Berlin/Kopenhagen - Es gibt in der vom Streamingdienst Amazon Prime produzierten und im Herbst vergangenen Jahres ausgestrahlten Dokumentationsserie „All or Nothing: Tottenham Hotspur“ eine sehr eindrucksvolle Szene mit dem dänischen Fußballprofi und Nationalspieler Christian Eriksen. In einem Büro des Trainers auf dem Trainingsgelände des englischen Premier-League-Klubs ist der Mittelfeldspieler mit Geschäftsführer Daniel Levy und Trainer José Mourinho zusammengekommen. Es geht um die sportliche Zukunft von Eriksen, der im Sommer 2013 von Ajax Amsterdam zu den Spurs gewechselt war, an der White Hart Lane zum Publikumsliebling avancierte. Seine Rechnung lautet: 51 Tore in 226 Spielen – ist gleich Klublegende.

Levy führt an diesem Spätherbsttag des Jahres 2019 das Wort, redet von finanziellen Zwängen, von einem Angebot, das Inter Mailand für Eriksen eingebracht habe, und gibt vor, dass man Eriksen eigentlich nicht ziehen lassen wolle. Zu viele Verletzte, eher durchwachsene Ergebnisse und so fort. Mourinho, der erst kurz zuvor als Nachfolger für den Eriksen-Förderer Mauricio Pochettino verpflichtet worden war, schweigt erst mal.

Eriksen achtet auf jedes Wort von Levy, nimmt das alles gefasst zur Kenntnis. Er will zu Inter wechseln, in die Serie A, wenn nicht jetzt, dann spätestens im Sommer 2020, wenn sein Vertrag bei den Spurs ausläuft. Er will Mourinho entkommen, der nicht allzu viel von ihm hält, ihn nicht spielen lässt, auf andere setzt. Eriksen will Fußball spielen.

Mourinho lobt schließlich die Professionalität von Eriksen, lobt, dass sich Eriksen im Training nicht gehen lässt. Für 20 Millionen Pfund (umgerechnet etwa 23 Millionen Euro) könne er wechseln, sagt Levy schließlich, was weit unter dem Marktwert für so einen Klassefußballer liegen würde, noch ein Jahr zuvor wurde dieser für Eriksen auf 90 Millionen Euro taxiert.

Eriksen für 27 Millionen Euro an Inter Mailand verkauft

Irgendwie wirkt diese Szene beklemmend, vielleicht weil sie tatsächlich so echt ist. Und weil sie so ernst ist. Ein Geschäftsführer, der letztlich nur noch die Zahlen im Sinn hat. Ein Trainer, der eine Entscheidung getroffen hat, aber zumindest vor laufender Kamera nicht wie ein Ekel wirken will. Ein Spieler, der unglücklich ist in einem Klub, mit dem er sich grundsätzlich eng verbunden fühlt. Und siehe da: Am 20. Januar 2020 wechselt Eriksen tatsächlich zu Inter, für 27 Millionen Euro, wenngleich er auch dort nicht so richtig glücklich werden soll. Inter feiert in der Saison 2020/21 zwar seinen 19. Meistertitel, Eriksen steht dabei aber nur 17-mal in der Anfangsformation, gilt zwischenzeitlich schon als Fehleinkauf.

Diese Szene aus „All or Nothing“  ist dem Autor dieser Zeilen am Sonnabendabend in den Sinn gekommen, als Eriksen beim ersten Auftritt der dänischen Nationalmannschaft bei der EM 2021 wenige Minuten vor der Halbzeit in der Nähe einer Eckfahne ohne Fremdeinwirkung kollabierte, nach einem Sturz regungslos bäuchlings auf dem Rasen lag. Seine Mitspieler eilten herbei, allen voran Kapitän Simon Kjaer, mit dem Eriksen eine tiefe Freundschaft verbindet. Kjaer brachte Eriksen geistesgegenwärtig in eine stabile Seitenlage, während die anderen Mannschaftsarzt Morten Boesen mit Gesten und Schreien zur Hilfe riefen. Das war kurz vor 19 Uhr.

„All or Nothing – Alles oder Nichts“. Der nächste Spiel, der nächste Titel, es gibt Wichtigeres im Leben, was banal klingt, aber zutreffend ist, wie einen das Leben immer wieder lehrt – und das eben manchmal auf drastische Art und Weise.

Und draußen weint seine Lebensgefährtin

Eriksen, der zum 109. Mal das Nationaltrikot trug, rang offenbar mit dem Tod, wie Boesen am späten Abend in einer Pressekonferenz bestätigte, der Mediziner sagte: „Er lag auf der Seite, atmete und hatte auch Puls. Aber plötzlich änderte sich das, und wir haben mit der Herzmassage begonnen.“

Die Dänen hatten da schon flugs einen Kreis um den Unfallort gebildet, damit die Kameras das Drama nicht einfangen konnten. Intuitiv. Das ist einer von uns und nicht der Moment für eine Nahaufnahme, sollte dies bedeuten. Was schon allein ganz viel über das Leben der Fußballprofis im Jahr 2021 aussagt. Die dänischen Nationalspieler hielten sich an den Händen, beteten. Minutenlang ging das so. Schweigen im Parken Stadion zu Kopenhagen, bei den Fans, bei den finnischen Gegnern, während Eriksens Leben in den Händen der behandelnden Ärzte lag. Die Fußball-Welt stand still. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) meldete: Spiel unterbrochen. Eriksen wurde schließlich hinter einem Sichtschutz auf einer Trage in die Katakomben getragen.

Draußen weinte seine Lebensgefährtin Sabrina Kvist Jensen, mit der Eriksen seit 2012 liiert ist und zwei Kinder hat. Sie war von der Tribüne aus Richtung Rasen gestürmt, dabei aber zunächst von einem Ordner aufgehalten worden. Und wieder trat Kjaer, der Profi vom AC Mailand, in Erscheinung. Als derjenige, der den Ordner anwies, Sabrina Kvist Jensen durchzulassen. Der Sabrina Kvist Jensen zu beruhigen versuchte, sie in den Arm nahm. Dänemarks Nationaltrainer Kasper Hjulmand lieferte am späten Abend eine Erklärung: „Sie spielen in Mailand für zwei rivalisierende Vereine. Aber Simon und Christian sind wirklich sehr, sehr enge Freunde. Ihre Leben, die ihrer Familien, sind ineinander verschränkt.“

Was ab 19 Uhr in den Katakomben passierte, war nicht klar. Und das ist auch gut so. Die dänischen Fans skandierten derweil leise „Eriksen. Eriksen. Eriksen“, die finnischen „Christian. Christian. Christian.“ Was war das doch für eine bewegender, schauriger Moment. Was nun?

Das ZDF schaltete flugs zum „heute-journal“, griff in der Not auf irgendeine Folge des „Bergdoktors“ zurück. Feiger kann man einer derartigen Situation nicht begegnen. Einfach wegducken, einfach ausblenden, die Flucht ins Seichte.

Die Macher von Magenta TV waren da zunächst nicht viel einfallsreicher, zeigten die wichtigsten deutschen Tore in der Geschichte der Welt- und Europameisterschaften, bevor sie sich zu einer Art Sendepause mit Stadiontotale entschlossen und die Zuschauer bei Gelegenheit mit einer Stimme aus dem Off über den Gesundheitszustand von Eriksen beziehungsweise über einen mögliche Fortgang des Abends informierten.

Nicht, dass das falsch verstanden wird, es geht hier nicht um die nächste Nahaufnahme, nicht um das nächste Gerücht, nein, es geht um angemessene Kommentare, um eine Auseinandersetzung mit dem Geschehen. Das muss Fernsehen leisten, ist aber offensichtlich nicht mehr in der Lage dazu.

Im Internet kursierten über die Online-Medien derweil die ersten Videoschnipsel von den Geschehnissen im mit 16.000 Zuschauern gefüllten Stadion. Fotos wurden in die Welt gebracht, die wohl besser nie gemacht worden wären. Wobei in so einem Moment freilich nur schwer die Grenze hin zur ungebührlichen Lust am Betrachten auszumachen ist. Fakt ist allerdings, dass auch die Kameras der von der Uefa beauftragten Produktionsfirma zu spät auf Distanz gegangen sind.

Der Schrecken wich erst, als bekannt wurde, dass Eriksen bei Bewusstsein sei, dass er sich zu weiteren Untersuchungen im Kopenhagener Reichskrankenhaus befinde. Gott sei Dank. Welche Erleichterung. Welch Glück, vor allen Dingen für die Familie und für die Freunde von Eriksen, aber auch für den Fußball und diese Europameisterschaft, die den von der Pandemie geplagten Menschen ein bisschen Freude bringen sollte.

Wir haben Kontakt mit ihm gehabt, und die Spieler haben auch mit Christian gesprochen. Das ist die erfreuliche Nachricht. Es geht ihm zum Glück gut, und die Spieler spielen die Begegnung für Christian.

DBU-Direktor Peter Möller

In der Zwischenzeit, so wurde es zumindest von der Uefa vermeldet, hatten sich die beiden Mannschaften in einer Krisensitzung darauf verständigt, dass das Spiel um 20.30 Uhr fortgesetzt wird. Ja, beide Mannschaften wären bei der Uefa sogar mit dem Wunsch vorstellig geworden, dass dieser Abend doch noch ein Fußballabend wird, hieß es. Letztendlich wurde sogar publik, dass Eriksen seine Teamkollegen via Telefonat zum Weiterspielen aufgefordert hatte.

„Wir haben Kontakt mit ihm gehabt, und die Spieler haben auch mit Christian gesprochen. Das ist die erfreuliche Nachricht. Es geht ihm zum Glück gut, und die Spieler spielen die Begegnung für Christian“, berichtete der Fußball-Direktor des dänischen Verbandes DBU, Peter Möller. Für die Spieler sei es „wichtig gewesen“ zu wissen, dass es Eriksen gut geht, so Möller weiter.

Insofern gibt es keine zwei Meinungen, ob es richtig war, dass diese Partie wieder angepfiffen wurde. Insofern ist es auch unangebracht, der Uefa eine Bösartigkeit zu unterstellen. Die Verantwortlichen des Kontinentalverbandes hatten den beiden Mannschaften die Entscheidung überlassen, als Alternative für die Wiederaufnahme des Spiels einen anderen Termin eingebracht, Sonntag, 12 Uhr. „Die Spieler waren sich sicher, heute nicht mehr schlafen zu können. Morgen zu spielen, hätte die Situation noch schwerer gemacht. So haben sie beschlossen, es hinter sich zu bringen“, so Hjulmand im Nachgang.

Wenn man ein Tor schießt, ist immer der erste Reflex zu jubeln. Mir war aber schnell klar, dass das heute nicht angebracht ist.

Joel Pohjanpalo

Gegen 20.20 Uhr, nachdem die Greenkeeper ihren Job erledigt und die Rasensprenger wieder unter dem Grün versenkt hatte, führte Kjaer die Dänen mit Tränen in den Augen wieder aufs Feld. Er wollte weiterhin stark sein, den Auftrag des Freundes erfüllen. Und doch war das alles zu viel für den 32-Jährigen. In der 63. Minute bat er Hjulmand darum, ausgewechselt zu werden.

Die Dänen und Finnen spielten unter schwerer Last also ein Spiel zu Ende, bei dem es nicht mehr um Sieg, Unentschieden oder Niederlage ging. Sie spielten für Christian Eriksen, für ihren Kollegen, für ihren Kumpel, für einen Profi, dem man nach einem Abend, an dem es tatsächlich für ihn um „Alles oder Nichts“ ging, nur Folgendes wünschen kann: gute Besserung und ein baldiges Comeback im Fußball. Dahingehend macht eine vom dänischen Fußballverband in die Welt gebrachte Depesche Hoffnung, via Twitter meldete er Folgendes: „Wir haben heute Morgen mit Christian Eriksen gesprochen, der seine Teamkameraden grüßen lässt. Sein Zustand ist stabil, und er wird für weitere Untersuchungen im Krankenhaus bleiben.“

Übrigens, letztendlich aber auch egal: Die Finnen siegten durch einen Treffer von Joel Pohjanpalo 1:0. Der ehemalige Profi des 1. FC Union setzte dabei zunächst zum Jubel an, verzichtete dann doch auf entsprechende Gesten. Sichtlich bewegt erklärte der Torschütze: „Wenn man ein Tor schießt, ist immer der erste Reflex zu jubeln. Mir war aber schnell klar, dass das heute nicht angebracht ist. Die beste Nachricht des Tages ist, dass es ihm gut geht. Das ist das Einzige, das mir etwas bedeutet. Ich hatte eine Frau auf der Tribüne und ein Kind zu Hause, also … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“