Berlin - Die Abgesänge auf Joachim Löw waren bereits ausformuliert. Es war ja nur noch eine Sache von wenigen Minuten, dann hätte eine beispiellose Bundestrainergeschichte von Aufstieg und Fall ihr Ende erlebt. Ein Doppel-Aus in Vorrunden von EM und WM hat auch deshalb vorher niemand schaffen können, weil Erich Ribbeck 2000 gehen musste und Rudi Völler 2004 gehen wollte. Weltmeistertrainer Löw schenkte mehr sich selbst das Vertrauen, als dass ein betäubter Verband es ihm übertragen hätte, um die schwarze Stunde aus dem Sommer 2018 farbenfroher zu übermalen.

Nur ein Wimpernschlag fehlte zum nächsten tiefsten Tiefpunkt

Und nun fehlte nicht viel mehr als ein Wimpernschlag seiner 17-jährigen DFB-Karriere zum nächsten tiefsten Tiefpunkt. Die drei Jahre seit der WM in Russland wären endgültig als bleierne Zeit in den Kommentaren markiert worden, als verschenkte Phase, an deren Ende der einst gefeierte Weltmeistertrainer in seiner Hybris den Weg für einen Nachfolger erst viel zu spät freigemacht hätte. Und in der Joachim Löw mit einer auch im Weltvergleich immer noch sehr talentierten Mannschaft ein zweites Mal ruhmlos gescheitert wäre. Gegen Ungarn 2021 in München wie gegen Südkorea 2018 in Kasan.

Stattdessen schenkt das Schicksal dem 61-Jährigen nun weiter die Chance, den Eintrag in den Geschichtsbüchern zu beeinflussen. Statt „Setzen, sechs“ kann bei einem solch unvorhersehbaren Turnier (das Portugal vor vier Jahren ohne Sieg in der Vorrunde als Gruppendritter gewann) auch noch eine Note mit Schleifchen drum herum herauskommen.

Ein Trainer muss sich immer auch daran messen lassen, was er in den besonderen Momenten seiner Laufbahn entscheidet. 2014 im WM-Finale gegen Argentinien wechselte Löw André Schürrle und Mario Götze und damit den Titel ein. 2021 brachte er Leon Goretzka und Jamal Musiala, die gemeinschaftlich mit dem ebenfalls von der Bank gekommenen Timo Werner den späten Ausgleich gegen Ungarn festmachten.

Löw ist oft genug vorgeworfen worden, er habe bei allen strategischen Stärken zu viele Schwächen im operativen Geschäft, dann nämlich, wenn eine Mannschaft aus der Coaching-Zone heraus dringende Hilfe benötigt. Diesmal kann dieser Vorwurf nicht stechen, dazu haben die Einwechslungen in einem zerfaserten Spiel zu gut funktioniert.

Kritiker können Löw gleichwohl vorwerfen, er habe einfach alles an Offensivkraft reingeworfen, was da draußen noch nassgeregnet rumsaß: Goretzka, Müller, Werner, Volland, Musiala. Dem ist einerseits beizupflichten. Andererseits hat der Bundestrainer den Teenager Musiala, zuvor zweimal gar nicht im 23er-Aufgebot, jeweils zum perfekten Zeitpunkt befördert: indem er ihn überhaupt zur EM mitnahm, indem er ihn in den Spieltagskader aufnahm und indem er sich traute, den 18-Jährigen einzuwechseln.

Auftritt in allen Mannschaftsteilen enttäuscht

Es sind Errungenschaften, die bei aller Freude im DFB-Camp über den bevorstehenden Klassiker gegen England den Blick auf die Defizite nicht trüben dürfen. Sicher hat auch das zwischenzeitlich furchtbare Wetter das Spiel der Deutschen negativ beeinflusst. Aber Regen und Wind sind nur Begleiterscheinungen eines trüben Auftritts in allen Mannschaftsteilen gewesen, der nicht nur das Publikum, sondern auch die Beteiligten selbst enttäuschte.

Löw hat es – mit ganz wenigen Ausnahmen – nun schon lange nicht mehr geschafft, aus der individuellen Klasse einer guten Generation eine Mannschaft im eigentlichen Sinne zu formen, die sich auf eine stabile Struktur verlassen kann. Die aber immerhin im Donnergrollen Widerstandskräfte aufbot und Glück hatte. Und nun in Wembley eine anspruchsvolle und aufregende nächste Bewährungsprobe bekommt.