München - Die Bezeichnungen hatte das hiesige Fußballvokabular längst vermeintlich unwiderruflich in die unterste Schublade gesteckt, aus der es jetzt von einer Staubschicht befreit hervorgeholt werden muss: „Flügelzange“ und „Flankengötter“. Gab es früher mal, als Siggi Held und Stan Libuda, Erwin Kremers und Rüdiger Abramzcik noch für Deutschland stürmten und Uwe Seeler, Gerd Müller und Klaus Fischer in der Mitte die Dinger reinmachten. Sind alle miteinander ausgestorben im modernen Fußball. Dachte man. Jetzt ist sie wieder da, die Flügelzange. Auferstanden von den Untoten genau wie die deutsche Mannschaft. Es kneifen anlässlich der EM 2021 dort, wo es am meisten wehtut: die Flankengötter Robin Gosens und Joshua Kimmich. Einer von links und einer von rechts.

Zentrale Randfiguren, die Tore machen wollen

Was sie von ihren Vorgängern unterscheidet: Es reicht ihnen nicht, die Außenlinie entlangzuhetzen. Sie drängen auch nach innen. Zentrale Randfiguren, die selber Tore machen wollen. Beim 4:2 (2:1) am Sonnabend gegen Portugal sind die beiden zu Deutschlands Überzahlspielern geworden, herbeigerannt aus der Tiefe ihrer Räume, und haben das Land verzaubert. Ein bisschen jedenfalls.

Robin Gosens, bald 27 Jahre alt, paart seinen Sturm und Drang auf dem Platz mit einer wunderbar unverstellten Schnodderschnauze. Er macht Sachen, die ein hochgezüchteter Fußballspieler so nie machen würde, er sagt Dinge, die ein abgeschliffener Medienprofi so nie sagen würde. „Mehr als einer“ sei ihm „abgegangen“, als sein Kopfball zum 4:1 ins Netz einschlug, so eine klasse „Hütte“, noch dazu bei einer Europameisterschaft für Deutschland, das sei natürlich „next level“ und sowas von „magisch“. Die Leute lieben den Burschen vom Niederrhein jetzt doppelt. Weil er so unverbraucht kickt und genauso unverbraucht spricht.

Anders als Counterpart Joshua Kimmich ist er nicht durch die Schleifmühlen der Nachwuchsförderung gegangen. Die Sozialisierung eines Quereinsteigers auf höchstem Niveau ist eine andere. Ja, was seine Karriere anginge, die erst mit 23 richtig Fahrt aufnahm, fühle er sich schon als Exot, so Robin Gosens, „aber in der Mannschaft überhaupt nicht. Die sind alle total lieb zu mir. Da bin ich voll anerkannt“. Was er mit Kimmich gemein hat: Beide denken über ihre individuelle Leistung weit hinaus: „Ich will mit meiner Emotionalität ein paar Jungs mitziehen.“ Genauso handelt und spricht auch Kimmich, der zudem die Autorität eines vielfach gestählten Champions-League-Siegers mit einbringen kann.

Gegen die defensiv überforderten Portugiesen waren Gosens und Kimmich die Schlüsselspieler, die im Grunde auf Höhe der drei Stürmer Kai Havertz, Thomas Müller und Serge Gnabry in vorderster Ebene unterwegs waren und die gegnerische Viererkette somit in ständige Unterzahl brachten. Ein taktischer Geniestreich eines zuvor vielkritisierten Bundestrainers, der von der Flügelzange optimal umgesetzt wurde. Vor dem 1:1 (Eigentor von Ruben Dias) flankte Kimmich den Ball mit seinem erstaunlich starken linken Fuß von rechts präzise quer rüber nach links, von wo ihn Gosens per Direktabnahme hart und flach in die Mitte passte. Vor dem 2:1 legten Gosens, Müller und Havertz vor, Kimmich war weit eingerückt und drängte Raphael Guerreiro zum Eigentor. Vor dem 3:1 durch Havertz spielte erst Kimmich Doppelpass mit Müller, ehe Gosens dessen Pass in die Mitte auf den Torschützen bugsierte. Das 4:1 legte Kimmich mit einer zart geschlenzten Flanke vor, Gosens kam reingerauscht und vollendete per Kopf. Gerade noch rechtzeitig, ehe er mit schmerzenden Lenden ausgewechselt werden musste. Seine Eigendiagnose mitsamt Therapieansatz: „Da zwickt ein Nerv im Rücken, hat mich aber nicht davon abgehalten, die Hütte zu machen.“

Gosens wurde gekürt zum „Man of the Match“

Die Erfolgsspur könnte gerade breiter nicht sein. Bei Atalanta Bergamo hat Gosens unverhofft Karriere gemacht. In der schlimmsten Coronazeit meldete er sich tapfer und zuverlässig aus dem Krisengebiet im deutschen Fernsehen, nebenbei studiert er Psychologie, seinen Lernstoff hat er auch bei der EM dabei. Eltern, Schwester und Verlobte sind sehr stolz auf ihn, berichtet er mit einem Lächeln, so breit wie ein Fußballfeld. Und diesen Pokal, den er als „Man of the Match“, gekürt von der Uefa, zum Interview dabei hat, „der ist gigantisch“. Nicht ein Wort klingt abgehangen. Da freut sich einer wie verrückt über „einen der Abende, die ich nie in meinem Leben vergessen werde“.

Auch für Joshua Kimmich war es mehr als bloß Routinearbeit unter dem immensen Hochdruck nach der Auftaktniederlage gegen Frankreich. Natürlich hätte er lieber zentral gespielt als dort draußen rechts, wo er sich gegen die Franzosen mitunter „abseits“ und „auftragslos“ gefühlt hatte. Gegen Portugal war Kimmich zwar am Rand und doch mittendrin dabei. Die Debatte um seine Position habe er „gar nicht mitbekommen“, wollte er hinterher Glauben machen. Grundsätzlich erwarte er „auch von jedem anderen, dass er alles für den Teamerfolg in die Waagschale legt“. Er selbst taugt auf ungeliebter Position als veritables Vorbild.

Nach dem Sieg, als Robin Gosens gerade dabei war, sein zehntes oder elftes Interview zu geben, hat Joshua Kimmich als letzter deutscher Spieler noch drüben bei Familie, Freunden und Fans die gemeinsame Freude genossen. Die Zeit ohne die Freundin und die beiden kleinen Kinder, einen Sohn und eine Tochter, habe wehgetan. „Aber ich hoffe, dass ich sie noch ein paar Wochen vermissen werde.“ Der Erfolg legt sich gerade wie ein weiches Pflaster über den Trennungsschmerz.