Berlin/Glasgow - Er hat seine Sache gut gemacht, richtig gut sogar. Deshalb darf Daniel Siebert, der in Berlin-Lichtenberg geboren wurde und in Teilzeit an der Sportschule Hohenschönhausen Sport und Geografie unterrichtet, darauf hoffen, dass sein Einsatz bei der 0:2-Niederlage der Schotten gegen die Tschechen bei dieser Europameisterschaft nicht der einzige bleibt. Wenngleich die Kriterien, wonach die Europäische Fußball-Union (Uefa) den Hauptschiedsrichter für die jeweilige Partie aussucht, mitunter schwer nachzuvollziehen sind.

In pinkem Dress, schwarzer Hose und pinken Stutzen war der 37-Jährige zu seinem bis dato wichtigsten Spiel aufgelaufen, blieb trotz der Signalfarben aber weitgehend unauffällig, was ja grundsätzlich das Ziel eines jeden Schiedsrichters sein sollte. Dabei erforderte die Partie von der ersten Minute an von ihm und seinen Kollegen an den Seitenlinien, also auch von Jan Seidel und Rafael Foltyn, die höchste Aufmerksamkeit. Richtig wild ging es vor 13.000 Zuschauern im Hamden Park zu, so wild, dass man bei den zahlreichen Boden- und Luftzweikämpfen wirklich genau hinsehen musste, wer denn nun der gefoulte beziehungsweise der foulspielende Akteur ist. Oder wer denn nun als Letzter bei einem Einwurf am Ball war. 

In einem Interview mit der Berliner Zeitung hatte Siebert mal erklärt, dass es ihm womöglich zum Vorteil gereiche, dass er selbst mal ganz passabel Fußball gespielt habe. Bis in die Landesliga schaffte er es, Oberliga wäre wohl möglich gewesen, wenn er als 14-Jähriger von einem Mitschüler nicht auf die Idee gebracht worden wäre, sich doch auch mal als Schiedsrichter zu versuchen. Wortwörtlich sagte Siebert, der 2012 erstmals in der Bundesliga zum Einsatz kam, dabei Folgendes: „Ich wusste auch schon mit 14, wie Fußball auf höherem Level funktioniert. Und ich habe immer versucht, so zu pfeifen, wie es die Spieler haben wollen. Das kam, glaube ich, ganz gut an und ist womöglich ein wichtiger Baustein für meinen Erfolg.“ 

Es als Unparteiischer allen recht zu machen, ist allerdings dann doch ein Ding der Unmöglichkeit. So beklagten sich die Schotten, dass er vor der ersten größeren Chance der Tschechen, wobei Patrik Schick in der 16. Minute an Keeper David Marshall scheiterte, zuvor auf ein vermeintliches Foul an einem ihrer Spieler nicht mit einem Pfiff reagiert hatte. So forderten die Gastgeber kurz vor Ende der ersten Hälfte auch noch einen Strafstoß. Scott McTominay war mit seinem mächtigen Körper von einem tschechischen Abwehrspieler gestoppt worden, allerdings, wie auch in der Zeitlupe zu sehen war, regelkonform. Zu diesem Zeitpunkt hieß es bereits 0:1, denn Schick hatte in der 36. Minute aus einer Flanke von Vladimir Coufal auf beeindruckende Art und Weise per Kopf ein Tor gemacht.  

Schick trifft aus 45 Metern

In der zweiten Hälfte musste Siebert vielleicht einen Tick weniger laufen, dafür aber umso achtsamer sein, weil die wütenden Schotten auf den Ausgleich drängten und das Geschehen sich weitgehend in der Hälfte der Tschechen abspielte. Richtig turbulent wurde es, als Jack Hendry nach einem Ausflug von Tschechiens Schlussmann Tomas Vaclik nur die Querlatte traf (48.) und eine Minute später Vaclik gerade noch seinen Team- und Vornamenskollegen Kalas vor einem Eigentor rettete.

Die Hoffnung der Schotten auf eine Wende erfuhr allerdings schon in der 52. Minute einen weiteren Dämpfer. Schick sah bei einem Konter, dass Marshall weit vor seinem Tor positioniert war, wagte aus 45 Metern mit links einen Abschluss, und tatsächlich senkte sich der Ball über Marshall hinweg ins Netz. Ein Tor war das, das seinen Platz in der Top-Ten dieser EM schon sicher hat. 

Schwangere Frau wartet in Berlin

Bei all dem Gewusel im Strafraum der Tschechen, das nun folgte, bei all der Aufregung, die durch die mitunter guten Chancen der Schotten durch Stuart Armstrong (61.), Lyndon Dykes (66.) und McTominay (77.) verursacht wurde, verlor Siebert nie den Überblick, deutete immer alles korrekt, kam ohne Gelbe oder Rote Karte aus. Auch das spricht für ihn. 

Neben der Uefa gibt es übrigens noch einen Unsicherheitsfaktor, was Sieberts nächsten EM-Auftritt anbelangt. Seine Frau ist schwanger, der wahrscheinliche Geburtstermin fällt in den Zeitraum der Europameisterschaft.