Berlin - Als der dänische Nationalspieler Christian Eriksen am Sonnabend um 18.43 Uhr auf den Rasen stürzte und reglos an der Seitenlinie liegen blieb, kam es mir so vor, als ob der Weltgeist sein finsteres Haupt erhebt und sagt: Ihr spielt Fußball in einer Pandemie? Okay, hier habt ihr die Quittung! War diese EM von Beginn an verhext und würde zu einer täglichen Aneinanderreihung von Katastrophen werden? Als quälende 107 Minuten später der Ball wieder rollte, die Fans applaudierten, die Spieler auf dem Platz wie von einer Last befreit umhersprangen, atmete ich erleichtert auf und dachte: Lass dich nicht ins Bockshorn jagen, letztlich triumphiert das Leben, so wie es das immer tut … Es wurde ein merkwürdig zerrissener Fußballabend, an dem die erzielten Tore und Punkte zur Nebensache schrumpften.

Die EM ist jetzt eine andere

Am Sonntag kehrte die Normalität ein Stück weit auf den Platz zurück. Es ging wieder um Flanken, Viererketten und den Videobeweis. Trotzdem ist die EM für mich nun eine andere. Wie ein Spiegel hatte mir der Vorfall ins Bewusstsein gerückt: Wir können der Realität nicht entfliehen. Auch im Fußball, diesem wunderbaren, sinnfreien und sinnstiftenden Phänomen stellen sich die Grundsatzfragen: Wie gehen wir mit Leid und Tod um? Wie reagieren wir auf die Zumutungen des Schicksals? Denn: Was tun wir, wenn wirklich mal ein Mensch vor den Augen von Millionen Zuschauern stirbt. Beenden wir das Turnier und fahren alle nach Hause? Halten wir nur einen Tag lang inne, trauern mit den Angehörigen und Freunden des Spielers, umarmen uns und machen danach weiter? Wäre das Ignoranz oder menschliche Stärke?

Die Frage des Weitermachens im Sport angesichts des Todes stellte sich schon einmal: im September 1972, als palästinensische Terroristen das Olympische Dorf in München überfielen. 17 Menschen starben. Einen halben Tag dauerte die Entscheidungsfindung. Dann gab es ein Ja zum Sport, zum Fortsetzen der Olympischen Spiele. Und wie wir heute wissen, war es die richtige Antwort. Trotzdem sollte diese Frage bei jedem Unglück neu gestellt werden, da helfen keine abgehefteten Statuten. Den Spielern am Samstagabend dieses Entweder-oder zu überlassen, mutete zunächst richtiger an, als es in Wirklichkeit war.

Moralisch geht es ans Eingemachte

Die Frage des Innehaltens oder Weitermachens schwebt seit Januar 2020 über der ganzen Welt, gestellt von einem Partikelmix aus Nukleinsäure und Proteinen. Seit anderthalb Jahren geht es moralisch ans Eingemachte. Und viele haben erkannt: Man kann dem Unentrinnbaren nicht entrinnen, aber man kann die Zeit davor mit richtig nützlichem Zeugs verbringen.

Ist Fußball nützlich? Nun, er ist wie das Leben: starr und lebendig, planbar und chaotisch, langweilig und spannend – immer das, was wir aus ihm machen. Also: Stellen wir den Fernseher auf Dauerschleife, holen wir uns ein Kaltgetränk nach dem anderen aus dem Kühlschrank und genießen dieses grandiose Spektakel bis zum 11. Juli. Mit Herz und Hingabe und dem Wissen um unsere Zerbrechlichkeit.