Berlin/Rom - Sechs Tore in den letzten fünf Ligaspielen der vergangenen Saison hat Burak Yilmaz für den Olympique Sporting Club, kurz OSC, Lille erzielt und damit letztlich das Titelrennen in der Ligue 1 entschieden. Sechs Tore, mit denen der wuchtige Angreifer dem Überraschungsteam aus dem Norden der Grande Nation die Meisterschaft sicherte und das favorisierte Starensemble von Paris St. Germain zu einem Team der Verlierer machte. Sechs mitunter spektakuläre Tore waren das, mit denen der 35 Jahre alte Türke den Nachweis erbrachte, dass er auf Worte auch Taten folgen lassen kann. Yilmaz, der erst im Sommer 2020 von Besiktas Istanbul nach Lille gewechselt war, sagt: „Ich lebe den Willen vor, ich gehe voran.“

Das macht er auch in der türkischen Nationalmannschaft, die am Freitagabend in Rom gegen Italien das Eröffnungsspiel der EM 2021 bestreiten wird (21 Uhr/ARD). Als Kapitän, als derjenige, der maßgeblichen Anteil daran hat, dass die Türken infolge einer überzeugenden Qualifikationsrunde (mit einem Sieg und einen Remis gegen Frankreich), aber auch infolge von überzeugenden Aufritten bei den im Frühjahr ausgetragenen WM-Qualifikationsspielen wieder ein bisschen ins Träumen gekommen sind. Dass dieses Mal vielleicht sogar ein bisschen mehr drin ist als bei der EM 2008, als man erst im Halbfinale an der Auswahl des DFB scheiterte. Und für all diejenigen, die in den kommenden Tagen mit EURO-Fachwissen glänzen wollen, sei dies hier noch kurz erwähnt: Das entscheidende Tor zum 3:2 erzielte in der Nachspielzeit Philipp Lahm.

Sollten wir über Trainer Senol Günes sprechen, könnte ich zwei Tage ununterbrochen reden.

Burak Yilmaz

Yilmaz, in Antalya geboren, jedenfalls ist überzeugt, dass er mit der Milli Takim Großes erreichen kann. Respekt habe man vor den Gruppengegnern, das schon, aber keine Angst. Er sagt: „Wir haben die gleichen Chancen wie Italien, die Schweiz und Wales. Niemand ist schwächer oder stärker als wir.“

In mehreren Interviews schwärmte er von der Klasse seiner Mitspieler, die zum Teil bei europäischen Spitzenklubs unter Vertrag stehen, von der Stimmung im Team, vor allen Dingen aber von Nationaltrainer Senol Günes: „Sein Einfluss ist natürlich sehr groß. Sollten wir über Senol Günes sprechen, könnte ich zwei Tage ununterbrochen reden.“ Kein Wunder, kam Yilmaz doch als Spieler von Trabzonspor unter Günes in den Jahren 2010 bis 2012 auf seine bis dato beste Trefferquote (55 Tore in 75 Spielen). Ja, sogar für die türkischen Medien hatte Yilmaz zuletzt sogar ein Lob parat, in einer ungewohnten Unaufgeregtheit würden die sonst so unbarmherzigen Reporter seit geraumer Zeit über die Nationalelf berichten, erklärte er, forderte sie aber zugleich im Spaß noch einmal auf, im Hinblick auf die EM den Druck zu erhöhen, denn: „Druck tut mir immer gut.“

Nur den nächsten fetten Vertrag im Sinn

Nun ist es allerdings so, dass Yilmaz mit Druck nicht immer gut umzugehen wusste, seine Karriere in der Nationalmannschaft folglich mindestens genauso wechselvoll ist wie die im Klubfußball. 2006 trug er erstmals im Seniorenbereich die Farben seines Landes, war immer ein großes Versprechen, aber nicht immer erste Wahl. Wenngleich er mit 29 Treffern in 67 Länderspielen natürlich hinter Hakan Sükür (51 Treffer in 112 Länderspielen) zweiterfolgreichster Angreifer in der Geschichte der türkischen Nationalmannschaft ist.

Jahrelang musste sich Yilmaz den Vorwurf gefallen lassen, dass er nicht das Talent habe, um sein Talent auszuschöpfen. Er achte viel zu viel auf seine Äußerlichkeiten, vertrage keine Kritik, habe nur das gute Leben und den nächsten fetten Vertrag im Sinn. Er sei ein Fußballsöldner, der beim Torjubel mal dieses, mal jenes Vereinsemblem küsse. Und tatsächlich ist er neben Sergen Yalcin der einzige Profi, der für alle türkischen Großklubs, also für Besiktas, Fenerbahce, Galatasaray und Trabzonspor, gespielt hat. Zudem verdiente er sich zwischenzeitlich auch mal in China beim Beijing Guoan Football Club ein goldenes Fußballfüßchen. Sein Lieblingsklub ist letztlich aber wohl Besiktas, auch weil sein Vater Fikret dort als Torwart aktiv war.

Ungeniert hat er erst neulich gegenüber der L’Equipe Folgendes zum Besten gegeben: „Ich hatte immer wieder Angebote von großen europäischen Klubs, doch ich hatte in der Türkei immer gute Verträge.“ Und: „Ich habe grundsätzlich Glück und eine schöne Karriere gehabt, aber neben dem Guten auch das Schlechte erlebt. Ich wurde weggeschickt, verliehen, verkauft und Torschützenkönig. Ich habe im Fußball eben alles erlebt.“

Alles? Das war dann doch wohl etwas übertrieben.