Seefeld - Es rummst schon mal ordentlich beim Training auf dem satten Grün in Seefeld, Mats Hummels ist oft mittendrin. So will Joachim Löw das sehen, nicht nur beim Rückkehrer, auch bei allen anderen. Zweikampfschule, zwei gegen zwei, vier gegen vier, kleine Gruppen, die sich immer wieder beharken, hohe Intensität, Grundlagentraining für deutsche Nationalspieler. Selber schuld, sie haben zu wenig Männerfußball gezeigt in den paar Spielen im November und März, das 0:6 in Spanien und das 1:2 gegen Nordmazedonien wirken nach. Nie zuvor in seiner 15-jährigen Bundestrainer-Laufbahn hat Löw im Vorfeld eines Turniers so hart trainieren lassen. Selbst als Leroy Sané und noch ein paar andere schon japsend auf dem Boden liegen, kannte der einstmals nette Herr Löw keine Gnade: Steigerungsläufe diagonal über den Platz. Des Fußballspielers ärgster Feind!

Ein Debakel wie in Russland soll sich nicht wiederholen

Bei bedeutenden Maßnahmen pflegt Löw seine Rituale. Zum achten Mal befindet sich der Bundestrainer gerade vor einem großen Turnier. Da erscheint es ihm traditionell geboten, in Grundsätzen zu referieren. Diese Grundsätze hörten sich früher allerdings anders an. Wer gut zuhört, dem wird gewahr: Es hat sich etwas verschoben in der Welt des Jogi Löw. Einstmals war er ein gefeierter Bundesvorwärtstrainer, er mochte niemals profane Standards trainieren, keine Ecken und keine Freistöße, es ging ihm um Passhärte und Positionsspiel und um totale Dominanz.

In Seefeld sitzt der 61-Jährige vor einer Werbewand in einem geheimen Raum des DFB-Quartiers und bittet zur virtuellen Pressekonferenz. So etwas kann für viele Trainer zur lästigen Routine werden, hier aber möchte einer erkennbar etwas loswerden. Er möchte zeigen, dass er verstanden hat. Alles, was 2018 und in den zähen Jahren danach schiefgelaufen ist, soll sich bei der EM 2021 nicht wiederholen. Die Schmach von Kasan, das Aus des Weltmeisters in Russland gegen Südkorea, und die Debakel gegen Spanien und Nordmazedonien hallen bei vielen Sätzen im Subtext nach wie ein Totengeläut.

Sie hatten sich vor Russland zu nachlässig vorbereitet. Diesmal fordert Löw „höchste Intensität“. Sie hatten miese Stimmung im Team. Diesmal fordert Löw: „Eigeninteressen und Egoismen hinten anzustellen!“ Sie haben nicht mehr viel geredet. Diesmal fordert Löw „Vertrauen und Kommunikation“. Sie haben später dann, als die Alten fast alle weg waren – Gomez, Khedira, Müller, Hummels, Boateng – nachlässig verteidigt und unkonzentriert attackiert. Diesmal fordert Löw „konsequentes Agieren im Strafraum vorn und hinten“. Und auf einmal spricht er von Standardsituation viel mehr, als er das je in seinem Trainerleben getan hat.

Mats Hummels ist ein wichtiger Ansprechpartner

Mats Hummels ist nicht nur auf diesem Spezialgebiet ein wichtiger Ansprechpartner. Die Auswertung der vergangenen Saison hat ergeben, dass der 32-Jährige derjenige Bundesligaspieler mit den meisten Ballkontakten nach Standards war. Sein Defensivkopfball ist Legende, auch offensiv hat er bedeutende Treffer erzielt, allen voran das entscheidende Tor im Viertelfinale der WM 2014 gegen Frankreich.

Am Montagmorgen stand genau dieses von Löw einst verpönte Standardtraining auf dem Programm. „Sehr sinnvolle Inhalte, wenn man gesehen hat, wo es die vergangenen Jahre gehakt hat“, sagt Hummels. Er ist als Cheforganisator für diese Aufgaben vorgesehen. Er habe nach seinem Rauswurf aufs Comeback hingefiebert, berichtet der Dortmunder, der bei der Anreise „ein Kribbeln im Bauch“ verspürt hat. „Es war immer mein Ziel, mich noch mal heranzuarbeiten. Dass ich es geschafft habe, ist eine schöne Bestätigung.“

Bei der EM soll Hummels an der Seite von Antonio Rüdiger genau die Körperlichkeit ins deutsche Defensivspiel bringen, die zuletzt verlorengegangen war. „Wenn ich Chelsea geschaut habe, war Toni immer einer der überragenden Akteure“, stellt Hummels fest. Löws Liebling ist Rüdiger, ein Mann wie ein Baum, ohnehin. Weil er schnell ist und nie zurückzieht. Im Champions-League-Finale krachte der 28-Jährige so brachial mit Kevin de Bruyne zusammen, dass der Belgier mit Gesichtsbrüchen ausgewechselt werden musste.

Niklas Süle muss nach Luft schnappen

Das Duo Hummels/Rüdiger gilt in der deutschen Innenverteidigung als gesetzt, Hummels mehr mit Auge, Rüdiger mehr mit Tempo. Zumal der von Löw ursprünglich als Hummels-Nachfolger eingeplante Niklas Süle nach einem Muskelfaserriss noch erklecklichen Nachholbedarf hat und in den Tagen von Seefeld oft sichtbar nach Luft schnappen muss.

Wichtig sei, referiert Hummels, dass sie es miteinander schafften, „im Turnier Widerstände zu überwinden, wenn es mal schwer wird.“ Beim WM-Aus gegen Südkorea hatte sich der nach vorn geeilte Abwehrchef in den letzten zehn Minuten des verzweifelten Anrennens mehr Chancen herausgearbeitet als die gesamte Offensive in den 80 Minuten davor. Er vergab unglücklich. Nun will er die unverhoffte neue Chance umso mehr beim Schopfe packen.