Seefeld - Prof. Dr. Tim Meyer ist der derzeit bekannteste Sportmediziner im Land. Der 54-Jährige hat das weltweit exportierte Hygienekonzept der Fußball-Bundesliga federführend entwickelt. Seit 20 Jahren gehört der Fachmann dem Ärzteteam des DFB-Teams an. In Zeiten der Pandemie ist der Internist als Ratgeber umso mehr gefragt. Meyer ist ärztlicher Direktor des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Uni Saarland und ein weltweit hochgeachteter Wissenschaftler auf seinem Gebiet. Er war früher selbst ein recht guter Fußballspieler und schaffte es in seiner Geburtsstadt bis in den Verbandsligakader des ASC Nienburg.

Herr Meyer, war diese Bundesligasaison die bislang anstrengendste für die Spieler überhaupt für Körper und Kopf?

Tim Meyer: Vermutlich war es tatsächlich physisch wie psychisch schwieriger, unter diesen unüblichen Bedingungen Fußball zu spielen: keine Zuschauer, ständige Covid-19-Tests, ständig auf der Hut sein in einer gedrängten Saison, die später anfing und wegen der bevorstehenden EM unbedingt zeitig beendet werden musste.

In der Nationalmannschaft sind etliche Spieler schon an Corona erkrankt gewesen. Helfen Ihnen die durchgemachten Erkrankungen, weil diese acht Spieler wohl kaum noch mal erkranken werden und auch wohl niemanden anstecken?

Grundsätzlich ja. Spieler, die an Corona erkrankt waren, sind weniger von Ansteckungen gefährdet. Es ist allerdings nicht egal, wann man erkrankt gewesen ist und wie stark die Symptome waren.

„Ich hätte gerne so viele Spieler wie möglich geimpft“

Nehmen wir Ilkay Gündogan, der Anfang vergangenen Oktober erkrankte und sich überhaupt nicht gut fühlte.

Ein solcher Spieler würde nach gängiger medizinischer Auffassung nicht mehr automatisch als immun gelten, weil seit der Ansteckung mehr als ein halbes Jahr vergangen ist. Noch herrscht Unsicherheit vor, weil wir noch nicht genug über eine Krankheit wissen, die es ja erst seit anderthalb Jahren gibt. Es kann durchaus sein, dass er noch immun ist, aber die derzeitigen Regularien legen verständlicherweise auf maximale Vorsicht Wert.

England-Profis dürfen nach Österreich einreisen

Bundestrainer Joachim Löw kann im EM-Trainingslager in Seefeld wie erhofft auf seine England-Legionäre um Ilkay Gündogan zurückgreifen, muss im weiteren Verlauf der Vorbereitung aber um die vier Topstars bangen. Nach einem Erlass des österreichischen Gesundheitsministers wurden die betroffenen Nationalspieler zumindest von der Quarantänepflicht in der Alpenrepublik entbunden. 

Das Trainingslager, hieß es zu dieser Ausnahmegenehmigung, sei „im absolut zwingenden Interesse der Republik Österreich“. „Ich bin sehr dankbar, dass die österreichischen Behörden flexibel und gut reagiert haben und die Profisportler ausgenommen haben“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Normalerweise müssten die Stars in Österreich für zehn Tage in Quarantäne, erst nach fünf Tagen könnten sie freigetestet werden.

„Aber in Deutschland wird es zum Problem“, betonte Bierhoff. Dort sind für Einreisende aus Virusvariantengebieten wie Großbritannien 14 Tage Quarantäne vorgeschrieben, ein Freitesten ist nicht möglich. „Das macht mir noch ein bisschen Kopfzerbrechen“, meinte Bierhoff.

Das Trainingslager, hieß es zu dieser Ausnahmegenehmigung, sei „im absolut zwingenden Interesse der Republik Österreich“. „Ich bin sehr dankbar, dass die österreichischen Behörden flexibel und gut reagiert haben und die Profisportler ausgenommen haben“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Normalerweise müssten die Stars in Österreich für zehn Tage in Quarantäne, erst nach fünf Tagen könnten sie freigetestet werden.

„Aber in Deutschland wird es zum Problem“, betonte Bierhoff. Dort sind für Einreisende aus Virusvariantengebieten wie Großbritannien 14 Tage Quarantäne vorgeschrieben, ein Freitesten ist nicht möglich. „Das macht mir noch ein bisschen Kopfzerbrechen“, meinte Bierhoff.

Die Impfpriorität gilt in Deutschland bald nicht mehr. Sollte die Mannschaft jetzt nicht schnell durchgeimpft werden, zumindest die erste Impfung?

Noch sind wir ja nicht ganz so weit. Die Impfpriorisierung ist nur in Bayern, Baden-Württemberg und Berlin bereits aufgehoben und dort meines Wissens auch nur in den Arztpraxen. Bundesweit ist das für den 7. Juni angekündigt. Aus der Sicht des betreuenden Arztes ist es völlig klar: Ich hätte gerne so viele Spieler wie möglich geimpft.

Aber?

Die verbleibende Priorisierung ist eben doch zu achten. Wir reden hier von Nationalspielern mit einer entsprechenden Verantwortung, die die Impfpriorisierung dort, wo sie gilt, nicht ignorieren sollten.

Sie akzeptieren das?

Ja. Es muss so laufen, wie es von der Politik vorgegeben wird. Darüber könnten wir lange debattieren, und man wird als Bürger auch nicht immer die Ansichten der Gesundheitspolitik teilen. Aber das sind gewählte Vertreter, die geben das vor. Das ist in Ordnung.

Wäre eine Impfung mit den Folgen für das Immunsystem jetzt zu nah an der Hochbelastung des EM-Turniers?

Bei den mRNA-Impfstoffen von Moderna und Biontech sind die Nebenwirkungen nach der ersten Impfung relativ überschaubar. Ich würde allerdings nicht mehr während des laufenden Turniers impfen. Aber in der Vorbereitung sehe ich kein prinzipielles Problem darin.

Eine Mannschaft braucht eine Gruppendynamik

Bei Länderspielen haben Sie sehr akkurat darauf geachtet, dass Spieler in kleine Gruppen aufgetrennt waren, um nach einer Erkrankung nicht die ganze Mannschaft in Quarantäne schicken zu müssen. Lässt sich das für ein ganzes Turnier so konsequent durchziehen?

Was mich zuversichtlich stimmt: Wir können sehr viel draußen organisieren, wenn es das Wetter erlaubt.

Sie sind ja optimistisch in diesem nasskalten Frühling …

… ansonsten müssen wir insbesondere in den ersten beiden Wochen schauen, dass wir konsequent und streng sind. Das Einhalten der Hygieneregeln ist da besonders wichtig. Denn insbesondere die Betreuer kommen ja nicht aus einem so kontrollierten Umfeld wie die Spieler. Wenn wir dann 14 Tage in dieser Bubble gewesen sind und nichts ist passiert, können wir einen angemessenen Kompromiss finden aus Strenge und etwas mehr Lockerheit, zumal gute Aussichten bestehen, dass die Pandemie um uns herum auch abebbt.

Was sind die psychologischen Auswirkungen für die Gruppe?

Sie sprechen es an. Eine Mannschaft braucht in so einem Turnier eine Gruppendynamik, sonst lässt die EM sich nicht erfolgreich bestreiten. So eine Gruppendynamik entsteht ja nicht, wenn wir in 26 Zimmern 26 separat sitzende Menschen haben. Das Miteinander ist eine absolute Notwendigkeit über sechs Wochen hinweg. Wir wollen ja nicht, dass nach drei Wochen alle nur noch genervt sind und sich streiten (lacht).

Konkretes Beispiel: Vor den Länderspielen im März wurde Jonas Hofmann positiv getestet. Weil er mit Marcel Halstenberg Backgammon gespielt hatte, musste auch Halstenberg sich sofort in Quarantäne begeben. Wird also Backgammon in den ersten zwei Wochen des Zusammenseins nicht stattfinden dürfen?

Idealerweise sicher nicht. Das setzt natürlich voraus, dass man das überhaupt mitbekommt.

Was würden Sie tun, einen strengen Rüffel erteilen?

Wenn ich in Innenräumen darauf zugehen würde, würde ich sagen: Halloooo, was macht Ihr da? Draußen an der frischen Luft wäre das etwas anderes. Wir haben uns da mit den zuständigen Gesundheitsämtern eng abgestimmt. Denn auch dort ist den Verantwortlichen ja klar: Eine Mannschaftsquarantäne beendet für das betroffene Team das Turnier.

Man sagt ja immer, bei Turnieren seien die Spieler besonders unter Druck. Wenn man das so hört, klingt das verdächtig danach, als seien Sie noch viel mehr unter Druck bei diesem besonderen EM-Turnier?

Die Dinge, die eine Rolle spielen, sind für mich persönlich nur bis zu einem gewissen Punkt zu kontrollieren. Ich habe immer das Prinzip gepflegt: Wir haben es hier mit erwachsenen Menschen zu tun. So gehe ich auch mit den Spielern und dem Team dahinter um. Sie alle bekommen erläutert, welche Maßnahmen aus medizinischer Sicht wichtig sind. Das Aufpassen, dass alles akribisch umgesetzt wird, hat aber seine Grenzen. Es bleibt auch das Statement gültig, dass eine absolute Sicherheit gegenüber dem Corona-Virus unter den aktuellen Bedingungen nicht zu gewährleisten ist. Es geht um Risikominimierung.

Zuletzt hat man oft gesehen, dass Mannschaften ausgelassen in der Kabine feiern. Was passiert bei der Nationalmannschaft nach einem Sieg gegen Frankreich? Schreiten Sie da nach spätestens 15 Minuten ein?

Die Emotionen gehören irgendwo dazu. Da sind wir wieder bei dem Aspekt der Balance. Wir können de facto nicht alles unterbinden. Die Hygieneregeln und das häufige Testen senken eben auch die Wahrscheinlichkeit sehr deutlich, dass infektiöse Personen unter uns sind. Zum Glück befinden wir uns gerade in einer Pandemielage, in der die Wahrscheinlichkeit für alle Menschen, sich anzustecken, geringer wird. Zumal bei uns ja einige Spieler die Krankheit schon hatten und viele Betreuer mindestens einmal und in einigen Fällen bereits zweimal geimpft sind.