftig im Zweikampf, stabil im Aufbau. Als davon gegen Ungarn mehr gefragt war, öfter mal überfordert. Perspektive: In künftiger Viererkette rechts sieht er sich selbst nicht. Zentral wird es eng, falls Hummels bleibt. Aber Ginter bleibt ein zuverlässiger Kaderkandidat.

Antonio Rüdiger: Diese EM sollte nach klasse Rückrunde beim FC Chelsea in seiner Lieblingsrolle links in der Dreierkette seine werden. Wurde sie nicht. Fand kein Gefühl für Raum und Zeit, viel weniger auffällig als erhofft im Spiel nach vorn, mehrfach unkonzentriert in der Deckungsarbeit. Perspektive: Rüdiger war Löws Lieblingsverteidiger. Diesen Status muss er sich bei Flick erst erarbeiten.

Sitzenbleiber

Ilkay Gündogan: Hat er einen Doppelgänger, der bei Manchester City spielt? Fand nicht zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit Toni Kroos. War defensiv zu sehr gebunden, um seine filigranen Stärken Richtung gegnerisches Tor zu zeigen. Zog sich im Luftduell gegen Ungarn eine Schädelprellung zu. Perspektive: Soll angeblich über einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nachdenken. Wäre aber gut genug, um vielleicht doch noch die Kurve zu kriegen.

Serge Gnabry: Was war das denn? Drei Spiele lang praktisch unsichtbar, kaum Abschlüsse, kein Tor. Im Achtelfinale anstelle von Timo Werner dann nicht in der Startelf. Nachdem er eingewechselt wurde, ein Fremdkörper. Verlor ohne jede Körperspannung einen Ball vorm englischen Tor zum 2:0. Sah saft- und kraft- und freudlos aus. Perspektive: Flick kennt den Stürmer gut und baut auf ihn, aber Gnabry wird anders auftreten müssen.

Leroy Sané: Musste mehr öffentliche Schelte einstecken, als er verdient hatte. Besonders nach dem 2:2 gegen Ungarn, als der Linksfuß in der zweiten Halbzeit auf der rechten Seite ziemlich alleingelassen wurde. Sah aus, als setze der Druck ihm zu. Perspektive: Ist von Flick schon mehrfach gerügt worden, wird aber seine Chance bekommen. Bleibt ein Versprechen. Muss es nur einlösen.

Timo Werner: Nach komplizierter Saison schon nicht voller Selbstvertrauen angereist. Stümperte nach Einwechslung gegen Frankreich. Gegen Ungarn am Ausgleich beteiligt. Gegen England unverhofft von Beginn an auf dem Platz, vergab eine große Chance. Perspektive: Mit seinem Tempo, wieder mehr Selbstvertrauen und zusätzlicher Erfahrung in der Premier League längst nicht abgeschrieben.

Zu viele Fehlstunden

Kevin Volland: Hatte in Monaco mit einer Nominierung nicht mehr gerechnet. Durfte dann zweimal als Einwechselspieler mitmachen. Einmal gegen Frankreich als linker Offensivverteidiger falsch positioniert, einmal gegen Ungarn mittendrin im Getümmel. Perspektive: Wird nie einer werden, der das Mittelstürmerproblem lösen kann, aber ist kein schlechter Angreifer. Und doch keine große Hilfe, um zurück auf Weltniveau zu gelangen.

Emre Can: Dreimal eingewechselt. Zweimal, damit Hummels dann im erfolglosen Endspurt gegen Frankreich und England als Brechstange nach vorn gehen konnte, einmal, als Hummels das Knie zwickte. Can schwankte zwischen solider Aufräumarbeit und fahrigen Dribblings in eigener Strafraumnähe. Perspektive: Wird auch unter Flick keinen festen Platz bekommen.

Niklas Süle: Als Joachim Löw vor dem Turnier über den zuvor länger verletzten Süle sprach, klang das, als müsse der Verteidiger noch viel Turnunterricht nehmen, um ein paar Speckrollen abzutrainieren. Einmal durfte der Verteidiger im Spiel gegen Portugal kurz ran. Perspektive: In künftiger Viererkette ein Kandidat neben Rüdiger.

Marcel Halstenberg: Spielte gegen Portugal die letzte halbe Stunde für den zuvor gefeierten Gosens. Fiel dabei deutlich ab. Perspektive: Könnte in einer Viererkette hinten links Gosens' Platz angreifen, weil er defensive Stärken hat. Ist aber keine Ideallösung.

Ausgesperrt

Robin Koch: Bei Leeds United mit durchwachsener Saison nach langer Verletzung. Im DFB-Team hinter Hummels, Ginter, Rüdiger und Süle in der Hierarchie der Innenverteidiger. Kann auch defensives Mittelfeld. Perspektive: Ist jung, 24, und gut genug, um weiter dazuzugehören.

Christian Günter: Überraschend nominiert, aber ohne EM-Einsatz. Musste zweimal sogar auf die Tribüne. Perspektive: Die landsmannschaftliche Verbundenheit zu Jogi Löw hat dem Freiburger vielleicht geholfen. Die fällt jetzt weg.

Jonas Hofmann: Wie Günter zweimal nicht im Spieltagskader, obwohl einsatzfähig, zudem anfangs am Knie verletzt. Hatte gehofft, dass er Kimmichs Position rechts im Mittelfeld bekommt. Löw entschied anders. Perspektive: Ist 28 und wird kein Stammspieler mehr.

Florian Neuhaus: Nach von Tor gekrönter guter Leistung im Vorbereitungsspiel gegen Dänemark hochgelobt. Durfte seinen Spiel- und Tordrang keine EM-Minute präsentieren. Hätte dem lahmenden Spiel vielleicht gutgetan. Perspektive: Ist jung und dynamisch genug, um sich in der Hierarchie nach vorn zu dribbeln.

Kevin Trapp: Wollte ständiger zweiter Torwart werden. Ist ihm nicht gelungen. Hat sich mit der Situation gut abgefunden. Perspektive: Wenn André ter Stegen zurückkehrt, könnte es eng werden mit regelmäßigen Nominierungen.

Bernd Leno: Knapp vor Trapp in der Torhüter-Hierarchie. Perspektive: hinter Neuer und einem gesunden ter Stegen ohne Stammplatzchance.

Fehlte entschuldigt

Lukas Klostermann: Schwaches Testspiel gegen Dänemark, zu wenig Mut nach vorn, dann im Training verletzt. Wäre auch gesund nicht zum Einsatz auf der rechten Seite gekommen. Perspektive: Für Viererkette rechts gibt es wenige Alternativen. Aber Ridle Baku könnte an Klostermann vorbeiziehen.